Dorfgemeinschaft

Gegen den Flächenfraß - aufgegebene Höfe beleben

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Externer Autor
am Montag, 14.01.2019 - 11:20

Gemeinsam informierten das Amt für Ländliche Entwicklung, der Bauernverband sowie die Gemeinde Wittislingen über das Potenzial aufgegebener Höfe.

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Halbe Dörfer stehen leer, während weiterhin hemmungslos Fläche um Fläche für immer neue Siedlungen verbraucht wird. Derweil kümmern innerorts viele leerstehende landwirtschaftliche Gebäude ungenutzt vor sich hin. Nicht mehr aktiv bewirtschaftete Althofstellen aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken und die Ortskerne attraktiver zu machen, ist ein Ziel, das nicht nur die Ländliche Entwicklung, sondern auch der Dillinger BBV und die Gemeinde Wittislingen verfolgen wollen. Deren Bürgermeister Ulrich Müller freute sich über das große Interesse der Bevölkerung an diesem Thema und begrüßte rund 80 Teilnehmer zu einer Infoveranstaltung mit einem Goethezitat: „Denke nicht in Problemen, denke in Lösungen.“
„Eine Hofübergabe oder die Auflösung eines landwirtschaftlichen Betriebs sind sehr persönliche und emotionale Themen“, stellte Bürgermeister Müller fest. Schließlich seien die Bauernhöfe meist seit mehreren Generationen in Familienbesitz. Da hänge natürlich sehr viel Herzblut daran. Und wenn dann eine Nachfolgeregelung nicht mehr möglich sei, stünden die bäuerlichen Familien vor vielen Fragen. Soll das Betriebsvermögen aufgelöst werden? Wie hoch ist die Steuerbelastung?
„Hofstellen sind für die Innenentwicklung und Gestaltung der Dörfer und Städte ein zentraler Erfolgsfaktor“, sagte Müller. Jede Gemeinde wünsche sich einen Zuzug von Familien. „Dafür werden in den Außenbereichen neue Wohngebiete geschaffen. Der Ort wächst immer mehr in die Breite, während die inneren Werte sträflich vernachlässigt werden und der Ortskern zerfällt.“ Bei der Wiederbelebung der Innenräume müsse das Eigentum der jeweiligen Besitzer respektiert werden. „Auch deshalb sollten wir die historische Bedeutung von Hofstellen würdigen und die Geschichte der Kommune weiterschreiben.“
Das Problem der leerstehenden Bausubstanz brennt vielen Gemeinden unter den Nägeln, sagte BBV-Kreisobmann Klaus Beyrer. Einerseits wollten sie Wohngebiete am Ortsrand ausweisen, andererseits sei es immer schwieriger, an die notwendigen Flächen zu gelangen. Den Bauernverband treibt der massive Flächenverlust, der sich allein in Bayern in den vergangenen 20 Jahren auf 230 000 ha belief. Andererseits stehen in nahezu allen Ortschaften aufgelassene Hofstellen oder Bauernhöfe, die nur noch von den Austräglern bewohnt sind. Diese seien meist mit der Größe des Objekts überfordert. Deshalb, so Bayer, müsse sich die Gesellschaft Gedanken machen, wie sie künftig mit den bäuerlichen Flächen umgehen will.
Ein Ausweg aus dem Flächenfraß ist die Innenverdichtung. „Das Potential an aufgelösten Hofstellen in den Dörfern ist groß“, sagte der Kreisobmann. „Wir brauchen Konzepte für die Entwicklung und Wiederbelebung der Ortskerne.“ Dazu gehöre nun einmal auch der Abbruch des einen oder anderen Gebäudes, um Grundstücke zu generieren. So könnten auch innerorts kleinere Wohngebiete für junge Familien entstehen
„Wir müssen beim Flächenverbrauch auf die Bremse treten und die Ortskerne neu beleben. Nur so können wir die Attraktivität des ländlichen Raums erhöhen.“

