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Stallbau

Geschichte für die Zukunft rüsten

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Dr. Josef Hiemer
am Freitag, 27.05.2022 - 07:00

Vom denkmalgeschützten Schwarzwaldhof zum modernen Milchviehbetrieb. Landwirt Alexander Schwär wollte raus aus der Kniehocke.

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Beeindruckend steht er da, mit seinem mächtigen Dach, der typische Schwarzwaldhof von Alexander Schwär in St. Peter im Hochschwarzwald. 400 Jahre Geschichte hat der denkmalgeschützte Hof, ein Kulturgut ersten Ranges, seit seinem Bau zur Zeit des 30-jährigen Krieges überstanden. Urlauber und Wanderer bewundern gerne das imposante Gebäude und Kulturdenkmal. Für seine Bewohner, Alexander Schwär und seine Mutter ist der Hof nicht nur Wohnung, sondern auch Arbeitsplatz in ihrem Milchviehbetrieb.

Rückblick: Die 30 Kühe in dem niedrigen Anbindestall verursachten täglich schwere Handarbeit, auch wenn sie den Sommer über täglich auf die Weide gingen. Allein das Melken in der Kniehocke zwischen den Kühen führt zu einer extremen Körperbelastung. Spätestens mit 40 Jahren ist der Melker „Kniebeugenmillionär“. Die Versorgung der Tiere lässt sich nicht mechanisieren.

Gründe genug für Alexander Schwär, sich Gedanken zu machen, wie er seinen Betrieb für die Zukunft aufstellen muss, um den Anforderungen an die Haltung von Milchkühen gerecht zu werden und die Arbeitsbelastung auf ein langfristig erträgliches Maß zu reduzieren.

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Seit dem Tod des Vaters 2013 beschäftigte sich Alexander Schwär gedanklich mit dem Bau eines neuen Stalles. Dabei waren folgende Herausforderungen zu meistern:

  • Das steile Gelände an der Hofstelle
  • Die Vorgaben des Denkmalschutzes
  • Die Vorgaben des Brandschutzes
  • Möglichst große Nutzung der vorhandenen Gebäudesubstanz
  • Anbindung des neuen Stalles an die vorhandenen Gebäude zur Erleichterung des Zuganges und der Fütterung im Winter bei Schnee
  • Bau nach den Vorgaben der Bioverbände, um eine spätere Umstellung der Bewirtschaftung auf ökologischen Landbau einfach zu ermöglichen.

Wichtige Hilfe bei der Planung

Eine wichtige Hilfe bei der Planung war neben der Beratung durch das Landwirtschaftsamt Emmendingen, die Teilnahme am EIP-Rind Projekt.

Die anfängliche Skepsis von Alexander Schwär wich, als er durch den Erfahrungsaustausch mit anderen bauwilligen Landwirten, Wissenschaftlern, Architekten, Stallbauern, Stallausrüstern und Beratern wichtige Hinweise für sein Vorhaben bekam.

Entstanden ist ein Anbau für Milch- und Jungvieh unter weitgehender Nutzung der vorhandenen Gebäudesubstanz mit teilautomatisierter Fütterung. Im Altgebäude konnte die Milchkammer weitergenutzt werden. Lediglich ein größerer Milchtank wurde notwendig. Erhalten wurde auch der 2009 gebaute Kälberstall als Zweiflächensystem mit eingestreutem Liegebereich.

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Eine Besonderheit bei den Kälbern ist das Schwarzwälder Haltungssystem mit dem lattenförmigen Deckel über den Liegebereich. Er soll verhindern, dass die Kälber dort abkoten. Und es funktioniert: Alexander Schwär streut nur Stroh nach und entmistet einmal im Jahr nach.

Mit den Kälberboxen daneben sind alle Tränkekälber in der Nähe der Milchkammer untergebracht. Der Mist auf dem Fressplatz wird per Handarbeit an eine Druckentmistungsanlage übergeben.

In dem zweireihigen, alten Anbindestall mit mittigem Futtertisch fanden 13 eingestreute Liegeboxen für die Trockensteher Platz, und in der Verlängerung eine große Abkalbe-, bzw. Krankenbucht. „Bei der Abkalbebucht sollte man am Platz nicht sparen, manchmal sind auch zwei oder sogar drei Kühe drin“, berichtet Alexander Schwär.

Gegenüber der Abkalbebucht befinden sich die erhöhten Fressplätze der Trockensteher. Auf dem ehemaligen Futtertisch läuft nun ein stationärer Schieber über den breiten, planbefestigten Laufgang mit 3 % Gefälle zur mittigen Harnrinne. Stroh in die Liegeboxen kommt vom deckenlastigen Lager, in die Abkalbebox ist Handarbeit notwendig. Die Abkalbebox kann mit dem Traktor entmistet werden.

Die Belüftung des Umbaus erfolgt über die Fenster und einen alten Dampfkamin. „Bei den Maßen mussten wir etwas jonglieren“, beschreibt Alexander Schwär die Problematik des Einbaus in das Altgebäude.

Großzügiger Melkstand im Altgebäude

Im Altgebäude befindet sich auch der Melkstand, „im finstersten, dunklen Eck“. Der 2 * 6-Fischgrätenmelkstand ist für die 45 laktierenden Kühe großzügig dimensioniert. Die sechs Melkplätze ergaben sich aus dem zur Melkgrube umgebauten früheren Mistkanal in dem ehemaligen Jungviehstall.

Anstatt später, bei wachsendem Kuhbestand, nachzurüsten, entschied sich Alexander Schwär dafür, den vorhandenen Platz gleich voll zu nutzen.

