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Zuerwerb und gleichzeitig helfen

Hauswirtschaftlicher Dienst als Erwerbsmöglichkeit

Wie die Mutter Kinder und Haushalt gemeinsam managt: Dienstleisterin Gerlinde Salmon im Einsatz.
Gerlinde Salomon
am Freitag, 04.11.2022 - 07:15

Der Hauswirtschaftliche Fachservice (HWF) bietet als selbstständige Dienstleisterin eine attraktive Erwerbsalternative.

Gerlinde Salmon schaut auch im Stall nach dem Rechten.

Viele Landwirtsfamilien suchen heute zur Einkommenssicherung nach Möglichkeiten der Erwerbskombination. Hofläden stehen dabei hoch im Kurs. Nicht selten binden diese Projekte aber die finanziellen Mittel und die Arbeitskraft so stark, dass sie wieder aufgegeben werden.

Für Landfrauen und -männer, die eine Ausbildung im hauswirtschaftlichen, erzieherischen oder heilerziehungspflegerischen Bereich absolviert haben, bietet der Hauswirtschaftliche Fachservice (HWF) eine attraktive Erwerbsalternative. Wenn eine Mutter durch Krankheit ausfällt und es in der Familie niemanden gibt, der ihre Aufgaben übernehmen kann, springt der HWF ein: Wo Kinder unter 12 Jahren oder Kinder mit Behinderung zu betreuen sind, finanzieren die Krankenkassen den Einsatz einer Haushaltshilfe bis zu maximal 26 Wochen. Bei Versicherten ohne Kinder für bis zu vier Wochen nach einem Krankenhausaufenthalt.

In Haushalt und Erziehung tätig

Unterstützung in der Selbstständigkeit: Einsatzleiterin Bettina Urlbauer vermittelt die Arbeitseinsätze.

Die hauswirtschaftliche Dienstleisterin übernimmt Aufgaben in Haushalt und Erziehung. Diese sind durch die Krankenkasse genau definiert. Nicht das Putzen steht im Vordergrund, sondern die Versorgung und die Bedürfnisse der Kinder. Da wird dann schon einmal erst gemeinsam ein Buch gelesen, bevor im Haushalt etwas getan wird.

„Wir versorgen oft echte Härtefälle, in denen mehrere Probleme zusammenkommen“, meint Bettina Urlbauer, Einsatzleiterin beim HWF Donau-Ries. Komplikationen nach einem Kaiserschnitt, Wochenbettdepressionen, Reha-Maßnahmen, Krebserkrankungen können solche Gründe sein, warum eine Familie auf die Unterstützung des HWF angewiesen ist.

Urlbauer glaubt deshalb auch, dass die Einsätze, die sie vermittelt, nicht nur für gelernte Hauswirtschafterinnen, sondern auch für Erzieher und Heilerziehungspflegerinnen interessant sind.

Zweiter Kunde des HWF ist das Jugendamt

Ein zweiter Kunde des HWF ist das Jugendamt. Familien, in denen es Defizite in der alltäglichen Organisation, der Strukturierung des Haushalts oder der Pflege und Grundversorgung der Kinder gibt, bekommen häufig die Auflage, sich durch eine Fachkraft begleiten zu lassen. Das „Trainingsprogramm zur Alltagsbewältigung“ wurde im Jahr 2001 von der Sozialpädagogin Regina Böttcher entwickelt und schult die Familien in ihrem eigenen Zuhause. Drei der derzeit 14 Dienstleisterinnen im HWF verfügen über die Zusatzqualifikation.

Zur Gründung des HWF Donau-Ries kam es 2003 auf Initiative des Landwirtschaftsamtes. Alle ehemaligen Absolventinnen der Hauswirtschaftsschule wurden zu einem Treffen eingeladen. Die ersten Mitglieder sind heute noch dabei. Der HWF wuchs in den Folgejahren auf ein Team von 35 aktiven Dienstleisterinnen an. Inzwischen sind einige Hauswirtschafterinnen altersbedingt in die Fördermitgliedschaft gewechselt und neue Mitglieder werden dringend gesucht, um alle Anfragen bedienen zu können. Auch wenn heute keine Privateinsätze für Selbstzahler mehr gemacht werden, so ist der Bedarf vonseiten der öffentlichen Träger sehr groß.