Raum für die Kinder

Wenn ein Bauernhof nicht mehr aktiv bewirtschaftet wird, bedarf es Mut und Willen, um zeitnah Lösungsansätze für eine alternative Nutzung zu finden, sagte BBV-Kreisgeschäftsführer Eugen Bayer. Das sei weit besser als einfach nur abzuwarten. „Wenn die Kinder sich erst einmal anderswo Wohnraum gesucht haben, kommen sie meist nicht mehr zurück.“ Er räumte ein, dass es Mut brauche, um ein altes Gebäude mangels nachhaltiger Nutzungsmöglichkeit abzureißen. In Einzelgesprächen und Beratungen lassen sich alternative Nutzungsformen wie das Schaffen von Wohnraum für die eigene Familie oder fremde Personen aufzeigen. „In der heutigen Zeit stellt ein solides Gebäude einen bleibenden Wert dar.“ Also lieber Geld vor Ort in die Hand nehmen und etwas Vernünftiges daraus machen, anstatt es in irgendwelche Fonds zu stecken.
Den steuerlichen Aspekt bei der Verwertung von landwirtschaftlichen Hofstellen im Betriebsvermögen erläuterte Erich Gugel, Steuerberater beim BBV Beratungsdienst. Das Thema „Steuer“ sei zwar wichtig, aber es sollte nicht der Grund sein, aus dem sich die Eigentümer für oder gegen eine bestimmte Nutzung ihrer alten Hofstelle entscheiden.“
Am Anfang sollte die Einzelberatung bei einem Steuerberater stehen, weil die Berechnung einer Betriebsaufgabe für jeden Betrieb individuell erstellt werden muss. In seinen Ausführungen ging Gugel davon aus, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Betriebsvermögen vorliegt, der steuerlich noch nicht aufgegeben ist.
Ziel seien die Bebauung oder der Verkauf von Hofstellen oder Teilen davon sowie die Vermeidung oder Minimierung einer steuerlichen Belastung. Die Veräußerung oder Übertragung eines Wohnhauses mit Hausgarten, das sich einkommenssteuerrechtlich im Privatvermögen befindet, bleibt steuerfrei, so Gugel. Eine Scheune, die zum einkommensteuerrechtlichen Betriebsvermögen zählt, ist bei Verkäufen oder Übertragungen dagegen grundsätzlich steuerpflichtig.

Stille Reserven anlegen

Die Berechnung einer Betriebsaufgabe hängt meist davon ab, ob der Betrieb als Einheit bestehen bleiben soll, wie seine Zukunft aussieht und ob der Steuerpflichtige die Steuerlast tragen will. „Die Vorteile der Aufgabe eines nicht mehr aktiv bewirtschafteten Bauernhofs liegen auf der Hand“, sagte Gugel. Durch das Finanzamt erfolgt eine ermäßigte Besteuerung und ab dem 55. Lebensjahr kann ein Freibetrag angesetzt werden. Außerdem werden stille Reserven angelegt, was sich bei weiter steigenden Bodenpreisen auszahlen wird. „Flächen aus dem Privatvermögen können ohne Gewinnauswirkung einzeln an die Kinder verteilt werden, die diese Flächen dann bebauen können.
Weitere Variante sind die Schenkung oder der Verkauf der gesamten Hofstelle oder eines Teils davon an nahe Angehörige. Auch hier sind die Teile, die sich im Privatvermögen befinden, steuerfrei. Bei einer Bebauung der Hofstelle mit Mietimmobilien durch die Eigentümer können die Mieteinkünfte im Betriebsvermögen geführt werden. Es kommt zu keinem Entnahmegewinn, weil sich durch die Vermietung Einkünfte aus der Landwirtschaft ergeben.
Auch bei einer Übergabe des gesamten Betriebs an die nächste Generation zum sogenannten Buchwert entsteht kein Gewinn. „Der Übernehmer hat das Recht, auf den übernommen Flächen, also auch auf der Hofstelle eine Betriebsleiterwohnung zu bauen“, erklärte Gugel. Dieser Grund und Boden geht steuerfrei in das Privatvermögen über.

Antrag früh genug stellen

Markus Beuer von der Abteilung Förderung am Amt für Ländliche Entwicklung in Krumbach wies auf Fördermöglichkeiten durch die Dorferneuerung hin. Ob ein Betrieb den Förderrichtlinien entspreche, müsse einzeln beleuchtet werden. Eine ein- bis zweistündige Beratung durch einen Dorferneuerungsplaner sei kostenfrei. „Den Förderantrag müssen Sie stellen, bevor Sie nur einen einzigen Schritt unternehmen“, mahnte Beuer. „Steht bereits ein Bagger am Hof oder wurde schon ein Angebot eingeholt, besteht kein Anspruch mehr.“
Abschließend ermunterte Bayer die bäuerlichen Familien, Werte zu schaffen ohne dies auf die lange Bank zu schieben. „Je länger Sie warten, desto höher werden die Bodenrichtwerte und damit die Steuerbelastung.“ Die Flächenbeschaffung zur Wohn- und Gewerbenutzung werde immer schwieriger und auch nicht billiger „Aus innerörtlichen, nach einem Abriss bebaubaren Hofstellen lässt sich mehr Wertschöpfung erzielen, auch wenn die Steuern steigen.“ Patrizia Schallert
  • Ermäßigte Besteuerung von nicht mehr aktiv bewirtschafteten Höfen.
  • Ab dem 55. Lebensjahr können Freibeträge angesetzt werden.
  • Förderungen im Rahmen der Dorferneuerungen bedürfen Einzelberatung, diese ist kostenfrei. Der Förderanspruch besteht nur dann, wenn noch keine Angebote eingeholt wurden beziehungsweise die Arbeit noch nicht begonnen wurde.