Protest

Für Nachbesserungen bei Roten Gebieten eintreten

Messstelle
Michael Ammich
am Freitag, 12.03.2021 - 07:27

Dillinger Landwirte gründen eine Interessensgemeinschaft. Die Zweifel an den Messstellen bleiben weiterhin ein großes Thema.

So schnell geben sich die Landwirte in den Roten Gebieten bei Wertingen und im Kesseltal nicht geschlagen. Nach wie vor haben sie erhebliche Zweifel an der Qualität der zwei Messstellen bei Burgmagerbein und Wortelstetten, die für die Ausweisung der Roten Gebiete verantwortlich sind. Um ihrem Widerstand noch mehr Druck und Rechtssicherheit zu verleihen, ist in den betroffenen Regionen die Gründung von Interessengemeinschaften angelaufen. Inzwischen werden bayernweit mehr als ein Dutzend solcher Gemeinschaften vom BBV betreut.

Gründungsversammlung informiert über Sachstand

Hieber

Am 17. Februar fand die Online-Gründungsversammlung der „Interessengemeinschaft Rote Gebiete 1_G026 Vorlandmolasse-Wertingen“ statt. Der Dillinger Kreisobmann Klaus Beyrer und der schwäbische BBV-Bezirksgeschäftsführer Markus Müller informierten die Teilnehmer noch einmal über den Sachstand zum 206 km² großen Grundwasserkörper 1-G026, der große Teile der Landkreise Dillingen, Donau-Ries und Augsburg umfasst. Begleitet wurden sie dabei von dem Juristen und für Oberbayern und Schwaben zuständigen BBV-Direktor Martin Wunderlich.

Der Bauernverband hat bereits Ende 2019 ein betriebswirtschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben zu den Auswirkungen der besonderen Bewirtschaftungsanforderungen, die in der neuen Düngeverordnung hinsichtlich der Roten Gebiete festgelegt sind. Dieses Gutachten bildet die Basis für ein weiteres, verfassungsrechtliches Gutachten, an dem derzeit gearbeitet wird.

Auf der Gründungsversammlung, an der 64 Landwirte teilnahmen, wurde auch gleich eine Satzung für die Interessengemeinschaft verabschiedet. Zweck der IG ist demnach „sich mit allen legal zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Ausweisung der Roten Gebiete im regionalen Bereich des Grundwasserkörpers 1_G026 Vorlandmolasse-Wertingen zur Wehr zu setzen und die Ausweisung zu verhindern, hilfsweise aber deutliche Erleichterungen räumlicher oder inhaltlicher Natur zu bewirken bzw. zu erstreiten“.

Alle Landkreise im Fokus

Wörner

Um dieses Ziel zu erreichen will die IG die Wasserqualität im Roten Gebiet katalogisieren und Sachverständige dort mit Gutachten beauftragen, wo die von der IG festgestellten Wasserqualitäten bezüglich Nitrat und Phosphat von den staatlich festgestellten Qualitäten abweichen. Außerdem bietet die IG ihren Mitgliedern fachliche und finanzielle Unterstützung bei der Einlegung von Rechtsmitteln gegen die Ausweisung von Roten Gebieten an.

Bei der Wahl der IG-Vorsitzenden wurden alle drei betroffenen Landkreise berücksichtigt: Franz Kratzer (Kühlental/Lks. Augsburg), Johannes Hieber (Baumgarten/Lks. Dillingen) und Jürgen Wörner (Mertingen/Lks. Donau-Ries). Wesentliche Grundlage für die finanzielle Ausstattung der IG sind die Mitgliedsbeiträge. Diese bestehen vorerst aus einem einmaligen Aufnahmebeitrag von 100 € pro Mitglied.

Wie der Dillinger BBV-Kreisgeschäftsführer Eugen Bayer mitteilt, hat sich die Zahl der IG-Mitglieder bereits zum 23. Februar und damit nur sechs Tage nach der Gründung auf mehr als 120 erhöht. Auf absehbare Zeit soll auch für das Rote Gebiet im Grundwasserkörper 1_G022 Nördlinger Ries-Bissingen, das insbesondere das Kesseltal umfasst, eine Interessengemeinschaft ins Leben gerufen werden.

Was die Landwirte in den beiden Roten Gebieten empört: Grundlage für die Ausweisung der riesigen Gebietskulissen ist jeweils eine einzige Messstelle mit erhöhtem Nitratwert (siehe dazu auch Seite 18 und 19 im aktuellen Wochenblatt). Die Messstelle im Kesseltal befindet sich auf einer Anhöhe. Gänzlich an der Bodenoberfläche liegt die Messstelle bei Wortelstetten in der Vorlandmolasse nahe Wertingen. Bei ihr handelt es sich um eine offene Quelle in einem bewaldeten Hang. Die Landwirte in den betroffenen Gebieten können nicht nachvollziehen, dass solche einzelnen Messstellen eine Lawine an Bewirtschaftungseinschränkungen auslösen sollen, zumal es in den beiden Grundwasserkörpern jeweils einige Brunnen gibt, die Nitratwerte deutlich unter dem Grenzwert von 50 mg pro Liter aufweisen.

