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Pflanzaktion

Einen Hausbaum einplanen

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Horst Hacker
am Montag, 17.05.2021 - 05:16

Hausbäume waren eigentlich schon immer ein willkommenes Glückssymbol, weshalb sie vorzugsweise zu besonderen Anlässen, wie zum Beispiel dem Bau eines Hauses, einer Hochzeit oder der Geburt eines Kindes gepflanzt wurden. Doch heute fehlt oft der nötige Platz für einen Hausbaum.

Um die fünfzehn Interessenten folgten der Einladung der Dietmannsrieder Ingenieur GmbH Klinger zum erstmals 1408 erwähnten Reisachhof unweit des südlichen Ortsrandes von Sulzberg im Landkreis Oberallgäu. Dort gab es einen Präsentationstermin zur „Hausbaum-Aktion: 2021 Bäume für das Allgäu“. Der Reisachhof wird gleich von zwei solchen Hausbäumen geziert: von einer imposant in Breite und Höhe ausladenden Linde gegenüber dem Eingang zum Wohnhaus und einer hoch aufragenden stattlichen Fichte vor dessen Giebelseite. Sie machten den ehrwürdig alten Hof zum optimalen Standort für diese Veranstaltung.

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Der Hausbaum blickt auf eine lange Tradition zurück. Ursprünglich wurde er zum Schutz des Gebäudes und seiner Bewohner vor Unwetter gesetzt. Es war eine Selbstverständlichkeit, dass in jeden Garten ein solcher Baum gehört. In sommerlicher Hitze angenehmen Schatten spendend, verleiht er Haus und Grundstück einen unverwechselbaren eigenen Charakter, verleiht Haus und Hof anheimelnde Gemütlichkeit, wie sie in zahlreichen volkstümlichen Liedern besungen wird. So heißt es etwa im Lumpenlied „Prost Brüder bei der Linde“: „Bei uns gibt‘s koi Widerwärtigkeit“ und dann „Bei uns gibt's koin Streit“.

Zu wenig Platz für einen Hausbaum

In höherwertigerem Liedgut, wie bei Iwan Rebroff („Eine weiße Birke steht vor meinem Haus“) oder „Am Brunnen vor dem Tore“ ist davon die Rede, dass dort ein Lindenbaum steht, in dessen Schatten „ich so manchen süßen Traum“ träumte. „Ich schnitt in seine Rinden so manches liebe Wort. Es zog in Freud und Leide zu ihm mich immer fort.“ Und der gute alte Kölner Bassbariton Willy Schneider (1905 – 1989) erinnert sich: „Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde, vor meinem Vaterhaus steht eine Bank. Und wenn ich sie einst wieder finde, dann bleib' ich dort ein Leben lang.“ Solche und vergleichbar ähnliche Lieder zum Baum vor dem Haus beweisen, dass man ihn mit Fug und Recht als ein Stück ehrwürdig alten Kulturguts rühmen darf.

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Wenn solches Gut samt alten Werten bis heute vielfach verloren gegangen ist, dann liegt das vor allem an den sich wandelnden Ansprüchen der Menschen. Hauptsächlich aber auch daran, dass die Gartengrundstücke infolge ihrer Preisentwicklung immer kleiner ausfallen. Oft so klein, dass für einen mächtig ausladenden Baum einfach der nötige Platz fehlt.

Im Beisein von Thomas Bechteler, dem Geschäftsführer Allgäuer Herdebuchgesellschaft, und deren Vorsitzenden Nobert Meggle sowie Buchautor und Coach Oliver Alexander Kellner bedauert das der durch und durch heimatbewusste Sebastian Klinger sehr: „Alte Traditionen werden im Tiefbau kaum mehr gelebt. Wir müssen aktiv werden, um alte Traditionen wieder neu zu beleben, und lernen, den Wert von Natur wieder mehr zu schätzen.“ Die Planer, wurde angeregt, sollten Platz für den Hausbaum berücksichtigen.

Hausbäume in die Natur pflanzen

Das Allgäu zu durchqueren, ohne mit einer Ingenieurleistung der Firma in Berührung zu kommen, sei kaum möglich, wird im Einladungsschreiben des Büros Klinger behauptet. Gemäß dem Firmenslogan „Ingenieurleistung für Generationen“ geht Klinger bestimmte Selbstverpflichtungen ein. In Kontakt mit der Bechteler-Aktion, der Pflanzung von 2021 Hausbäumen für das Allgäu, bekam zum Beispiel das wegweisende Kemptener Neubauprojekt „Halde“ mit 220 Häusern als besondere Maßnahme auch seine 220 Hausbäume. Weil Wohnraum immer knapper wird, sagt Sebastian Klinger, „pflanzen wir die Hausbäume mitten in unsere schöne Allgäuer Natur“. So habe jeder was davon.