Mit der Anrüst- und Abnahmeautomatik kann eine Person die routinemäßige Melkarbeit alleine bewerkstelligen. Eine Milchmengenmessung ist ebenfalls installiert. Ein besonderer Komfort für den Melker ist die Fußbodenheizung. Ein automatisches Melksystem scheiterte an den weiten Entfernungen zu den Weideflächen.

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Der Neubau ist ein in Zimmermannskonstruktion mit lokalen Handwerkern erstellter Holzbau mit holzverschaltem und mit Ziegeln eingedecktem Sparrendach. Auf der Bergseite regeln Hubfenster über der Holzverschalung die Luftzufuhr, auf der Talseite ein über die gesamte Höhe zu öffnender Curtain. Licht fällt auch über die breite Firsthaube und großflächige Doppelstegplatten an den Stirnseiten des Neubaus ein.

Der zweireihige Laufstall mit mittigen Doppelboxen ist insgesamt 17 m breit und 27,5 m lang. Die Breite ergibt sich aus einem 2,5 m breiten, planbefestigen Laufgang mit Gummiauflage der 5 m langen, eingestreuten Doppelbox, dem 2,5 m m breiten Fressgang und den 1,55 m langen, erhöhten Fressplätzen. Die erhöhten Fressplätze verjüngen sich beim Jungvieh. Der Kontrollgang im Anschluss an das 85 cm breite Futterband ist 1 m breit. In dem Stall befinden sich die laktierenden Kühe und das weibliche Jungvieh nach der Tränkeperiode.

8 m Mindestabstand als Brandschutzauflage

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Aus Brandschutzgründen durfte der Stallneubau nicht direkt an das vorhandene Gebäude angebaut werden. Das Landratsamt schrieb einen Mindestabstand von 8 m vor. Der Platz konnte aber durch die Verwendung von Stahlstützen in den Neubau integriert werden.

Zwei aus dem Neubau verlängerte Laufgänge mit Schieberentmistung, Fressplätze am Futterband und eine erhöhte betonierte Bewegungsfläche dazwischen, erweitern die Funktionsflächen im Anbau und optimieren die Betriebsabläufe. Zusätzlich kann der mit einem Blechdach gedeckte Zwischenbau teilweise als Warteraum genutzt werden.

Um Platz zu sparen – ca. 2,5 m in der Breite – wurde statt eines Futtertisches ein Futterband eingebaut. Mit dem 85 cm breiten Band können die laktierenden Kühe und das anschließende Jungvieh gefüttert werden. Das Futterband beginnt bereits im Altgebäude. Durch die Holzwand am Rande des Futterbandes entsteht eine Art Trog, ein Nachschieben des Futters ist nicht notwendig.

Alexander Schwär kann an zwei Stellen am Futterband eine Klappe einschwenken, um Futterreste vom Band zu räumen. Futterreste der Kühe können auch direkt auf dem Band zum Jungvieh gelangen.

Teilautomatisierte Futtervorlage

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In der Tenne über dem Stall steht ein elektrisch angetriebener stationärer Futtermischer mit 12 m³ Inhalt. Die Beschickung erfolgt mit dem Kran. Die Tenne dient auch als Zwischenlager für Grassilage, Stroh und Maissilage in Rundballen. Durch das Zwischenlager muss Alexander Schwär nur einmal pro Woche Futter aus dem Fahrsilo holen.

Die Mischung für die 45 Kühe und das Jungvieh ist in 6 bis 8 Minuten fertig. Zweimal täglich wird frisch gemischt und Futter vorgelegt. Die Stromkosten betragen schätzungsweise 2 €/ Tag. Die Mischung fällt vom Mischer auf das Futterband. Futteraustrag aus dem Mischer und die Beschickung des Futterbandes steuert der Landwirt per Funksteuerung.

Für den Laufhof war nur auf der Westseite des Stalles Platz. Trotzdem wird er sehr gut angenommen. Liegt es an dem unkonventionellen Bodenbelag? Auf dem Boden des 142 m² großen Laufhofes liegen Pflastersteine mit Gefälle zur Mitte.

Laufhof mit einem ungewöhnlichem Belag

Auf den Laufhof kippte Schwär 20 m³ Hackschnitzel. Nachstreuen oder Einebnen waren bisher nicht notwendig. Nach einem Jahr wurden die Hackschnitzel ausgetauscht. Die alten landeten auf dem Misthaufen. Wasser kann über eine Leitung in die Güllegrube geleitet werden, es fällt aber nicht viel an. Umrandet ist der Laufhof mit vier Reihen Kellersteinen.

Alexander Schwär schätzt die Rutschsicherheit und die Weichheit des Hackschnitzelbelages auf dem Laufhof. „Die Kühe gehen bei widrigstem Wetter auf den Laufhof. Es ist immer eine draußen“, beobachtet er. Und: „Der Laufhof macht unter dem Jahr keine Arbeit.“

Nach über zwei Jahren im neuen Stall hat Alexander Schwär trotz gestiegener Kuhzahlen weniger und vor allem weniger schwere körperliche Arbeit. Die Leistung seiner zu 70 % aus Vorderwäldern und 30 % aus Fleckviehkühen bestehenden Herde hat sich bei 8000 kg nicht verändert. Die Grundfutteraufnahme ist dagegen deutlich gestiegen und der Kraftfutterbedarf gesunken. Der Stallneubau böte auch die baulichen Voraussetzungen für den Umstieg auf die ökologische Wirtschaftsweise.