Bodennahe Ausbringung

Gülleausbringung: Die Landwirte laufen Sturm

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Franz Kustermann
am Montag, 16.09.2019 - 15:40

Bauern äußern deutliche Kritik an der Vorgabe, die Gülle bodennah und in Streifen ausbringen zu müssen.

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Baindt/Lks. Ravensburg Rund 200 Besucher versammelten sich im Festzelt am Reitplatz in Baindt/Ravensburg, zu einer Diskussion darüber, dass auf Grundlage der Gesetzesänderung ab 2025 Gülle auf Grünland nur noch streifenförmig ausgebracht werden dürfte. Richtig spannend wurde es jedoch erst zum Schluss, als die sechs anwesenden Günzacher Landwirte in die Diskussion eingriffen: Sämtliche Versuchsergebnisse seien zum Vergleich mit der Realität überhaupt „nicht hernehmbar“, meinte etwa Thomas Fleschutz. Er zitierte einen Versuchsbericht von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), worin erklärt wurde, wie hier die Gülle auf den Versuchsparzellen ausgebracht wurde: Im Versuchsbericht 2017 heiße es unter anderem wörtlich: „Die Ausbringung der organischen Dünger erfolgte auf Kleinstparzellen mit der Hand - es wurde sowohl die Breitbandverteilung wie auch die Schleppschlauchverteilung „nachgeahmt“.

