Bodennahe Gülleausbringung

Grashygiene: Versuche laufen noch

Bild 1 Mineralische Düngung links_Schleppschuh rechts
Interview: Dr. Josef Hiemer
am Montag, 12.04.2021 - 11:02

Die Düngeverordnung schreibt ab dem 1. 1. 2026 – mit wenigen Ausnahmen – die Ausbringung von Gülle auf Dauergrünland ausschließlich mit bodennaher Technik vor. Beim Versuch „Grashygiene“ untersucht die LfL, ob und wo es Risiken gibt.

Bild 2 Breitverteilung links_Schlitzgerät rechts

In der landwirtschaftlichen Praxis bestehen gegen die neue Technik Bedenken, dass durch die Bandablage der Gülle das Futter dauerhaft verschmutzt bleibt. Verschmutzte Futterkonserven können die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Rinder beeinträchtigen. An der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) läuft deshalb seit letztem Jahr ein Versuch „Grashygiene“. Dabei geht es darum, inwieweit die Sorgen und Bedenken der Landwirte berechtigt sind und grundsätzlich Risiken bei der Gülleausbringung auf Grünland für Mensch, Tier und Umwelt bestehen.

Unter der Leitung von Professor Dr. Hubert Spiekers untersucht Dr. Katrin Harms, ob und welche Verunreinigungen der Gülle bei den verschiedenen Ausbringungsverfahren in Silagen zu finden sind. Unser Allgäu hat bei ihr nachgefragt.

Hubert_Spiekers

Unser Allgäu: Welche Zielsetzungen hat das Vorhaben „Grashygiene“?
Antwort: Das Forschungsvorhaben soll einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion zum bodennahen Gülleeinsatz auf Grünland liefern. Ferner geht es um die grundsätzliche Frage, wie die aus pflanzenbaulicher Sicht gewünschte Gülledüngung in der Vegetation aus Sicht der Futterhygiene zu beurteilen ist. Konkrete Zielsetzung ist die Prüfung der Auswirkung verschiedener Gülleapplikationstechniken auf die Silagequalität im Exaktversuch. Die Untersuchungen dienen zur Kenntnis der Dynamik und der Mechanismen mikrobieller Entwicklung entlang der Produktionskette vom Aufwuchs bis zur fertigen Silage.

Unser Allgäu: Welche Institutionen sind an dem Forschungsvorhaben beteiligt?

Antwort: Forschungspartner sind das Institut für Ökologischen Landbau, Bodenkultur und Ressourcenschutz LfL-Agrarökologie (Düngemanagement und -durchführung) in Freising und der Lehrstuhl für Lebensmittelsicherheit und Analytik der Ludwig-Maximilian-Universität München.

Bei Verwendung von Gülle in der Hauptwachstumsperiode von Grünland ist auf die Futterhygiene besonders zu achten. Je weniger die Gülle an Erntematerial anhaftet, umso geringer ist das Risiko. Ausbringzeitpunkt, Konsistenz und sachgerechter Einsatz der Technik sind entscheidend. Bei der Ernte ist auf geringe Verschmutzung, kurze Feldliegezeiten, strategischen Siliermitteleinsatz sowie sachgerechte Lagerung, Entnahme und Vorlage zu achten. Maßnahmen zum Controlling – messen und steuern – auf dem Feld, dem Silo und im Stall sind unbedingt zu nutzen! Was man nicht nachhält, kann man nicht steuern.

Unser Allgäu: Gibt es schon erste Ergebnisse, Beobachtungen?

Antwort: Es werden zum einen umfangreiche Untersuchungen zur Silagequalität wie Inhaltsstoffe und Gärerfolg und mikrobiologische Untersuchungen entlang der gesamten Erntekette, beginnend beim Aufwuchs vor der Düngung bis hin zur fertigen Silage, durchgeführt. Bisher wurden im Jahr 2020 drei Ernteschnitte gewonnen. 2021 sind zwei weitere Ernten geplant. Die Untersuchungen sind derzeit noch nicht abgeschlossen. Auswertung und Bewertung können erst nach Vorliegen aller Ergebnisse erfolgen.

