Waldpflege

Forstarbeit nach alter Väter Sitte

Susanne Lorenz-Munkler
am Dienstag, 26.05.2020 - 09:21

Im Stadtwald von Immenstadt werden z.T. in steilem Gelände rund 1000 fm Sturmholz per Hand entrindet.

Waldarbeit

Die Stadt Immenstadt ist der größte kommunale Waldbesitzer im bayerischen Alpenraum. Die Stadt besitzt 1000 ha Wald, teilweise mit Hochgebirgsverhältnissen und mit einem Schutzwaldanteil von über 60 %. 2019 wurde die Stadt wegen ihrer nachhaltigen Waldbewirtschaftung, die sich in einer großen Artenvielfalt niederschlägt, ausgezeichnet (Unser Allgäu berichtete).

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Verantwortlich hierfür zeichnet seit 30 Jahren der Stadtförster Gerhard Honold. Der Förster, der auch beim LBV, BUND und als Blühbotschafter tätig ist, mit dem Naturpark Nagelfluh kooperiert, und als Referenzbetrieb für die Bergwaldoffensive agiert, praktiziert „integrativen Waldbau mit vielen Naturschutzleistungen.“ Was bedeutet: Neben einer nachhaltigen Bewirtschaftung eines zukunftsfähigen Bergmischwaldes hat er vor allem die Flora und Fauna im Blick.

Konzept ist 15 Jahre alt

So sieht der 14 Jahre alte Waldwirtschaftsplan der Stadt Immenstadt , ein freiwilliges, betriebseigenes Naturschutzkonzept, den Erhalt von Totholz unterschiedlicher Dimension und Beschaffenheit von 30-50 fm/ha auf geeigneten Altbeständen vor. „Diese Menge ist notwendig, um Arten zu fördern, die mindestens diesen Schwellenwert von Totholz für ihren Lebensraum benötigen, zum Beispiel der Weißrückenspecht“, erklärt Honold. Des weiteren erhält man Biotopbäume (5 bis 10 Stück pro Hektar, einzeln oder in Habitatgruppen) und schützt Methusalem-Bäume (dauerhafte Markierung und GPS-Einmessung von 1-2 Stämmen pro Hektar).

Doch auch Immenstadts Wälder werden vom Klimawandel gebeutelt. Die vergangenen extrem trockenen Sommer mit bedrohlichen Borkenkäfer-Kalamitäten und jetzt wieder drei Stürme mit Orkanstärke im Februar, die viele tausend Bäume entwurzelt oder umgeknickt haben wie Streichhölzer, fordern vollen Einsatz. Wie managt der Stadtförster mit seinem Team 1500 fm Schadholz (etwa 1500 umgestürzte Fichten), die im extrem steilen Gelände der Nagelfluhkette kreuz und quer liegen? Sie sind die perfekten Brutstätten für Borkenkäfer, der in diesem Jahr aufgrund der hohen Temperaturen bereits Anfang April ausgeflogen ist.

„Der Borkenkäfer hat sich schon eingebohrt“, berichtet Honold „Wenn wir das Holz nicht während der Entwicklungszeit der Larven rausbringen, vermehrt sich der Käfer, nachdem er ausgeflogen ist, explosionsartig“. Was in den Immenstädter Wäldern fatal wäre. Denn 60 % der Wälder haben Schutzwaldfunktion und schützen das Städtle vor Schnee- und Gerölllawinen. Honold: „ Zwei Drittel der insgesamt 1500 Festmeter – das sind 40 Prozent unseres eigentlichen Jahres-Einschlags – haben wir schon aufgearbeitet und abgefahren. Etwa ein Drittel des Holzes ist nicht bringbar. Das heißt, das Holz muss im Wald liegen bleiben.“

Unbehandelt aber können die Baumstämme nicht im Wald liegenbleiben, sonst sind sie ideale „Käferschiffe“. Drei Dinge aber kommen für Honold derzeit nicht in Frage. „Wir könnten das Holz mit dem Hubschrauber herausfliegen. Das würde pro Festmeter 100 bis 120 Euro kosten. Zur Zeit bekommen wir für den Festmeter aber gerade noch 30 bis 40 Euro. Das ist also nicht nur unwirtschaftlich, sondern auch wenig umweltfreundlich. So ein Hubschrauber benötigt 700 Liter Kraftstoff pro Stunde und würde unser Wild und unsere Birkhühner, die gerade brüten, erheblich stören.“