Die so „nachgeahmt“ gewonnenen Versuchsergebnisse seien jedoch als Grundlage für die Düngeverordnung (DüV) verwendet worden. Fleschutz schimpfte: „Die waren nicht einmal fähig, ein Güllefass anzuhängen und einen realistischen Versuch durchzuführen“! Von Hand mit der Gießkanne ausgebrachte Gülle sei als „belastbares Versuchsergebnis“ deklariert. Die Bauern hingegen müssten mit modernster Technik zurechtkommen, und weiter: „Die sind nicht einmal in der Lage, damit einen praxisgerechten Versuch durchzuführen und ein Ammoniak-Messgerät einzusetzen“. Nach dem Einsatz der Gießkanne würden nämlich Erdabtragungen gemacht, womit dann hinterher angeblich der Ammoniakverlust gemessen werde. „So verarscht wie wir jetzt werden, ist es in der Vergangenheit selten passiert“, kritisierte Fleschutz.
Professor Dr. Martin Elsäßer (LAZ-BW Aulendorf) konterte: „Wenn die das so gemacht haben, dann hat dies bestimmt einen Grund gehabt“. Er versicherte aber: „Die Praktiker werden zur nächsten Versuchsbesprechung im Januar oder Februar eingeladen“. Wie die Forderung zur 29%-igen Reduktion der Ammoniakausgasung zu Stande kam, konnte der Fachmann aber leider nicht erklären.
Roland Rauscher, ebenfalls aus Günzach, berichtete, dass sein Sohn (unter fachkundiger Begleitung eines Lehrerteams) im Rahmen seiner Meisterprüfung seit drei Jahren auf dem Hof viele praxistaugliche Versuche zur Gülleausbringung unternimmt: Das Futter daraus wurde sogar separat gepresst und den Kühen gefüttert, damit die Futterverschmutzung der verschiedenen Gülleausbringverfahren festgestellt und verglichen werden kann. LfL und Ministerium interessierten die Ergebnisse aus den Unterschieden zwischen „Streifenförmig/Bodennah und Breitverteilung“ allerdings überhaupt nicht. Rauscher wetterte: „Das stinkt doch zum Himmel!“
Ein weiterer Landwirt beklagte, dass es zur Messung der Ammoniakausgasung kein anerkanntes Verfahren gebe: „Bei Nieselregen kommen bestimmt keine vom Büro raus und messen da nach!“
Laut Dr. Andre Baumann (Staatssekretär vom Landesumweltministerium BW) sagt: „Der § 6-3 DÜV ermächtigt, gewisse Ausnahmen bei der Ausbringung von Wirtschaftsdünger zu genehmigen“. Die Nutzung der Länderöffnungsklausel müsse jedoch „immer auf der Basis von wissenschaftlich belastbaren Untersuchungen durchgeführt werden“. Diese Ergebnisse müssten am Ende aber auch „gerichtsfest wissenschaftlichbelastbar“ sein. Ob die Gießkanne „wissenschaftlich belastbar“ ist, konnte an dem Abend jedoch nicht endgültig geklärt werden.
Waldemar Westermayer (Vorsitzender des Kreisbauernverbandes) plädierte dafür, „dass der Paragraph 6-3 so genutzt wird, „dass auf unsere Landwirte in Baden Württemberg keine weiteren Wettbewerbsnachteile und neue Kosten zukommen“. Neben der sehr wirksamen Gülleverdünnung mit Wasser müssten auch andere Güllezusatzstoffe in die Versuche einbezogen werden. „Nur 30 Prozent Hangneigung allein“ sei dabei eindeutig zu wenig. Hier müssten auch alle denkbaren Möglichkeiten untersucht werden, forderte der ehemalige Bundestagsabgeordnete.
Laut Elsässer hat Aulendorf 24 Jahre lange viele Güllezusatzsstoffe umfangreich getestet, „es kam in Gottes Namen aber nichts raus“! Laut Elsäßer speichere „mittel-intensiv genutztes Grünland“ wesentlich mehr Kohlenstoff als der Wald. Allerdings müsse man in der sechsschnittigen Weidelgraswiese bei der Intensität „auch mal einen Schritt zurückfahren“. Gülleversuche irgendwelcher Miniverfahren haben seiner Meinung nach keine Chance, offiziell getestet zu werden: Alternative, erfolgversprechende Verfahren müssen „gleich gut oder besser“ als bodennah-streifenförmig sein!
Ein Besitzer eines DLG-geprüften Ammoniak-Untersuchungsgerät esmeinte, dass mit Güllezusatzstoffen wie Gesteinsmehl oder Mikroorganismen das Ammoniak in der Gülle „auf jeden Fall“ bis zu 70 bis 80 % reduziert werde. Zusatzstoffe kosteten zwar Geld, brächten aber auch wichtige Spurenelemente in den Boden. Aus diesem Grund sollte man die Testung dieser Verfahren auf jeden Fall zulassen.
Die ehemalige Europaabgeordnete Maria Heubuch räumte massive Versäumnisse der Politik ein: Wenn die Mitgliedssaaten nicht rechtzeitig lieferten, greife die EU bei Sanktionen eben energischer durch. So sei es wohl auch bei der 29-Prozent-Reduktion bei Ammoniak gewesen. Der Viehbesatz müsse allerdings mit der Fläche in Einklang gebracht werden! Daneben spiele es natürlich eine große Rolle, ob - wie im Allgäu - vom Grünland vier bis fünf Schnitte heruntergeholt werden, oder ob bei zwei Schnitten wie in Franken bereits Schluss ist. Deshalb müsse die „eigentliche Ursache“ angegangen werden. Und erst dann könne über weitere Verbesserungen mit technischen Lösungen, wie Gülle verdünnen und richtiges Ausbring-Wetter, nachgedacht werden.
Winfried Müller aus Kisslegg/Wellmusried, Biobauer und Mitinitiator der „Initiative für sinnvolle Güllewirtschaft“, sieht viele Nachteile in der bodennahen Gülleausbringung und machte deutlich, dass Ammoniak kein schädliches Klimagas ist. Die Probleme lägen eher bei der Luftverschmutzung mit Feinstaub. Mit der Nitratbelastung im Grundwasser habe Ammoniak jedenfalls nichts zu tun. Müller grast täglich ein und fährt mehrmals Gülle aus. Mit bodennaher Ausbringtechnik über den Maschinenring sei dies nicht zu bewerkstelligen. Für kleinere Ökobetriebe – Landwirtschaft wie die Gesellschaft es heute will – würde die Vorgabe zu streifenförmiger Ausbringung unweigerlich das „Aus“ bedeuten, sagte er. MdL Karl Rombach betonte, dass man die aktuellen Probleme nicht ausschließlich mit teurer und schwerer Technik in Griff zu bekommen seien: „Man muss an anderen Stellschrauben drehen!“ Vor allem bei den Großbetrieben müsse man zur Verringerung der Tierbestände kommen.

Der Unmut gegen die Politik gipfelte nach der fast dreistündigen Diskussion in der Feststellung eines erbosten Landwirts: „So lange die Agrarpolitik so läuft, wie die letzten 20/30 Jahre, ist es scheißegal, wie wir die B‘schütte ausbringen“!