Katrin Harms

Unser Allgäu: Welche Gefahren bestehen für die Tiergesundheit, wenn die Rinder mit Gülle verunreinigtes Futter fressen? Welche Bakterien oder Stoffe verursachen diese gesundheitlichen Beeinträchtigungen?
Antwort: Diese Frage kann nicht pauschal beantwortet werden. Gülle enthält natürlicherweise immer eine Vielzahl an Bakterien, aber nicht alle sind pathogen, also möglicherweise krankmachend. Welche und wie viele Bakterien sich in der Gülle befinden, hängt von vielen Faktoren ab, wie Tierart, Fütterung, Lagerungsart und -dauer, u.v.m.. Ob ein Tier erkrankt, hängt im nächsten Schritt auch wiederum von vielen Faktoren ab – Faktoren des Tieres und des Erregers wie Art, Infektionsdosis, Virulenz. Beispiele für Erkrankungen sind die Salmonellose oder Listeriose. Bei der Suche nach den Eintragsquellen in den Tierbestand gibt es hierbei kein Standard-Eintragsmuster. Quellen sind auf jeder Produktionsebene möglich, das Futter ist hierbei ein Faktor. Weitere bekannte Bakterien, welche in der Gülle aber auch im Boden vorkommen, sind Clostridien, die Fehlgärungen verursachen können und damit zu einer Minderung der Futterqualität führen können. Bei der Silierung können u. a. durch den schnellen Sauerstoffabschluss und eine rasche pH-Wert-Absenkung viele unerwünschte Bakterien in ihrem Wachstum gehemmt werden.