Im Kontakt mit der Allgäuer Herdebuchgesellschaft, die in der Region über verschiedenste Waldflächen mit Pflanzbedarf verfügt, konnten eine Woche zuvor bereits die ersten 600 Bäume mit dem nötigen Verbissschutz im Wald nahe dem Reisachhof gepflanzt werden. Warum jeder Baum auch für nachfolgende Generationen wichtig ist, erklärt Klinger so: „Unsere Bäume sind Staubfilter, Sauerstoff- und sogar Wasserproduzenten. Denn wo Wald ist, folgt erhöhter Niederschlag und der Wasserzyklus ist im Gleichgewicht.“ So habe man durchaus auch Einfluss auf künftiges Allgäuer Klima.

Eine fachmännische Einweisung gegeben

Bevor zu den praktischen „Pflanztaten“ geschritten wurde, führte Simon Schüssel als Mitarbeiter der Herdebuchgesellschaft die Gruppe an den Reisachtobel, um sie dort zunächst theoretisch einzuweisen und ausgeprägt fachmännisch darüber zu belehren, was es im einzelnen zu beachten gilt. Grundsätzlich ist stets darauf zu achten, dass für jeden zu pflanzenden Baum genügend Platz besteht. Weil Baumpflanzen dazu neigen, recht schnell auszutrocknen, sollten die Setzlinge immer rasch gepflanzt werden. Beim Bergahorn und der Lärche ist es ratsam, die Setzlinge zuvor zum Beispiel auf einem Gartenbeet einzuschlagen. Weil sie besonders trockenheitsanfällig ist, werden die kleinen Weißtannen als Topfpflanze behandelt.

Vor allem bei längerem Wurzelwerk ist unmittelbar vor dem Pflanzen ein Rückschnitt anzuraten. Dadurch kann das Wurzelwerk im Boden nicht verwirbeln, was dazu führen kann, dass sie sich dann selbst abschnüren und absterben.

Nach der Einweisung führte Schüssel seine Teilnehmer rund 150 Meter tobelabwärts an steiler Böschung zur Tat. Sie gingen alle sichtlich freudig ans Werk. Insbesondere die mitmachenden Kinder waren mit Feuereifer bei der Sache. Er erklärte noch die Handhabung des wichtigsten Werkzeugs, der gewichtigen Wiedehopfhacke. Mit diesem kraftvollen, manuellen Gartenwerkzeug lassen sich auch steinige, harte Böden umgraben und mit der scharfen Klinge selbst dicke Wurzeln aus der Erde entfernen.

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Das gilt insbesondere auch für die Spitz- und Breithacke. Mit diesem multifunktionalen Werkzeug ist es möglich, selbst Brennholz zu zerkleinern, ja sogar das Fällen von Bäumen soll sich mit ihr erledigen lassen. Geht es darum, einen Tiefwurzler zu pflanzen, wird mit der Spitzhacke das Pflanzloch erstellt. Bei Flachwurzlern wendet man das Gerät auf seine andere Seite und schafft mit der Breithacke eine kleine quadratische Fläche für den Setzling. Sie wird nach dem Einpflanzen wieder verfüllt und durch Antreten verfestigt.

Den Platz fürs Leben zugewiesen

Nachdem zwei robuste Herren der mittleren Altersklasse einem putzig kleinen „Lärchenkind“ seinen Platz fürs Leben zugewiesen hatten, entspann sich ein amüsanter Disput zwischen den beiden. Nämlich um die umstritten schwierige Frage, ob die Lärche ein Nadel- oder ob sie ein Laubbaum sei.

Wer immer noch Zweifel hat, möge im Lexikon nachlesen. Dort ist zu erfahren, dass der deutsche Baum des Jahres 2012 zu den sommergrünen Baumarten gehört, dass er also im Spätherbst seine nadelförmigen weichen Blätter abwirft. Alles klar?

Am Ende erwartete die Teilnehmer auf dem Reisachhof ein deftig duftend gedeckter rustikaler Brotzeittisch zur wohlverdienten Stärkung.