Ein hartes Tagwerk Arbeit

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Florian Maucher
am Donnerstag, 23.08.2018 - 14:34

14 bis 16 Stunden dauert der Arbeitstag von Maria und Roman Jäckle. Das eingespielte Team genießt den Sommer auf der Breitengehrenalpe, freut sich aber auch schon auf den Herbst, wenn am Berg wieder Ruhe einkehrt.

Den Klang der Weidschellen im Ohr, die Allgäuer Hochalpen im Blick und den Alpkäse auf der Zunge. Alpgenuss und Wanderidylle pur. Zumindest, wenn man als Gast auf der Terrasse der Breitengehren-Alpe Platz genommen hat. Doch auch Maria Jäckle lässt sich die viele Arbeit im Hintergrund nicht anmerken und trägt mit jeder Brotzeit auch ein freundliches Lächeln mit unter die gelben Sonnenschirme im Schutz der 400 Jahre alten Hüttenwand.
Während die Hütte zu den ältesten Alpgebäuden im gesamten Allgäu zählt, verbringt die sympathische Hirtin und Wirtin erst ihren zweiten Sommer hier oben auf 1150 m Höhe. Einige Jahre Erfahrung mehr bringt ihr Mann Roman mit an den Berg. Der 24-jährige Ofterschwanger verbrachte nach abgeschlossener Lehre zum Metallbauer zwei Sommer auf den Graubündner Alpen Nova und Ramosa – den ersten Sommer als Hirte, den zweiten nach einem dreiwöchigen Sennenkurs am Plantahof bereits als verantwortlicher Senn.
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„Das Käsen taugt mir“, sagt der Senn knapp und hält prüfend den Finger in die eingedickte Milch im 500-l-Kupferkessel. Noch ist es nicht Zeit für den nächsten Arbeitsschritt und Jäckle kehrt zurück zum Gespräch: „Letztes Jahr wurde ein Senn für die Alpe Breitengehren gesucht – so hat es mir hierher verschlagen.“ Seit heuer sind er und seine Frau Maria alleinige Pächter und somit Herr und Frau über Käse, Vermarktung und Vieh.

Viel investiert

29 Milchkühe von acht Oberallgäuer Landwirten stehen von Ende Mai bis Anfang/Mitte September unter der Obhut der Jäckles. Rund 42 000 l Milch verarbeitet das Paar zu etwa knapp 4 t Berg-, Schnittkäse und Romadur sowie 400 kg Butter. Damit sie aber wirtschaften konnten, mussten sie erst einmal kräftig investieren: „Alles, was man hier auf der Alpe bewegen kann, gehört uns“, erklärt die Wirtin. Neben sämtlichem Käsereibedarf und notwendigen Gerätschaften im Stall, richtete das Paar auch die Gastronomie komplett frisch ein.
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Dafür konnten die Beiden ihre Arbeit in einem modernen Alpgebäude aufnehmen. Denn neben der historischen Alphütte entstand im Jahr 2012 ein moderner Neubau mit viel Platz für das Vieh im Obergeschoss und einer geräumigen Sennerei im Erdgeschoss mit dem dahinterliegenden Käselager. Realisiert hat den Neubau Manfred Kurrle, zu dessen Naturschutzstiftung Allgäuer Hochalpen nicht nur die Sennalpe Breitengehren, sondern auch das umliegende Rappenalptal mit einer Reihe weiterer Hütten gehört. Das einstige Jagdrevier des Prinzregenten Luitpold war dabei lange Zeit von Oberstdorf her gar nicht zugänglich. „Die Rossfälle haben den Weg hier hoch versperrt“, kennt Roman Jäckle die Geschichte des Tales, zu dem inzwischen ein Weg in den Fels gesprengt wurde. Auch die Bauweise der alten Hütte deute daraufhin, dass diese von den benachbarten Österreichern errichtet wurde. „Die haben ihr Vieh für den Sommer über den Schrofenpass hierher aufgetrieben.“

Kurzrasenweide

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Heute ist der Auftrieb für Hirten und Vieh von Oberstdorf her über den asphaltierten Weg weit weniger gefährlich, dafür aber deutlich zeitiger datiert als einst. Bereits Ende Mai graste das Milchvieh an den sonnigen Hängen. „Wir machen Kurzrasenweide und versprechen uns durch die Schmackhaftigkeit des Futters mehr Milch und Inhaltsstoffe. Außerdem kommen wir so besser gegen das Unkraut an, weil die jungen Triebe noch mitgefressen werden.“ Farn, Rossminze, Weißer Germer und Ampfer bereiten auf den Alpflächen große Schwierigkeiten. „Ich bin täglich zwei Stunden nur zum Schwenden unterwegs“, erklärt der Senn die Notwendigkeit, um gegen die Verbuschung anzukommen. 4 ha seien deswegen in den letzten Jahrzehnten bereits an Weidefläche verloren gegangen. „Ziegen könnten uns da entscheidend helfen, aber die dürfen wir laut dem Jagdaufseher wegen der Parasitengefahr und der eventuellen Übertragung aufs Wild bis jetzt nicht halten.“
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Dabei könnte das Paar die Entlastung durch die kletterfreudigen Kleinwiederkäuer gut gebrauchen: „Unser Tag beginnt um kurz nach vier“, so die Älplerin, die zuerst in der Sennküche das Feuer entfacht, während ihr Mann die Kühe von den Weiden holt. Während er milkt, bereitet sie die Sennküche vor und labt nach dem Melken die Milch im Kessel ein. Nach dem gemeinsamen Frühstück kümmert er sich weiter um den Käse, während sie im Käsekeller die kleinen Laibe pflegt und sich im Anschluss um die Schweine, Hühner und die Vorbereitung für den Gastbetrieb kümmert.
Die Gäste halten Maria Jäckle den Nachmittag über auf Trab. Ihr Mann schwendet, holzt oder schmiert den Käse, bevor er gegen 15 Uhr die Kühe erneut in Richtung Stall treibt. Fertig ist das gut eingespielte Team erst zwischen 19 und 20 Uhr – und meist auch am Ende ihrer Schaffenskräfte: „In der Regel kochen wir noch und gehen dann ins Bett.“ Eher selten komme es vor, dass sie nach Feierabend noch eine kleine Bergtour machen, sich mit Alpnachbarn treffen oder gar noch Gäste da sind.