Unser Allgäu: Das Vorhaben wurde vermutlich wegen der Trockenheit in Franken angesiedelt. Sind die Ergebnisse auf das Dauergrünland im Allgäu übertragbar? Das Dauergrünland hier hat einen hohen Kräuteranteil, an dem die Anhaftungen der Gülle deutlich ausgeprägter sein könnten als bei Weidelgrasbeständen.
Antwort: Im Trockenjahr 2018 kamen aus der Praxis in Bayern verstärkt Hinweise zur Problematik von sichtbaren Gülleverunreinigungen bei bodennaher Ausbringtechnik. Effekte auf die Futterhygiene des konservierten Futters lassen sich jedoch schwer abschätzen, da bis jetzt nur wenige Untersuchungen zu der Thematik der trockenen Güllerückstände vorliegen und die Silagequalität zudem von vielen Parametern abhängig ist.
Deshalb wurden die Untersuchungen in Kooperationen mit dem LfL-Forschungsvorhaben „Entwicklung emissionsarmer und praxisgerechter Gülleausbringtechnik auf Grünlandstandorten in Franken“ an einem trockenheitsgefährdeten Standort durchgeführt.
Die Verhältnisse im Allgäu lassen sich eher mit den Bedingungen der Schweiz vergleichen. In mehrjährigen Untersuchungen konnte auf keine per se Gefährdung der Futterqualität durch die Nutzung von streifenförmigen Ausbringtechniken geschlossen werden. Es wurden die Verfahren Breitverteilung, Schleppschlauch und Schleppschuh verglichen. Die späte Applikation der Gülle erwies sich als besonders nachteilig. Die Autoren betonen die Wichtigkeit der Einflussfaktoren Anwelkgrad und Rohfasergehalt des einzusilierenden Materials, die Wahl des geeigneten Schnittzeitpunkts, auf die Silagequalität.
Weiterhin sind wir in engem Austausch mit unseren Kollegen in Österreich, die aktuell Erhebungen in der Praxis auswerten.
Unser Allgäu: Die Gülle ist nicht sehr homogen. TS-Gehalte und Rohfaseranteile schwanken stark. Sind die Werte der Gülle in den Versuchen normiert?
Antwort: Für den Versuch wird eine gut untersuchte „standardisierte“ Gülle mit einem TM-Gehalt von 7,0 % verwendet.
Unser Allgäu: Die Praxis hat die Technik der Gülleausbringung zur Ermittlung der Emissionen – zurecht oder zu unrecht – kritisiert. Wird bei dem Vorhaben „Grashygiene“ in der Praxis verbreitete Technik verwendet?
Antwort: Im Exaktversuch erfolgt die Düngung, analog zum Forschungsvorhaben „Entwicklung emissionsarmer und praxisgerechter Gülleausbringtechnik auf Grünlandstandorten in Franken“ mit Hilfe eines Versuchsdüngefasses, welches die praxisübliche Technik im Versuchsmaßstab abbildet. Es werden Breitverteilung und bandförmige Ablagetechniken (Schleppschuh und Schlitzverfahren) angewendet. Zusätzlich werden Parzellen mineralisch gedüngt.
Unser Allgäu: Im Glas herrschen optimale Bedingungen zur Silagebereitung. In der Praxis gibt es aerobe Phasen beim Befüllen, Abdecken und der Entnahme. Können sich die Schaderreger in der Praxis stärker verbreiten als im Laborversuch?
Antwort: In dem Forschungsvorhaben müssen die Versuche standardisiert werden, um gezielt die Einflussgröße eines Parameters – in dem Fall die Applikationstechnik – auf den Siliererfolg untersuchen zu können. Die Glasversuche bilden die Siliervorgänge, die bei dieser Untersuchung im Fokus stehen, sehr gut ab. So können die Untersuchungen zur mikrobiellen Dynamik erfolgen.
Fehler bei der Grünlandpflege, Ernte, Silierung, aber auch beim Management bei der Fütterung haben einen erheblichen Einfluss auf das Vorkommen und die Entwicklung von Schaderregern. Die Empfehlungen hierzu sind daher generell zu beachten. (siehe auch Grafik, Seite 8)
Unser Allgäu: Im Allgäu gibt es circa 20 % Bio- und immer mehr Heumilch-Betriebe. Sie füttern im Sommer frisches Gras. Die bodennahe Gülleausbringung wird in diesen Betrieben kritisch gesehen, erfolgt die nächste Nutzung doch in vier bis sechs Wochen. Andererseits wäre eine Güllegabe in der Vegetation besonders in Biobetrieben wichtig.
Antwort: Emissionsarme Applikationstechniken haben als Ziel Verluste an leicht flüchtigem Ammoniak gering zu halten und eine hohe N-Nutzung der Gülle auf Grünland zu ermöglichen. Die Problematik der Gewährleistung der Futterhygiene bei Gülleeinsatz in der Vegetationsperiode, welcher aus Sicht der pflanzenbaulichen Effizienz nötig ist, besteht unabhängig von der Applikationstechnik. Gülle sollte auf Weideland nur in Ausnahmefällen während der Vegetationsperiode ausgebracht werden. Falls doch Gülle auf die Weide aufgebracht wird, sollten geringe Mengen bzw. Gülle mit höheren Wasseranteilen bei zu erwartendem Niederschlag verwendet werden. Entsprechende Wartezeiten sind gegebenenfalls einzuhalten.
Beim Eingrasen ist besonders auf die vorherige Grünlandpflege im Frühjahr zu achten – Zusammensetzung des Bestands, Narbenpflege, Abschleppen von Maulwurfshügeln, Nachsaat etc.. Bei der Ernte sind insbesondere die Empfehlungen zur Schnitthöhe von mindestens 7 cm zu beachten.
Unser Allgäu: Kommen die Untersuchungen zur bodennahen Gülleausbringung und zur Grashygiene nicht zu spät?
Antwort: Bereits 1994 gab es Untersuchungen zur emissionsarmen Gülleapplikationstechniken. Die versuchsgestützten Praxisempfehlungen der Landwirtschaftskammer in Niedersachsen zu Techniken der Gülleausbringung auf Grünland deuteten eher auf futterbauliche Nachteile der Breitverteilungstechnik gegenüber der streifenförmigen Applikation hin. Die starke Trockenheit in der Vegetationsperiode ist ein Problem, das erst die letzten Jahre verstärkt aufgetreten ist.
Die Frage der Gewährleistung der Futterhygiene bei Ausbringung von Gülle in der Vegetation ist zu bearbeiten, da die Sicherheit der Milcherzeugung für Mensch, Tier und Umwelt prioritär ist.
Unser Allgäu: Sehen Sie eine Chance, dass es aufgrund Ihrer Untersuchungen noch Änderungen für die Gülledüngung auf Dauergrünland gibt?
Antwort: In diesem Projekt wird die grundsächliche Frage der Einflussgröße Applikationstechnik geklärt. Empfehlungen zur Futtergewinnung werden abgeleitet. Seitens der Düngung gibt ein Praxisleitfaden zur emissionsarmen Gülleausbringung im Grünland Handlungsempfehlungen.
Unser Allgäu: Welche konkreten Tipps zur bodennahen Gülleausbringung können Sie einem Allgäuer Grünlandbauern geben, der vollständig auf die Schleppschuhtechnik umgestellt hat und im Sommer eingrasen will?
Antwort: Bei der Gülleausbringung ist auf eine tiefe Ablage und direktes Einsickern zu achten. Neben der passenden Witterung ist die Fließfähigkeit zu gewährleisten. Wo möglich ist die Separation eine interessante Lösung. Die flüssige Phase ermöglicht eine gut N-Wirkung und geringe Risiken in der Futterhygiene.

Link zum Leitfaden zur emissionsarmen Gülleausbringung im Grünland: