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Ausbildung

Freude schenken in den letzten Tagen

Brigitte Auer
am Mittwoch, 25.05.2022 - 07:00

Petra Mayer kocht als angehende Hauswirtschafterin Leibspeisen für die Gäste des Benild-Hospiz Illertissen.

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Gekocht wird im Benild-Hospiz in Illertissen, was die Gäste des Hauses schätzen und gewohnt sind. Denn die Gäste sollen sich an dem Ort ihrer vielleicht letzten Tage wie zuhause fühlen.

Als eine von vier Köchinnen sorgt Petra Mayer für das leibliche Wohl der Gäste: "Ich setz mich an den Tisch und frage, worauf sie Lust haben“, sagt die angehende Hauswirtschafterin, als sie sich anlässlich der Themenwoche „Grüne Berufe“ des AELF Krumbach-Mindelheim vorstellt.

Solche Gespräche über das Essen sind eine gute Möglichkeit, um Zuwendung zu vermitteln und Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Bewohner zu zeigen. Zumal, wenn sie von einer so herzlichen Person wie Petra Mayer geführt werden, die immer ein fröhliches Lächeln für ihr Gegenüber hat.

Und wenn vor Ort gekocht wird, aus der offenen Küche die Gerüche frisch zubereiteter Gerichte in den angrenzenden Speiseraum ziehen, dann wird das sinnliche Erleben auf ganzheitliche Weise aktiviert. Warme Orange-Töne zu dunklem Holz schaffen dort eine Atmosphäre der Geborgenheit.

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Mittendrin: ein Erinnerungsort für jene Gäste, die inzwischen verstorben sind. Zwischen Blumen und Kerzen ein Gedenkbuch, das Angehörige mit Bildern und Texten gestalten.

Das 2015 gegründete Hospiz residiert im ehemaligen Wohnhaus der Schulbrüder Illertissen, das diese dem Förderverein des Hospizes gestiftet haben. „Liebevoll umsorgt, ohne eingeengt zu werden“ sollen die Menschen, die hier ihr letztes Zuhause finden, in ihrem Sterbeprozess. Und so ist das Wort „Selbstbestimmung“ auch hervorgehoben platziert im Logo des Hospizes.

„Wünsche wechseln schnell. Da muss man oft spontan reagieren.“ Im „Haus der Geborgenheit“, so Geschäftsführer Andreas Lazarek, sollen alle Berufssparten auf professionellen Beinen stehen. Dies betrifft im Bereich Hauswirtschaft nicht nur das Kochen selbst, sondern beispielsweise auch den Einkauf, die Materiallagerung oder die Sauberkeit.

Man habe deshalb den Kontakt zur Berufsfachschule (BFS) Hauswirtschaft in Krumbach gesucht und mit Petra Mayer eine geeignete Mitarbeiterin gefunden, die sich nun dort zur Fachkraft für Ernährung und Haushaltsführung ausbilden lässt.

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„Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht“, meint Petra Mayer im Gespräch, an dem neben Geschäftsführer Andreas Lazarek auch die Hospizleiterin Sonja Remiger und Gertrud Wenz, Leiterin der Abteilung Hauswirtschaft der Landwirtschaftsschule am AELF Krumbach, teilnehmen.

Das Thema Lebensmittel, Ernährung und Kochen habe Mayer schon immer begeistert. Als Geschäftsführer Lazarek ihr anbot, ihren zunächst auf 450-Euro-Basis angelegten Job aufzustocken und sich beruflich weiterzuqualifizieren, habe sie gesagt: „Ich mach‘s.“

Eine andere, sichere Arbeit gab sie dafür auf. Nun kann das Hospiz auf die Belieferung durch einen externen Caterer verzichten und werden die Pflegekräfte entlastet, denen die Zeit zum Kochen fehlt.

Eine ganzheitliche und bedürfnisorientierte Betreuung der Gäste – so Lazarek - sei nur möglich, wenn alle Berufsgruppen, Haupt- wie Ehrenamtliche gut zusammenarbeiten. Dies betreffe nicht nur die Einhaltung von Ernährungsplänen. Nicht selten laufe der Erstkontakt zu neuen Gästen über die Küche. Die Hauswirtschaftsleute wüssten oft am meisten über die Familien oder die Hobbies der Gäste. Bei den Übergaben würde dies dann an die Pflegekräfte kommuniziert.

