Milchviehhaltung

Handlungsbedarf am Spitalhof

Kempten
Brigitte Früh
am Donnerstag, 19.12.2019 - 10:36

Finanzen sind in Ordnung. Neubau des Milchviehstalles steht an.

Kempten - Der Milchwirtschaftliche Verein Bayern e.V. (MVB) engagiert sich in vielfältiger Weise für die Milchwirtschaft – von der Urproduktion bis zur Veredelung. Über die Unternehmungen des Vereins und seiner angeschlossenen Institutionen berichtete der Vorsitzende Hans Epp bei der diesjährigen Mitgliederversammlung in Kempten. Denkanstöße zur Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft gab Wolfgang Schleicher, Betriebsleiter der Gutsverwaltung Altenburg GbR in Thüringen.

Eine wesentliche Finanzierungsquelle für die Umsetzung der ideellen Aufgaben des MVB sind die Liegenschaften des Vereins. Deren Unterhalt binde aber auch Arbeitskapazität und Personal, so Epp. „Unsere finanziellen Angelegenheiten sind in den allerbesten Tüchern“, wusste der MVB-Vorsitzende indes zu berichten, als er die Inhalte der internen Sitzung vom Vormittag am Nachmittag kurz zusammenfasste. Die Mitgliedsbeiträge bleiben demnach weiterhin unverändert. Als neuen Leiter des landwirtschaftlichen Betriebs Spitalhof, den der MVB bewirtschaftet, stellte Epp Tobias Alberstetter aus Unterthingau vor. 

Als Versuchsstandort genutzt

Epp sieht am Spitalhof kurz-, mittel- und langfristigen Handlungsbedarf, insbesondere hinsichtlich des geplanten und vom MVB als unabdingbar erachteten Neubaus des Milchviehstalles. Denn der Spitalhof wird im Rahmen einer Kooperation mit dem Freistaat Bayern seit vielen Jahren für die überbetriebliche Aus- und Fortbildung und als Standort für Grünlandversuche der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) durch das Lehr-, Versuchs- und Fachzentrum (LVFZ) für Milchviehhaltung, Grünland und Berglandwirtschaft genutzt. Die Verlängerung des im Herbst 2020 auslaufenden Kooperationsvertrages steht noch aus. Unsicherheiten über die Zukunft des Spitalhofs als Versuchsstandort gibt es auch wegen der Neustrukturierung der LfL, in deren Zuge die Lehr-, Versuchs- und Fachzentren und das Versuchswesen in Bayern künftig von der neu gegründeten Bayerische Staatsgüter (BaySG) koordiniert werden. Hans Epp ist jedenfalls zuversichtlich, die anstehenden Aufgaben am wirtschaftlichen Betrieb Spitalhof mit Hilfe des „superguten Teams“ gemeinsam erfolgreich bewältigen zu können. 

Aus dem Bericht des MVB-Geschäftsführers Clemens Rück vom Vormittag ging hervor, dass am Spitalhof das LVFZ und der landwirtschaftliche Betrieb gemeinsam wertvolle Arbeit in der Aus- und Weiterbildung von Landwirten (Melkerschule) leisten. Auch die Versuchstätigkeit wurde 2018 ausgedehnt: Das LVFZ führte auf den Flächen des Spitalhofs auf 1116 Parzellen mit 27 605 m2 Grünlandversuche durch. Fortbildungsveranstaltungen wie der Allgäuer Grünlandtag, Kurse und Führungen zu Grünlandthemen werden gut angenommen.

Als Sachaufwandsträger stehe der MVB an der Molkereischule in der Pflicht und ist zuständig für Baumaßnahmen, so Epp. Am LVFZ für Molkereiwirtschaft werden überwiegend angehende Milchtechnologen/-innen - Schüler der Berufsschule III Kempten - in Berufsschulblöcken und in der überbetrieblichen Ausbildung, sowie angehende Molkereimeister oder -techniker unterrichtet. Aufgrund großer Auszubildendenzahlen ist das Wohnheim zu klein, ein Neubau steht an.

