Kuhgebundene Kälberaufzucht

Da gibt es keine Standardlösungen

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Patrizia Schallert
am Dienstag, 24.03.2020 - 09:19

Bei der AbL-Jahresversammlung geht es um kuhgebundene Kälberaufzucht.

Was ist kuhgebundene Kälberaufzucht?

  • Das Kalb muss aus dem Euter einer Kuh trinken dürfen.
  • Es kann von der eigenen Mutter (muttergebunden) oder von einer Ammenkuh (ammengebunden) gesäugt werden.
  • Der Kuh und dem Kalb muss nach der Geburt täglich ausreichend gemeinsame Zeit eingeräumt werden.
  • Die kuhgebundene Kälberaufzucht sollte sich möglichst über die ersten drei Lebensmonate eines Kalbes erstrecken.

Wirtschaftliche Zwänge lassen kaum Spielraum

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Wörleschwang/Lks. Augsburg Welche Vorteile und Herausforderungen die kuhgebundene Kälberaufzucht im Milchviehstall hat, erläuterte Agraringenieur Saro Gerd Ratter von der Schweisfurth Stiftung auf der Jahresversammlung der Regionalgruppe Bayerisch Schwaben der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Die kuhgebundene Kälberaufzucht beim Milchvieh stoße sowohl in der Gesellschaft als auch bei Forschern auf reges Interesse, erklärte AbL-Sprecher und Biobauer Johann Ellenrieder aus Ustersbach, der seit zwei Jahren die Ammenkuhhaltung betreibt. In der Regel erfolgt die Trennung von ihren Müttern sofort oder wenige Stunden nach der Geburt. Im Iglu werden sie meist mit Milchaustauscher getränkt. Schließlich verdient der Landwirt sein Geld, indem er die Kuhmilch an die Molkerei abliefert und nicht, indem er seine Kälber damit aufzieht. Selbst auf Bio-Betrieben verbleibt ein Kalb meist nur wenige Tage bei der Mutterkuh, allerdings enthält der Nuckeleimer Kuhmilch.

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„Die heute gängige Praxis in der Aufzucht ist nicht artgerecht“, betonte Saro Gerd Ratter. Wenn Kälber bei ihrer Mutter oder einer Amme aufwachsen, wirkt sich das günstig auf ihre Gesundheit, Entwicklung und Sozialverhalten aus, wie wissenschaftliche Studien belegen. Trotz dieser Vorteile können sich bislang nur wenige Betriebe für die kuhgebundenen Kälberaufzucht begeistern. Zum einen sei dies dem wirtschaftliche Aspekt geschuldet, weil die höheren Kosten für diese Haltungsform über den Produktpreis nicht gedeckt sind. Zum anderen mangele es häufig bei Praktikern, Beratern oder Stallbauplanern am Wissen, wie sich diese Haltungsform praktisch umsetzen lässt.

Kälberaufzucht in Biobetrieben

Wie die auf Biobetrieben geborenen Kälber praxisgerecht gehalten, aufgezogen und gemästet werden können, wurde von Dr. Lukas Kiefer (Universität Hohenheim) und Dr. Daniel Weiß (ARGE Landnutzung, Freiburg) untersucht, sagte Ratter. In ihrer Forschungsarbeit haben die beiden Wissenschaftler verschiedene Kälberaufzuchtverfahren wie Eimertränke, Ammenaufzucht, Mutteraufzucht oder eine Kombination der Verfahren auf acht Biovollerwerbsbetrieben mit 30 bis 50 Milchkühen untersucht. Dabei zeigte sich, dass die Ammenkuhhaltung oder muttergebundene Aufzuchtsysteme in der Regel mit einem höheren Milchkonsum des Kalbes einhergehen. Obwohl sich dadurch die vermarktbare Menge gut bezahlter Bio-Milch reduziert, sind diese Systeme aufgrund des geringen Arbeitsaufwands und der hohen täglichen Zunahmen wirtschaftlich zumindest konkurrenzfähig. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit können im Internet unter „http://www.lukas-kiefer.de/downloads/Leitfaden_Kaelberaufzucht.pdf“ abgerufen werden.

