Inklusion

Ganz neue Perspektiven eröffnen

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Birgit Böllinger
am Montag, 25.10.2021 - 17:28

Auf dem „Karibu“ Hof von Karin Stark arbeiten Menschen mit Behinderung. Vor Ort wird die Welt mit allen Sinnen erlebt.

Sigmarszell/Lks. Lindau „Karibu“, das ist Suaheli und es heißt „Willkommen“. Und willkommen fühlt man sich sofort auf dem Hof von Karin Stark: Da wuselt es, da lebt es. Eine Gruppe Kinder kommt gerade von der Schatzsuche, andere toben sich beim Tischfußballturnier aus, während in der Gemeinschaftsküche die Vorbereitungen für das Mittagessen laufen. Und mittendrin, wie ein ruhender Pol, ist Andrea. Die 20-Jährige hat vor allem die Tiere im Blick: Harald, den betagten Ziegenbock, und seine Gefährtin Amelie, die Esel und Pferde und all das Kleintier, das auf dem Hof in Sigmarszell gepflegt und versorgt werden muss.

Für die tierliebende Andrea ging mit ihrer Ausbildung bei Karin Stark ein Traum in Erfüllung: „So eine Arbeit mit Tieren wollte ich einfach haben“, sagt die junge Frau. Selbstverständlich ist das nicht: Denn Andrea lebt mit dem Down-Syndrom, vor Jahren noch wäre für sie der Weg nach der Förderschule in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung vorgezeichnet gewesen. Das 2018 in Kraft getretene Bundesteilhabegesetz sorgt jedoch für mehr Inklusion und Integration von Menschen mit Behinderung, gerade auch im Arbeitsleben. Und eröffnet auch in der Landwirtschaft neue Perspektiven: „Ich kann als so genannter ‚Anderer Leistungsanbieter‘ Berufsbildungsmaßnahmen und Arbeitsplätze für Mitarbeiter mit einer Behinderung anbieten, was ansonsten mein Personalbudget sprengen würde“, erläutert Karin Stark.

Die Nachfrage stieg rasch an

Die fachlichen Voraussetzungen bringt Karin Stark als ausgebildete Landwirtin und Sozialpädagogin mit. Die 47-Jährige hatte sich immer schon mit der Thematik der Erlebnispädagogik beschäftigt, ihre Diplomarbeit zum Abschluss des Sozialpädagogik-Studiums handelte davon. „Und ich wollte das hier, auf dem Hof meiner Eltern, auch umsetzen.“ Es ging zunächst klein los in „Hubers 6“: In der Küche der Mutter und mit einem Klowagen unter dem Nussbaum startete Karin Stark die ersten Angebote für Kinder und Jugendliche auf dem heutigen Lern- und Erlebnispädagogik-Bauernhof „Karibu“. Die Nachfrage wuchs rasch. 2003 errichteten die Starks einen Neubau auf der Kuhweide. Als Karin Stark und ihr Mann einige Jahre später die elterliche Landwirtschaft ganz übernahmen, kam der nächste große Schritt und das Ende der unrentablen Milchwirtschaft.

Heute ist sie noch Pensionsviehhalterin, so wird der Kuhstall zumindest weiterhin genutzt. Aber sie konzentriert sich nun vollkommen auf die erlebnispädagogischen Angebote: „Kinder und Jugendliche erhalten hier die Möglichkeit, die Welt mit allen Sinnen zu erleben, sie knüpfen soziale Kontakte, sie lernen Verantwortung zu übernehmen.“

Voneinander lernen steht im Vordergrund

Der Hof ruht heute auf mehreren Säulen: Im offenen Betrieb bietet Karin Stark Angebote für Schulklassen, wo der Bauernhof zum Klassenzimmer wird, und Ferienfreizeiten an. Als „Lernort Bauernhof“ wird das Angebot vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium gefördert. „Karibu“ arbeitet dabei eng auch mit Kindergärten, Mutter-Kind-Gruppen und der Jugendherberge Lindau zusammen, häufig wird der Hof auch für einen Kindergeburtstag genutzt. „Von Beginn an waren ein Schwerpunkt regelmäßig stattfindende Gruppen, in denen integrativ gearbeitet wird: Hier kommen Kinder mit und ohne Behinderung oder Verhaltensauffälligkeiten und Kinder aus unterschiedlichsten Kulturen zusammen – voneinander lernen steht dabei im Vordergrund.“

Drei Plätze bewilligt

Karin Stark erzählt, dass es sich so entwickelt habe, dass sich einige der Gruppenteilnehmer auch für eine Arbeitsstelle hier interessiert hätten. „Dass der Bezirk Schwaben mir insgesamt drei Plätze als ‚Anderer Leistungsanbieter‘ bewilligt hat, dafür bin ich schon sehr dankbar“, sagt Karin Stark. Neben Andrea, die ihre Ausbildung als Tierpflegerin absolviert, ist derzeit noch Cleo über diese Möglichkeit auf dem Hof angestellt. Die 24-Jährige ist Kinderpflegerin, auch für sie ein Traumberuf. „Ich war hier bei Freizeiten dabei und hab einfach gemerkt, dass ich mich gut um Kinder kümmern kann“, sagt die junge Frau strahlend. Und das tut sie, wie Karin Stark bestätigt, mit vollem Einsatz.

Andere Leistungsanbieter

„Andere Leistungsanbieter“ stellen Alternativen der beruflichen Bildung und Arbeitsangebote für behinderte Menschen außerhalb der Werkstätten dar. Für die Finanzierung der Ausbildung, die der Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt vorausgeht, ist die Agentur für Arbeit zuständig, für die Finanzierung der jeweilige Träger der Eingliederungshilfe (in Bayern die Bezirke). 
Bei der Sozialen Landwirtschaft handelt es sich um ein Einkommensstandbein für Landwirte, dessen verschiedene Angebotsformen sich an Menschen mit besonderen (sozialen) Bedürfnissen richten.