Überbetriebliche Ausbildung

CSU-Landtagsfraktion

Die Kosten für die überbetriebliche Ausbildung der Lehrlinge übernimmt ab 2019 die milch.bayern e.V., ein freiwilliger, privatwirtschaftlich organisierter Zusammenschluss der bayerischen Milch- und Molkereibranche. Bisher wurden diese Kosten über die milchwirtschaftliche Umlage gedeckt, die ab 2019 weggefallen ist. Gemeinsam mit dem Milchwirtschaftlichen Verein Franken e.V. (Sachaufwandsträger für die Ausbildungsstätte Triesdorf zum milchwirtschaftlichen Laboranten/-in) wird nun eine gemeinsame Kostenrechnung erstellt, um die Aufwendungen exakt den Bereichen Fach- und Technikerschule, Berufsschule und überbetriebliche Ausbildung zuordnen zu können.
Die muva kempten GmbH, eine 100 %-ige Tochter des MVB, bietet Dienstleistungen im Bereich Labor und Analytik an und arbeitet mit Hochschulen zusammen. Der Umsatz der muva konnte laut Geschäftsbericht gesteigert werden.

In Grußworten brachten Thomas Kreuzer, Vorsitzender der CSU-Landtagsfraktion, der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz und Winfried Hüttenkofer vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ihre Verbundenheit mit dem MVB zum Ausdruck. Kreuzer betonte, in diesen bewegten Zeiten für die Landwirtschaft sei ein starker Verein wie der MVB mit „überregionaler bis nationaler Bedeutung“ von besonders großem Wert. Die Milchwirtschaft stelle in Bayern einen starken Wirtschaftsfaktor dar. Damit das auch so bleibt, müsse die Milch gut vermarktet werden. Dafür brauche es hoch qualifiziertes Personal und deshalb seien Investitionen in die Aus- und Weiterbildung gut angelegtes Geld. Die Regierungsfraktionen im bayerischen Landtag hätten sich klar für eine Fortführung des Lehrbetriebs in Kempten ausgesprochen und dafür 300 000 € in den Haushalt eingestellt. „Ich hoffe, dass die Verwaltung das auch ausführt“, merkte Kreuzer an.

Weiterhin wichtig

„Den Spitalhof brauchen wir mehr denn je“, betonte Landrat Anton Klotz. Die Ergebnisse aus Forschung und Versuchen lieferten stichhaltige Argumente in der „emotional geführten Diskussion“ mit der Öffentlichkeit etwa bei Themen wie Tierwohl und Düngung.

Die Grüße von Ministerin ­Michaela Kaniber überbrachte Winfried Hüttenkofer. Um in der Milchbranche erfolgreich zu sein, brauche es eine bestmögliche Qualifizierung der Mitarbeiter. Der Freistaat unterstütze dies und investiere in die Aus- und Weiterbildung. 

Denkanstöße zum Thema Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft gab Wolfgang Schleicher (56). Er ist seit 20 Jahren Betriebsleiter der Gutsverwaltung Altenburg GbR (Thüringen), ein Schweinemastbetrieb mit 450 ha und 1500 Mastplätzen, Getreidelager, Agrarhandel und Energieerzeugung. Schleicher, der aus einem kleinen Betrieb stammt, arbeitet seit jeher als „angestellter Landwirt“ und hat auch Erfahrungen im Ausland gesammelt.

Die Gesellschaft zwinge der Landwirtschaft das Thema Nachhaltigkeit auf, so Schleicher, und stelle in diesem Zusammenhang überzogene Forderungen. „Unsere sachliche Argumentation läuft oft komplett ins Leere“, bedauerte er. Dabei sei Nachhaltigkeit für die Landwirtschaft nichts Neues, im Gegenteil, sie praktiziere sie seit Generationen. „Was hier die Gesellschaft von der Landwirtschaft erwartet und wie sie mit ihr umgeht, das dürfen wir uns nicht gefallen lassen, sonst wird hier die Landwirtschaft verschwinden und die Regale werden trotzdem voll bleiben“, ist Schleicher überzeugt.

Der 2. Vorsitzende des MVB, Ulrich Kraut, sprach das Schlusswort. Am Spitalhof erkennt er Verbesserungspotenzial. Es gelte zu überlegen, wie er in Zukunft nachhaltig geführt werden könne als Modell für die ganze Landwirtschaft.