Tiergesundheit

Wie geht es dem Vieh? Indikatoren für das Tierwohl

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Michael Ammich
am Mittwoch, 30.12.2020 - 08:28

In einem Online-Seminar konnten Rinderhalter wichtiges über die Eigenkontrolle der Bestände erfahren.

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Mit der betrieblichen Eigenkontrolle der Tiergerechtheit in der Rinderhaltung beschäftigte sich das zweite Online-Seminar des Fachzentrums Rinderhaltung am AELF Mindelheim. In ihrem Vortrag zeigte Sarah Seiler vom Institut für Landtechnik und Tierhaltung an der LfL die ganze Bandbreite der Tierwohlkritierien auf und stellte hilfreiche Systeme für die Gewährleistung des Tierwohls vor.

Nachdem Seminar-Moderator Paul Mayer den Begriff „Tierhaltung“ in die Google-Suchmaschine eingegeben hatte, erschienen an oberster Stelle Einträge zur Massentierhaltung oder zur Anwendung von Antibiotika. Ganz anders sieht es aus, wenn der User das Wort „Rindfleisch“ in das Suchfenster tippt. Dann wird es plötzlich genießerisch. „Die Öffentlichkeit beäugt die Tierhaltung mit Misstrauen“, stellte Mayer fest.

Andererseits gebe es eine Nachfrage nach tierischen Produkten. Ein Ansatz, die Nachfrage mit dem Tierwohl zu verbinden, seien die gesetzlichen Mindeststandards und die mit ihnen konkurrierenden, darüber hinausgehenden Standards. Wie auch immer, die „Existenz der Erzeugerbetriebe hängt von der Nachfrage ab“, sagte Mayer.

Betriebliche Eigenkontrolle der Tiergerechtheit

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Am Forschungs- und Innovationsprojekt „Betriebliche Eigenkontrolle der Tiergerechtheit in der Rinderhaltung“ (Inzeit) der LfL nehmen in Bayern elf Milchviehbetriebe mit bis zu 50 Milchkühen teil, wie Sarah Seiler erklärte.

Die Tiere werden teils im Laufstall, im Anbindestall und auf der Alm gehalten. Ebenso am Projekt beteiligt sind fünf Rindermastbetriebe mit bis zu 90 Tieren auf Vollspalten, Tretmist oder Stroh.

Das Projekt lehnt sich eng an die KTBL-Tierschutzindikatoren und die Vorgehensweisen des Thünen-Instituts und anderer Partner an, die praxistaugliche Vorschläge für die betriebliche Eigenkontrolle ausarbeiten. Dabei setzt die LfL auch auf die Schwachstellenanalyse „Cows and More“ und die App „Q-Wohl-BW“.

Vor der Erhebung der KTBL-Tierschutzindikatoren auf den Projektbetrieben wurden die Landwirte entsprechend geschult und eingewiesen. Über zwei Jahre hinweg führten sie gemeinsam mit den Projekmitarbeitern jeweils im Sommer- und Winterhalbjahr die betriebliche Eigenkontrolle durch. Auf diese Weise ließen sich in regelmäßigen Abständen Veränderungen bei den Tieren und der Einfluss der Jahreszeiten erkennen.

Mithilfe des KTBL-Leitfadens zu den Tierschutzindikatoren können sich die Tierhalter einen systematischen Überblick über das Tierwohl auf ihren Betrieben verschaffen, erklärte Seiler. Zusätzlich riet sie zur betriebsinternen Dokumentation der Ergebnisse aus der Indikatorenerhebung. Nur so könne der Tierhalter über die Zeit hinweg Veränderungen erkennen und die Wirksamkeit von Maßnahmen längerfristig beurteilen. Außerdem lasse sich die Dokumentation gegenüber den Behörden als Nachweis der Umsetzung der Tierschutzverordnung heranziehen. Die Erhebung durch das Inzeit-Projekt endete im Frühjahr 2020, seither werden die Daten ausgewertet.

Tierschutzgesetz macht klare Vorgaben

Die Vorgaben des Tierschutzgesetzes sind klar, wie Seiler darlegte: Wer Nutztiere zu Erwerbszwecken hält, hat durch betriebliche Eigenkontrolle sicherzustellen, dass sie ihrer Art und ihren Bedürfnissen entsprechend ernährt, gepflegt und untergebracht werden. Die Bewegung der Tiere darf nicht so eingeschränkt werden, dass ihnen Schmerzen, vermeidbare Leiden oder Schäden entstehen.

Eigenkontrolle bedeutet, das Tierwohl in den Betrieben zu erfassen und zu bewerten. Dafür schreibt der Gesetzgeber die Verwendung von tierbezogenen Indikatoren vor, die einen Rückschluss auf die Auswirkungen der Haltung und des Managements erlauben. Seiler führte die drei Säulen an, auf denen das Tierwohl beruht:

Säulen des Tierwohls

  • die Tiergesundheit (Abwesenheit von Krankheiten und Verletzungen),
  • das Tierverhalten (Bewegung, Fressen, Ruhen),
  • positive Emotionen (Abwesenheit von Schmerz und Leid).