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In der kuhgebundenen Kälberaufzucht gibt es keine Standardkonzepte, sondern viele individuelle Lösungsansätze. Die EG „Demeter HeuMilch Bauern“, der 31 zertifizierte Heumilchbetriebe aus den Regionen Bodensee, Allgäu, Linzgau und Oberschwaben angehören hat im vergangenen Jahr mit dem Tierschutzverein „Provieh“ die „Mutter-Amme-Kalb (MAK)-Richtlinien“ und ein eigenes Siegel ausgearbeitet: „Zeit zu zweit für Kuh plus Kalb“. Die Richtlinien gelten für alle Kälber der Mitgliedsbetriebe, auch für die männlichen, „weil Milch und Fleisch zusammengehören“. Jeder teilnehmende Betrieb verpflichtet sich, alle Kälber für mindestens vier Wochen bei den Kühen zu belassen. Angestrebt und bereits umgesetzt haben nahezu alle Mitglieder, dass Kuh und Kalb die ersten drei Lebensmonate miteinander verbringen dürfen. Zielvorgabe ist die kuhgebundene Aufzucht über die gesamte Tränkezeit von vier bis fünf Monaten. Die männlichen Kälber bleiben also auf dem Betrieb und werden mit rund 240 kg Lebendgewicht zum Teil bereits direkt am Hof geschlachtet und vermarktet.

Gegen den Trennungsstress gibt es individuelle Lösungen. Eine davon ist die Zwei-Phasen-Entwöhnung, eine zeitlich gestaffelte Milchentwöhnung und räumliche Trennung, erklärte Ratter. Hilfreich für die Saugentwöhnung seien die in Kanada entwickelten Nasenplatten „Quiet Wean“. Sie verhindern zwar das Säugen am Euter, behindern die Kälber aber nicht beim Trinken oder Fressen. Die Milchmenge, die die Kälber trinken, hänge von der jeweiligen Methode, also restriktiv oder ad libitum, ab und liege rasseunabhängig bei täglich 8 bis 16 kg. Empfohlen werde die ad libitum-Methode.

Weideschuss als stressarme Variante

Biolandwirt Günther Rauch stellte die „Weideschuss.Bio GmbH“ vor. Das Unternehmen wurde von den Allgäuer Landwirten Herbert Siegel (Missen), Franz Berchtold (Maria Steinbach), Günther Rauch (Bidingen) und Fernsehkoch Alfred Fahr (Kaufbeuren) gegründet. Die Vier haben sich nicht nur die stressfreie Tötung der Rinder auf die Fahne geschrieben, sondern auch die Nose to tail-Nutzung. So werden neben dem Frischfleisch auch küchenfertige Gerichte vermarktet.

Rauch hat sich auf die Kalbinnenmast spezialisiert. Die Kälber kommen im Alter von 12 bis 16 Wochen auf seinen Betrieb und werden sofort auf die Kurzrasenweide verbracht. Nach rund eineinhalb Jahren Aufzucht werden die Tiere mittels Weideschuss erlegt. Das ist für Rauch die stressärmste Methode, denn jede Trennung von der Herde und jeder Transport bedeuteten für die Tiere Stress. Entgegen vieler Vorbehalte hat sich das Unternehmen für den Namen „Weideschuss Bio GmbH“ entschieden. „Das ist sicher provokant, bringt aber unsere Arbeit auf den Punkt“, betonte Rauch. .
Bei den Wahlen zum Regionalgruppenvorstand wurden Geschäftsführerin Andrea Eiter (Augsburg), Stephan Kreppold (Sielenbach) und Johann Ellenrieder (Ustersbach) erneut zu Sprechern berufen. In den Beirat gewählt wurden Anton Weitmann (Weißenhorn), Gertraud Riemensperger (Dasing), Alfred Birkle (Hiltenfingen), Barbara Greimel (Rain), Alfred Reng (Neuburg), Georg Salzmann (Gundelfingen), Ludwig Schaflitzel und Thomas Hefele (beide Blindheim).