Brauchtum

Gräberschmuck und Seelenzopf

09 Brauchtum Allerseelen 2
Walter Kleber
am Freitag, 30.10.2020 - 04:51

Brauchtum an Allerheiligen und Allerseelen.

09 Brauchtum Allerseelen 1
Der neblig-trübe November wird im Volksmund aufgrund seiner Gedenktage gerne als der Totenmonat bezeichnet. Das Vergehen in der Natur macht die Menschen seit alters her nachdenklich. Die Gedanken wandern zu den Gräbern, besonders an den Festen Allerheiligen und Allerseelen. Die Gräber werden mit Herbstgestecken, „Erika“-Pflanzen und Chrysanthemen geschmückt, dazu werden die „Seelenlichter“ entzündet, die den ganzen Tag über brennen. Das Fest Allerheiligen – es wurde von Papst Gregor IV. im 9. Jahrhundert auf den 1. November festgelegt – ist eigentlich dem Gedenken an alle Heiligen gewidmet, während das Fest Allerseelen am darauffolgenden Tag (2. November) als Gedenktag für alle Verstorbenen gilt. Heute hat sich jedoch bereits der 1. November als Totengedenktag eingebürgert.

Es ist bei der Beliebtheit vieler Heiliger eigentlich verwunderlich, dass das Allerheiligenfest kein Brauchtum hervorgebracht hat, während das Fest Allerseelen von reichem Brauchtum umgeben war und auch heute noch ist. Die Faszination des Todes, die Furcht vor den Qualen des Fegefeuers oder gar der Hölle, auch wohl eine tief im Menschen verborgene Angst vor den „umgehenden“, unerlösten Toten haben das Brauchtum ausgebildet und die Faszination der Heiligen zurücktreten lassen.

Gutes für die Armen Seelen tun

Früher hatten die Gläubigen das Bedürfnis, für ihre verstorbenen Vorfahren, die im Fegefeuer schmorenden Armen Seelen, etwas Gutes zu tun, um sie aus ihrer Pein zu erlösen, etwa Almosen zu geben oder eine Messe lesen zu lassen.

Nach altem Volksglauben kehren die Armen Seelen, also die Seelen der Verstorbenen, am Allerseelentag oder in der darauffolgenden „Seelenwoche“ auch körperlich dorthin zurück, wo sie einst zu Hause waren. Damit es ihnen bei ihrem Kommen an nichts fehlte, stellte man ihnen früher „Seelenbrote“ auf, die regional unterschiedlich auch „Seelenzöpfe“, „Seelenwecken“ oder „Seelenbrezen“ genannt wurden. In einigen Gegenden Bayerns wurde noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts den heimkehrenden Seelen in der Nacht ein „Seelenmahl“ aufgetischt und „Seelennudeln“ zur Stärkung vor die Haustür gelegt. In manchen Gegenden brachte man zum Grab auch einen Laib Brot und hängte eine „Seelenbreze“ an das Grabkreuz. Diese den Armen Seelen zugedachten Speisen durften sich anschließend die Bedürftigen des Dorfes holen.

Eine Seelenzopf vom Taufpaten

Noch heute ist es am Allerseelentag in vielen Gegenden üblich, dass das „Dotle“, also der Tauf- oder Firmpate, seinem Patenkind einen Seelenzopf oder eine „Seelenbrezg“ schenkt. Wurde diese Geste vom Paten vergessen, oder war das Geschenk zu klein ausgefallen, dann waren der Patenonkel oder die Tante mit Fug und Recht ein „Drecksdotle“ ...

Der Allerseelentag war früher von vielfachem anderem Brauchtum umgeben, wobei die Schwelle zum Aberglauben oft überschritten wurde. Der Volksglaube hat ja immer daran festgehalten, dass bestimmte Tote „umgehen“, dass sie als Seelengeister, Irrlichter, aber auch als bestimmte geheimnisvolle Tiere (Frösche, Kröten, Unken...) erscheinen, um ihre Seelenruhe bitten und andere an ihre Schuld erinnern. Um ihren Frieden nicht zu stören, wurden geräuschvolle Arbeiten unterlassen. An diesem Tag wurde kein Tor und keine Türe gewaltsam zugeschlagen, aus Furcht, eine arme Seele zu zerquetschen. Da wurde kein Messer auf dem Rücken, kein Rechen mit dem Zinken nach oben liegen gelassen, damit nicht eine Arme Seele darüber stolpere, sich ritze oder verletze.
Am Abend und auch an den folgenden Tagen der Seelenwoche wurde früher von der ganzen Familie kniend der Seelenrosenkranz gebetet. In der Stube brannten die geweihten Wachsstöcke und Kerzen. Sie sollten helfen, den Aufenthalt der Armen Seelen im Fegefeuer abzukürzen, was vor allem in der Gebetsbitte „Das ewige Licht leuchte ihnen!“ zum Ausdruck kam.