Schwieriger Abtransport

Auch der Abtransport mit einer Langstrecken-Seilbahn, wie sie in Bergwäldern gerne eingesetzt werde, komme ebenfalls nicht in Frage. „Die Bäume sind sehr punktuell umgestürzt und liegen in sehr steilem Gelände“, sagt Honold. Das würde jeden Forstdienstleister zur Verzweiflung bringen,. Für eine Seilbahn sollten mindestens 0,5 bis 1 fm pro Laufmeter Seil an Holz konzentriert liegen. Ansonsten sei es wirtschaftlich nicht darstellbar. Seilbahnen haben meist zwischen 200 und 1000 m Länge. Bei 5 bis 10 Bäumen auf einer Stelle müssten gesunde Bäume im Umfeld mit aufgearbeitet werden. Holzrücken mit Pferd komme aufgrund der Steilheit des Geländes ebenfalls nicht in Frage.
Und schon gar nicht der Einsatz von Insektiziden, die derzeit in vielen Privatwäldern gespritzt werden, um die Borkenkäferlarven zu töten, bevor sie ausfliegen. „Man könnte natürlich ein Insektizid spritzen, wenn der Käfer sich schon eingebohrt hat. Aber dann würden zahlreiche wichtige andere Insekten und Organismen mit getötet. Vom Staat werden wir für den Verzicht auf Insektizide speziell gefördert.“
Aus all diesen Gründen lässt der Stadtförster das Sturmholz nach alter Väter Sitte per Hand entrinden. „Mit der Förderung von 30 bis 50 Euro pro Festmeter können wir die Kosten für einen hohen Mehraufwand für die händische Entrindung abgelten“.
Und so klettern die Angestellten der Forstverwaltung Immenstadt derzeit in extremsten Steilhängen herum, um die umgestürzten Baumstämme mit dem althergebrachten Schäleisen zu entrinden und so den Larven die Lebensgrundlage zu entziehen. Einer von Ihnen, Forstwirtschaftsmeister Pirmin Enzensberger (24) berichtet. „Bis wir zu den umgekippten oder geknickten Bäumen kommen, müssen wir uns erstmal einen Weg durch Felsen und dichtes Gestrüpp bahnen. Das kann schon mal eine Stunde dauern“. Und die Arbeit sei sehr anstrengend, da man aufgrund der Steilheit des Geländes in ergonomisch ungünstiger Körperhaltung arbeiten muss.
Knapp tausend solcher Bäume aber müssen zeitnah gefunden und geschält werden, ergänzt ihr Chef, Gerhard Honold. „Das stemmen wir mit unseren eigenen Waldarbeitern und zusätzlichen Unternehmern, die in der Lage sind, eine solche Arbeit zu tun. Oft sind das auch Älpler, die Zeit haben, bevor die Alpsaison beginnt. Den Einsatz rumänischer Leiharbeiter lehnen wir ab“, betont Honold.

Geschält liegengelassen

Dann werden die Bäume geschält liegengelassen. „Im Schutzwald sind solche Stämme sogar von Vorteil. Sie halten Lawinen auf“, sagt Honold. Unzählige Arten leben im und von totem Holz – allein in Mitteleuropa fast 1400 Käferarten und 1500 Baumpilzarten. Manche Baumstämme lässt Honold auch nur streifenweise entrinden. Es gebe nämlich Untersuchungen, zum Beispiel im Nationalpark Bayerischer Wald, dass Totholz, das streifenweise entrindet wurde, genauso wirksam gegen den Borkenkäfer ist, aber einen deutlich höheren Wert für die Biodiversität besitzt, weil diese Bäume besser von nachfolgenden Käfern und Pilzen besiedelt werden können. Die flächige Entrindung versiegelt die Bäume besser und sie faulen deswegen auch viel später. Dieses vermodernde Holz aber stelle wichtige Lebensräume dar.
Honold ist zuversichtlich: „Bisher haben wir noch keine ausgeschlüpften Jungkäfer. Wir müssen jetzt die Weichen stellen für die nächsten 200 Jahre. Wir haben einen Naturverjüngungsbetrieb mit Schutzwaldstatus. Deshalb geht es nicht nur um den Erlös, sondern vor allem um die Biodiversität und die Herausforderungen des Klimawandels, der in den Alpen deutlich schneller abläuft. „Wir sind aber auch ein professioneller Betrieb, der von den Erträgen leben muss. „Wir müssen zumindest kostendeckend arbeiten und, das ist viel wichtiger, die Funktionen des Bergwaldes erhalten“, betont er.
Der praktizierte, integrative Waldbau sei dabei ein Erfolgsrezept zum Erhalt der Artenvielfalt. „Wir sind in der PEFC-Zertifizierung, würden aber auch den Ansprüchen einer FSC-Zertifizierung genügen. Zum Beispiel seien dort 5 Prozent der Fläche aus der Nutzung zu nehmen, es dürfen keine flächigen Befahrungen mit Maschinen stattfinden und es muss genügend totes Holz auf der Fläche verbleiben.“. Wir schlagen regulär jährlich ca. 5000 fm ein und 7000 fm wachsen nach. Wir haben in Immenstadt noch einen naturnahen und ertragreichen Stadtwald, auf den wir wirklich stolz sein können“, betont der 57-Jährige.