„Im Zimmer finden das Weinen und Trauern statt, am Tisch überwiegen das Lachen und die Freude“, erlebt Mayer. Gerne erinnert sie sich: Ein Gast hatte nach seinem letzten Krankenhausaufenthalt aufgehört zu essen. Da sei sie mit einem Teller Suppe zu ihm gegangen und habe ihn dazu bewegt, wieder das Essen zu beginnen. Seine Tochter sei später extra zu ihr in die Küche gekommen und habe ihr gedankt: „Sie haben mir eine große Freude damit gemacht, ihn noch einmal essen gesehen zu haben.“

Man kann also verstehen, dass dem Träger des Hospizes Mayers Ausbildung etwas wert ist: Schulzeiten werden ihr als Arbeitszeit berechnet, für die 18 Zusatztage, die die Ausbildung vorsieht, wird sie freigestellt.

Selbstverständlich sei eine solche Unterstützung durch den Arbeitgeber, erklärt Schulleiterin Gertrud Wenz, freilich nicht.

Studiengang „Fachkraft für Ernährung und Haushaltsführung

Das AELF Krumbach-Mindelheim bietet an seinen Landwirtschaftsschulen in Memmingen, Krumbach und Mindelheim den eineinhalbjährigen Studiengang zur „Fachkraft für Ernährung und Haushaltsführung“ an.

Die Hauswirtschaft gehört damit zu den 15 sogenannten „Grünen Berufen“, die innerhalb der Themenwoche „Grüne Berufe“ durch das Bayerische Landwirtschaftsministerium vorgestellt wurden. Ziel der Ausbildung ist die fachkundige Führung eines Haushaltes.

Praktische Fertigkeiten und breites Fachwissen in den Bereichen Hauswirtschaft, Familien- und Haushaltsmanagement werden unterrichtet. So vermittelt die Ausbildung Kompetenzen für eine qualifizierte Tätigkeit im Bereich der hauswirtschaftlichen Dienstleistungen und der landwirtschaftlichen Einkommenskombination.

Zugangsvoraussetzung ist ein Berufsabschluss außerhalb der Hauswirtschaft mit ausreichender praktischer Berufstätigkeit.

Zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Haushalt und Beruf wird der Unterricht in Teilzeitform angeboten. Die rund 630 Unterrichtsstunden verteilen sich auf einen Zeitraum von 21 Monaten. Durch die Auswahl aus einem Angebot von Wahlpflichtmodulen können die Studierenden persönliche Schwerpunkte setzen, so dass diese Ausbildung bei Weitem nicht nur für Bäuerinnen interessant ist.

Die Zusammensetzung der Studierenden sei, so Wenz, bunt und mit 23 Jahren bis Ende 40 altersgemischt.

Einige Studierenden stünden nach dem Wiedereinstieg in den Beruf vor der Frage, wie sie die Mehrfachbelastung von Haushalt und Beruf in den Griff bekommen sollen. Andere kämen aus Büro-Berufen, wo es ihnen am Umgang mit Menschen fehle. Die flexible Gestaltung der Unterrichtszeiten wie auch Lerninhalte öffnet verschiedensten Interessenten den Weg in den Studiengang.

Die Ausbildung schließt mit einer praktischen Prüfung und der Präsentation eines Projektes ab. Sich dieser Herausforderung gestellt zu haben, hat Petra Mayer noch keinen Tag bereut. Bereits nach einem Drittel der Studienzeit erkenne sie große Fortschritte: Mit dem Kochen allein sei es eben nicht getan. Eine professionelle Haushaltsführung schließe Themen wie Arbeitsorganisation, Hygiene, Arbeitssicherheit, Dokumentation und vieles mehr mit ein.

Nach Abschluss des Studiengangs steht das nächste Ziel vor Augen: die Prüfung zur staatlich geprüften Hauswirtschafterin. Ist auch diese gemeistert, kann Petra Mayer an ihrem Arbeitsplatz als Praxisanleitung andere junge Frauen und Männer in deren beruflichen Ausbildung begleiten – und das finanzielle und ideelle Engagement des Trägers weitere Früchte für die Gäste des Benild-Hospizes tragen.