Zusammenschluss selbstständiger Dienstleisterinnen

Der Hauswirtschaftliche Fachservice ist ein Zusammenschluss selbstständiger Dienstleisterinnen. Dies sind im Augenblick Hauswirtschafterinnen, Hauswirtschaftsmeisterinnen, Dorfhelferinnen und Betriebsleiterinnen. „Das Gute bei uns ist: Jedes Mitglied bestimmt selbst, in welchem Umfang es sich engagieren will.“ Urlbauer vermittelt Einsätze von nur drei Stunden pro Woche bis zu Einsätzen mit täglich acht Stunden.

Nicht überschritten werden darf dabei entsprechend der Kleinunternehmerregelung ein Gesamteinkommen von 21 000 € aus der Tätigkeit über den HWF. Für Mitglieder, die über den HWF nebenberuflich arbeiten, empfiehlt sich eine Beschäftigung über der 450-Euro-Grenze, um krankenversichert zu sein. Ansonsten nutzen die Mitglieder die Möglichkeit, sich über die Familienversicherung zu versichern, oder sind freiwillig in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert.

Durchschnittliche Stundensatz liegt bei rund 30 € plus Kilometergeld

Der durchschnittliche Stundensatz liegt bei rund 30 € mit zusätzlichem Kilometergeld. Auf jedes Mitglied kommen etwa 120 € an Aufwendungen pro Jahr zu: Diese errechnen sich aus den Beiträgen zu einer Gruppenhaftpflichtversicherung, dem Jahresbeitrag für den örtlichen Verein und den Umlagebeitrag für den Dachverband. Hinzu kommen 8 % aus jeder Rechnung, wenn eine Einsatzvermittlung zustande kommt.

Im Gegenzug hat das einzelne Mitglied Anspruch auf ein ganzes Paket an Leistungen: Einsatzleiterin Bettina Urlbauer ist zuständig für die Einsatzvermittlung zwischen Versicherten, Trägern und Dienstleisterin. Sie organisiert und koordiniert die Einsätze. „Ich stehe den Mitgliedern mit Rat und Tat zur Seite.“ Ein digitales Abrechnungssystem wird gerade eingeführt. „Das Mitglied erfährt Unterstützung und ist doch sein eigener Chef.“

Die vierteljährlichen Mitgliedertreffen des HWF bieten eine Plattform für den gemeinsamen Erfahrungs- und Informationsaustausch. Zum Angebot für die Mitglieder gehören zudem Fortbildungen. Der HWF fordert – wie auch die Krankenkassen – die Teilnahme an zwei Fortbildungen im Jahr und bietet Seminare für seine Mitglieder an. Das Spektrum an Themen ist so vielfältig wie der Beruf: Von Nahrungsunverträglichkeiten oder professioneller Boden- und Fensterreinigung reichen diese bis zu einem Erste-Hilfe-Kurs bei Kindern oder der Frage: „Wie grenze ich mich ab?“

Flexibilität ist eine wichtige Voraussetzung für den Beruf: „Man muss sich auf die wechselnden Umstände einstellen können“, meint Urlbauer. „Man muss reinfinden und rausfinden. Das Letztere ist oft schwieriger.“ Wenn man mit Leib und Seele seine Arbeit macht, ist Abgrenzung nicht leicht, gerade wenn Kinder im Spiel sind. „Beim ersten Einsatz, den ich vermittelt habe, ist die Mutter nach einer Woche gestorben. Aber es bereichert und es erdet.“

Flexible Arbeitsmöglichkeiten

Flexibel sind aber auch die Arbeitsmöglichkeiten, so dass sich das Engagement beim HWF für Frauen und Männer in den unterschiedlichsten Lebenssituationen eignet: für die Absolventen des Teilzeitstudiengangs Hauswirtschaft am AELF als staatliche geprüfte Hauswirtschafterin, die Mutter in Elternzeit, die Hauswirtschafterin, Erzieherin, Kinderpflegerin oder Heilerziehungspflegerin, die nach Jahren der Erwerbspause den Wiedereinstieg sucht, oder eben die vielbeschäftigte Bäuerin mit der kleinen zeitlichen Ressource für einen Nebenerwerb.

Wenn man sich den Arm bricht, sollte man das nicht in der Erntezeit tun. Beinahe wäre die Autorin selbst einmal in den Genuss der Leistungen des HWF Donau-Ries gekommen. Doch die Bäuerin aus dem Nachbardorf war wegen der Spargelernte nicht verfügbar. Das war damals Pech, aber es zeigt: Das Engagement beim HWF bietet Bedingungen, die sich gut mit dem Leben als Landfrau verbinden lassen.

Wenn man mit Leib und Seele seine Arbeit macht, ist Abgrenzung nicht leicht, gerade wenn Kinder im Spiel sind.