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Tagung

Geiz ist überhaupt nicht geil

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am Montag, 13.05.2019 - 09:47

Landfrauentag Neu-Ulm mit Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller.

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Auf dem Neu-Ulmer Landfrauentag in Illertissen öffnete der Bundesentwicklungsminister die Augen seiner Zuhörerinnen für ihre Verantwortung in einer Welt, die nicht hinter dem eigenen Betrieb und eigenen Land endet. „Wenn ich Bundeslandwirtschaftsminister wäre, würde ich die Produktion unserer Betriebe an die Fläche binden“, sagte Dr. Gerd Müller. Wer seine Schweine mit Soja aus Übersee füttert, müsse wissen, dass er damit eine Mitverantwortung für das Abholzen von Regenwäldern in Südamerika trägt.

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Am Beginn des Landfrauentags stand eine Andacht mit Pater Waldemar Obrebski aus Illertissen und dem Neu-Ulmer Landfrauenchor. Bezirks- und Kreisbäuerin Christiane Ade nutzte die Gelegenheit, um der Dirigentin Veronika Wagner-Schmid eine Urkunde und einen Blumenstrauß für ihre 30-jährige Chorarbeit zu überreichen.
Anschließend ging Ade auf die Probleme ein, die ihre Berufskolleginnen und -kollegen seit geraumer Zeit umtreiben. Sie bedauerte, dass die Landwirtschaft für so vieles wie das Insektensterben, die Wasserverschmutzung oder die Feinstaubbelastung den Kopf hinhalten muss. „Das ist bitter, weil wir, gleich ob konventionell oder ökologisch wirtschaftende Betriebe, Lebensmittel produzieren, die so sicher sind wie nie zuvor.“ Offenbar fehle es den Verbrauchern an Hintergrundwissen und Einblick in die bäuerliche Urproduktion. Inzwischen mache sich allerdings ein Teil der Verbraucher Gedanken, woher ihre Lebensmittel kommen und wie sie produziert werden, und das sei in Ordnung. „Nicht in Ordnung ist, wenn bestimmte Gruppierungen, die keine Ahnung von Landwirtschaft haben, uns vorschreiben wollen, wie wir zu wirtschaften haben.“ Im Ergebnis des Volksbegehrens zur Artenvielfalt sieht Ade die Chance zum verstärkten Dialog mit der Bevölkerung auf Augenhöhe. „Nur wenn wir zuhören und aufeinander eingehen, kann der Erzeuger-Verbraucher-Austausch fruchtbar sein. Wenn die Landwirtschaft wieder in die Mitte der Gesellschaft rücken soll, kommen wir um einen ehrlichen Dialog nicht herum.“
Ades besonderer Dank galt dem Landkreis Neu-Ulm, der auf unbürokratische Weise das neue BBV-Projekt „Landfrauen machen Schule Plus“ unterstützt und mitfinanziert. Mit ihm soll das bisherige, für Grund- und Förderschüler der 2. bis 4. Klasse angedachte Projekt, auf die 5. und 6. Schulstufe an Gymnasien, Mittel- und Realschulen ausgeweitet werden. Sechs Schulklassen haben sich bereits für das neue Programm angemeldet, freute sich Ade.
Wie wichtig der Blick über den Tellerrand hinaus ist, machte die Kreisbäuerin mit dem Projekt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Kenia „Gleicher Beruf – Zwei Welten“ deutlich. Am Nachmittag des Landfrauentags sollten die Bäuerinnen von Ade und ihrer Günzburger Amtskollegin Marianne Stelzle dazu mehr erfahren.
Mit diesem Hinweis spannte die Kreisbäuerin den Bogen zu Dr. Gerd Müller. In seiner Festrede fand der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung deutliche Worte zum Welthunger, Klimawandel und zu agrarpolitischen Themen. Mit einem Augenzwinkern sprach Müller die einzige „frauenfreie Zone“ in der Bundesrepublik an, nämlich den Deutschen Bauernverband. „Unsere starken Landfrauen müssen mehr in die Organisation eingebunden werden. Als Rückgrat unserer Gesellschaft schaffen sie Stabilität und sind die wahren Heldinnen unserer heutigen Zeit.“
Beim Thema „Agrarreform“ müssten die Verantwortlichen darüber nachdenken, ob ein Stall mit 3000 Kühen die passende landwirtschaftliche Produktionsform für die Region Schwaben sei. Ebenso kritisierte Müller die nicht flächengebundene Produktion der Betriebe und die daraus resultierenden Gülleverbringungsverträge. „Das ist nicht umweltgerecht, hier gilt es andere Lösungen zu finden.“ Weiter forderte der Minister mehr Anerkennung für die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern, ein gesichertes Einkommen durch faire Preise und eine soziale Absicherung im Alter. Es könne nicht angehen, dass bei einer Betriebsaufgabe die Austrägler in der Armutsfalle sitzen.
Der Kampf um faire Preise finde nicht nur vor der Haustür der heimischen Landwirtschaft statt. Müller geriet nahezu in Rage, als er von der Ausbeutung von Mensch und Natur auf den Bananenplantagen in Südamerika berichtete. Er erwartet vom Lebensmitteleinzelhandel, die Kampagne „Geiz ist Geil“ endlich zu stoppen. „Faire Preise sind die Zukunft, auch für unsere Bäuerinnen und Bauern.“
Was die Wertschätzung von Lebensmitteln betrifft, war sich Müller mit dem Wunsch der Landfrauen nach einem eigenen Schulfach „Ernährungskunde“ einig. Außerdem brachte er eine Idee ins Spiel: Der Raiffeisenverband solle Schulgärten für alle Schulen im Landkreis Neu-Ulm sponsern. Damit könnten sie einen Beitrag leisten, der Mädchen und Buben einen direkten und persönlichen Bezug zur bäuerlichen Urproduktion ermöglicht.
Welch große Herausforderung die Ernährung der Weltbevölkerung in Zukunft darstellt, erläuterte Müller anhand einiger Zahlen. Heute lebten bereits 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde und täglich würden 450 000 Kinder geboren, von denen allerdings rund die Hälfte sterbe. „Eine Welt ohne Hunger ist möglich“, behauptete Müller. Dazu müssten die Industrienationen nur ihr Wissen um neue Technologien und Saatgut, ihre Erfahrungen und Ausbilder in die Schwellenländer bringen. Müller wetterte gegen das Vorhaben des deutschen Finanzministeriums, die Mittel für das Entwicklungsministerium im Jahr 2021 um knapp 1 Mrd. € zu verringern. „Wer zuschaut, wie andere verhungern, und nicht eingreift, obwohl er helfen könnte, macht sich des Mordes schuldig.“
Hand in Hand mit der Entwicklungshilfe gehe der Klimaschutz. Die Industrienationen seien verantwortlich für den Klimawandel, büßen müssten ihn diejenigen, die am wenigsten dafür könnten. „Wir benötigen eine neue Wachstumsethik, einen neuen Lebensstil und ein anders Konsumdenken“, forderte der Minister. Dankbarkeit sei das Gegengewicht zu Gier und Maßlosigkeit.