Sinkende Erträge und drohender Güllestau

Johannes Hieber bewirtschaftet in Baumgarten einen viehlosen Ackerbaubetrieb und ist Mitgesellschafter einer Biogasanlage in Holzheim. Wie seine Berufskollegen befürchtet er Ertrags- und damit Einkommensverluste, wenn er auf 16 ha seiner betrieblichen Nutzfläche die Stickstoffdüngung um 20 % unter dem eigentlichen Bedarf zurückfahren muss. Dazu kommt noch, dass er nach der Ernte der Hauptfrucht überhaupt nicht mehr düngen darf, was besonders die Zwischenfrüchte trifft. Infolge dessen müssten viele Biogasanlagen und viehhaltende Betriebe in der Region ihre Güllelagerkapazität ausbauen, um den Güllestau zu bewältigen.
Hieber engagiert sich auch deshalb als Vorsitzender der IG, um die Wasserwirtschaft endlich dahin zu bringen, eine Binnendifferenzierung im Grundwasserkörper 1_G026 vorzunehmen. Wie ist es möglich, dass eine einzige oberflächliche Nitratmessstelle für die Ausweisung eines derart großen Rotes Gebiets herangezogen wird, fragt sich Hieber. Die IG werde diese Quelle von einem Hydrogeologen auf ihre Tauglichkeit als Messstelle überprüfen lassen.
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Es sei in hohem Maße unfair, dass die Datengrundlage für die Stickstoffbelastung des Roten Gebiets von der Landesanstalt für Landwirtschaft pauschal erhoben wurde. Die Daten seien, so Hieber, wenig aussagekräftig, weil beispielsweise die Abgabe von Gülle an andere Landwirte, die sie außerhalb des Roten Gebiets ausbringen, mit einbezogen worden sei. Die IG will jetzt anhand von Stützmessstellen belegen, dass nicht die Landwirte grundsätzlich für alle örtlichen Überschreitungen des gesetzlichen Nitratgrenzwerts im Grundwasser verantwortlich gemacht werden können.

Jürgen Wörner kann nur den Kopf schütteln. In Mertingen, wo er einen Ferkelaufzuchtbetrieb bewirtschaftet, grenzt das Rote Gebiet unmittelbar an ein Wasserschutzgebiet. Dort liegt der Nitratgehalt im Wasser erheblich unter dem Grenzwert. Und ein paar Meter weiter muss die Düngung eingeschränkt werden, weil im selben Grundwasserkörper der Nitratwert zu hoch ist? Solche Ungereimtheiten sind es, die Wörner dazu bewegt haben, einen der drei Vorsitzendenposten in der Interessengemeinschaft zu übernehmen.

20 ha Ackerfläche hat der Mertinger im Roten Gebiet liegen. Mit seinem Viehbestand kommt er auf 0,9 Großvieheinheiten pro Hektar und muss Gülle an andere Landwirte abgeben, nachdem er sie im Sommer nicht mehr ausbringen darf. Wörner befürchtet, dass er die Landwirte in absehbarer Zeit für die Gülleabnahme sogar bezahlen muss. Ob die Einschränkung der Düngung auf seinen Äckern tatsächlich zu einer geringeren Bodenfruchtbarkeit und zu Ertragsverlusten führt, werde sich noch zeigen, sagt der Ferkelaufzüchter.

Auflagen treffen stark die ökologischen Betriebe

Über die nach wie vor fehlende Binnendifferenzierung für den Grundwasserkörper Vorlandmolasse-Wertingen ärgert sich auch Franz Kratzer. Auf dem Anzenhof bei Kühlental betreibt er eine Ferkelproduktion und Schweinemast. Seit jeher bemühe er sich, den Stickstoffaustrag aus seinem Betrieb möglichst gering zu halten. Der Landwirt gibt einen Teil der Gülle ab und bereitet einen anderen Teil auf. Wegen der Einschränkungen für die Roten Gebiete bräuchte Kratzer 20 % mehr Fläche, um seine bisherigen Erträge zu halten. Ohne diese Zusatzfläche muss er noch mehr Futter für seine Schweine zukaufen.

„Wir Bauern werden jetzt dafür bestraft, dass wir uns an die gute fachliche Praxis halten“, klagt Kratzer. Die Auflagen in den Roten Gebieten seien dagegen praxisfremd. Sie träfen auch stark die ökologische Landwirtschaft, die doch so sehr von der Gesellschaft gefordert wird.

Interessierte Landwirte melden sich für weitere Informationen bei dem jeweiligen IG-Vorstand oder beim BBV Dillingen, Tel. 09071-70565-10.

Lesen Sie mehr: Die Roten Gebiete im Landkreis Dillingen beschäftigten auch den Bayerischen Landtag. Mit einer Petition zur Ausweisung von Roten Gebieten im Landkreis Dillingen haben sich der Dillinger BBV-Kreisobmann Klaus Beyrer und Kreisbäuerin Annett Jung an den Bayerischen Landtag gewandt. Fast 200 Landwirte unterstützten die Petition. Das sagen die Fraktionen im Landtag zu den Forderungen.