Qualität zählt

Gäste fühlen sich wohl auf der Breitengehren: „Viele kommen wegen der Brotzeitplatte, da ist richtig was drauf“, erklärt die Wirtin. Es sei wichtig, sich abzuheben, versichert die studierte Sportökonomin mit Schwerpunkt Wirtschaft und Marketing: Dabei legt sie Wert auf die Optik der Mahlzeit, aber auch die Qualität. Discounterware kommt ihr deshalb nicht aufs Brett: „Wir sind Mitglied beim Allgäuer Alpgenuss und beziehen alle unsere Lebensmittel – sofern sie nicht ohnehin von unserer Alpe stammen – von regionalen Handwerksbetrieben.“ So sorgen die Kühe für die Milchprodukte, die Schweine für Schinken und die Hühnereier werden in den Kuchen verbacken. Eier und Käse verschmelzen an manchen Tagen auch zu Kässpatzen. Die gibt es aber nur nach SMS-Anmeldung am Vortag bei der Hüttenwirtin.
Der Gastbetrieb trägt entscheidend zum Einkommen bei: „Die Gastro und der Käseverkauf finanzieren unseren Lohn je zur Hälfte“, weiß Jäckle. Dabei trage die Gastronomie wesentlich zum rentablen Käseverkauf bei: „Anders bekommst du so eine Menge nicht los. Wenn wir über die Händler gehen, schmälert das unseren Gewinn.“ Rund 16 € bekommen sie pro Kilo Käse ab Alphütte – die Preise liegen aber je nach Alter der Laibe darüber oder darunter. Rund zwei Drittel der Menge können sie so direkt ab Hütte verkaufen, den Rest von daheim, über das Hostel Oberstdorf, den Käseladen Hindelang und die Siedelalpe, die Romans Eltern bewirtschaften. „Und meine Familie nimmt jeden Monat vier Laibe mit in den Bayerischen Wald“, weiß die Älplerin um den guten Absatz in ihrer ursprünglichen Heimat.
Damit der Käse auch im Winter zum Kunden kommt, steigen Jäckles mit den Skiern durch den Schnee hinauf zur Alpe. Rund eine dreiviertel Stunde sind die beiden dann unterwegs. Runter geht es schneller – auch dank dem 25-kg-Laib auf dem Rücken. Roman traut sich bei hohem Bedarf auch zwei Laibe zu: „Aber das ist grenzwertig“, gibt er zu.
„Es ist viel Arbeit“, sind sich die Beiden einig, „aber eben auch schön.“ Das Paar genießt es, in den Bergen und mit der Natur zu arbeiten. Dabei schätzt die Hirtin besonders die frühen Morgenstunden: „Die sind am schönsten: Da ist niemand anderer da, wir sind nur zu zweit in der Sennküche und beim Vieh.“ Das enge miteinander Arbeiten stellt dabei für die frisch Verheirateten kein Problem dar: „Das geht total gut, jeder hat seine Aufgaben. Man kann den ganzen Tag reden und den anderen um Rat fragen, das ist viel besser als im Winter.“

Mehr Ruhe im Winter

Dennoch wissen beide auch das Winterhalbjahr zu schätzen, wenn die Tage nicht mehr derart durchgeplant sind, wie auf der Alpe. „Wenn das Vieh weg ist, hält mich hier nichts mehr“, erklärt Roman Jäckle, der von Kindesbeinen an mit seinen Eltern in den Bergen war. Während er im Winter als Metallbauer tätig ist, gibt die gelernte Skitrainerin Kurse und arbeitet bei Eventunternehmen in der Planung und als Outdoor-Führerin. Beide haben dieses Jahr aber noch einen weiteren Grund, sich auf das Saisonende zu freuen: Nach der standesamtlichen Hochzeit kurz vor dem Alpaufzug folgt die kirchliche Trauung direkt nach Saisonende. Florian Maucher

Betriebsspiegel:

Team: Roman (24) und Maria (26) werden unterstützt von Familie und Freunden sowie während den Sommerferien von Kleinhirtin Madeleine Walter aus Bolsterlang

Fläche: 30 ha Lichtweide auf 1150 bis 1330 m Höhe plus 8 ha Wald

Vieh: 29 Kühe, 16 Stück Jungvieh, 17 Schweine, 2 Esel, 20 Hennen mit Hahn und Hund

Vermarkung: Bergkäse, Schnittkäse (Chili und Kräuter), Romadur, Butter, Wurstwaren und Frischfleisch vom Alpschwein (bei Abnahme von halber oder ganzer Sau je 4,5 € pro kg)

Wege zur Alpe: Per Rad vom Parkplatz der Fellhornbahn hinauf ins Rappenalptal oder zu Fuß über Einödsbach und die Petersalpe zur Breitengehren.