Erfasst werden kann das Tierwohl über:

  • ressourcenbezogene Indikatoren wie Platzangebot und Haltungsverfahren,
  • managementbezogene Indikatoren wie Fütterung oder allgemeiner Umgang mit den Tieren,
  • tierbezogene Indiaktoren (Daten zur Tiergesundheit und Beobachtung des Tierverhaltens).

Tierbezogene Indikatoren sind die Antwort des Tieres

„Tierbezogene Indikatoren sind die Antwort des Tiers auf seine Lebenssituation“, stellte Seiler fest. Dazu gehören zahlreiche Faktoren wie die Liegeplatznutzung, das Aufsteigverhalten, die Körperkondition, Verhaltensstörungen, Verletzungen und Schwellungen, der Grad der Verschmutzung, Hitzestress, Lahmheiten und Klauengesundheit sowie die Mensch-Tier-Beziehung. Hinweise auf mangelndes Tierwohl sind beispielsweise hohe Tierverluste, eine geringe Nutzungsdauer, eine hohe Schwergeburtenrate, Probleme bei der Eutergesundheit und eine mangelhafte Wasserversorgung.

Systeme zur Erfassung der Tierschutzindikatoren

Allerdings gibt es keine gesetzlichen Vorschriften zu Inhalt, Umfang und Häufigkeit der Erhebung der Tierschutzindikatoren, merkte Seiler an. Als zweckmäßig habe sich im Projekt die halbjährlich dokumentierte Erfassung und Bewertung ausgewählter Indikatoren und die anschließende, ebenfalls dokumentierte Ableitung und Umsetzung von Maßnahmen herausgestellt. Dabei erweisen sich drei Systeme und unter diesen insbesondere die App „Q-Wohl BW für Milchkühe“ als besonders hilfreich.

Herausgegeben wird die „Q-Wohl“- App von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und dem Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg in Aulendorf. Die App enthält einen Fragenkatalog zur Haltung und zum Management sowie tierbezogene Indikatoren mit Richt- und Alarmwerten. Sie ist gleichermaßen für die Laufstall- und Anbindehaltung geeignet und unterstützt die betriebliche Eigenkontrolle. Außerdem bietet die kostenlose App eine Managementhilfe zur Verbesserung des Tierwohls in Neu- und Bestandsbauten an.

Hilfreich ist auch der KTBL-Tierschutzindikatoren-Leitfaden Rind, den das Thünen-Institut und das Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft herausgeben. Der Leitfaden bezieht sich auf die Laufstall- und Anbindehaltung beim Milchvieh sowie die Haltung von Mastrindern in der Ein- und Zweiflächenbucht. Frei verfügbar ist der Leitfaden als PDF-Datei und als Excel-Anwendung. Mit ihm lassen sich die Daten zu allen milchleistungsgeprüften Kühen eines Betriebs erheben und auswerten, die Gesamtherde beurteilen und herdengrößenabhängige Stichproben durchführen, die alle Gruppen laktierender und trockenstehender Kühe einer Herde anteilig berücksichtigen. Die Stichproben beziehen sich auf die Kondition und den Gesundheitszustand der Kühe, auf die Ausweichdistanz und das Aufstehverhalten. Abschließend werden alle Tränken auf ihre ausreichende Wasserversorgung bewertet.

Ein weiteres Werkzeug zur Sicherstellung des Tiergerechtheit ist der Tierwohl-Check Milchrind Schleswig-Holstein. Die kostenfreie App befindet sich noch in der Entwicklungsphase und vereint Indikatoren aus dem KTBL-Leitfaden und Daten aus HIT und Milchleistungsprüfung. Alle drei Systeme sind unvoreingenommen, betonte die Referentin.

„Q-Wohl“-App ist bei Landwirten beliebt

Seiler schilderte die Erfahrungen der teilnehmenden Landwirte bei der Umsetzung des Inzeit-Projekts. Sie empfinden die Eigenkontrolle als nützlich, beugen mit ihr einer Betriebsblindheit vor, lernen ihre Tiere genauer zu beobachten und Schwachstellen im Tierwohl aufzudecken. Besonders die „Q-Wohl BW“-App sei beliebt, weil sie sehr intuitiv zu bedienen, störungsfrei, schnell und auf dem Smartphone griffbereit ist. Als zu umständlich erschien manchen Projektteilnehmern dagegen der KTBL-Leitfaden.

„Durch das Projekt habe ich einen ganz anderen Zugang zum Thema Tierwohl bekommen“, zitierte Seiler einen teilnehmenden Landwirt. Sie wies darauf hin, dass die Eigenkontrolle nicht mit der täglichen Routinekontrolle verwechselt werden dürfe. „Die Eigenkontrolle ist ganz konkret auf tierbezogene Indikatoren abgestellt.“ Die Referentin empfahl den Landwirten, in Sachen Eigenkontrolle und Apps gar nicht erst lange zu überlegen. „Probieren Sie es einfach mal aus.“ Michael Ammich