Photovoltaik

Flächenkonkurrenz ist zu groß

BoosFreiPVFlaechenjd
Josef Diebolder
am Freitag, 24.07.2020 - 09:09

Landwirte in Boos und Umgebeung wehren sich gegen eine PV-Freiflächenanlage.

Die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien beschäftigt auch die Verwaltungsgemeinschaft Boos (mit Niederrieden, Heimertingen, Pless und Fellheim), nachdem die Babenhausener Firma „VenSol“ in öffentlichem Rahmen Pläne für eine Freiflächen-Photovoltaik vorgestellt hat.

BoosMBoxlerNRuf20jd

Nach großem Publikumsinteresse für solche Großanlagen in benachteiligten Gebieten, außer Schutzflächen, regen sich von Seiten der Landwirtschaft Bedenken über den Flächenverlust. Durch die Corona-Auflagen wurde eine früher geplante Großveranstaltung verhindert.

Nun konnte die überregionale Interessengemeinschaft mit deren Sprechern Michael Boxler und Norbert Ruef ihre Sichtweise vorstellen. Bei einer öffentlichen Gemeinderatssitzung im Dorfgemeinschaftshaus Boos zeigten sie auf, welche Veränderungen eine solche Großanlage mit sich bringen würde.

Durch eine Änderung in der Gebietskulisse wurden die infrage kommenden Flächen rund 500 m nördlich von Boos nicht mehr als benachteiligtes Gebiet behandelt. Die Neubewertung gelte seit Anfang 2019. Das verhindere auch den Ausbau von Freiflächenanlagen auf landwirtschaftlichem Grund, verdeutlichten Ruef und Boxler.

Aufgeschlossen für Argumente der Landwirte

Für Bürgermeister Helmut Erben ist die Gemeinde Boos erst in der Entscheidungsfindung und sei durchaus aufgeschlossen für die Argumente der Landwirte. Für eine Freiflächen-Photovoltaik-Anlage wäre überdies ein Bebauungsplan von Gemeindeseite erforderlich, sagte der Bürgermeister.

Genauso wie die Verwaltungsgemeinschaft Boos mit ihren angegliederten Gemeinden befürworten die Landwirte grundsätzlich Schritte hin zu einer zukunftsfähige Energiewende, wie sie in ihren Ausführungen deutlich machten. Für sehr sinnvoll erachten Boxler und Ruef „auf eigenen Dachflächen den Strom zu erzeugen und gleich im eigenen Haushalt und Betrieb einzusetzen“.

Viel Fläche kommt abhanden

Eindeutig „hoch“ sehen die Vertreter der Bürger und Landwirte indes den Flächenentzug bei Freiflächen-PV-Anlagen. Die Gemeinde Boos habe in den letzten 20 Jahren, 34 ha aus der landwirtschaftlichen Erzeugung genommen und vielfach versiegelt. Allein für Bauten seien das 15 ha. 6 ha kämen dann durch Straßenbau hinzu. Weitere Flächen seien den Landwirten durch Ausgleichsflächen abhandengekommen.

Gegenüber dem bayerischen Schnitt von 2,8 qm je Bürger und Jahr seien in Boos 5 qm pro Bürger entnommen worden. Die erwartete Umgehungsstraße der Bundesstraße 300 um Boos reiße weitere 15 ha heraus. So werde den Landwirten ebenfalls ein Hemmschuh angelegt.

Kämen dann nochmal 10 ha allein für die Freiflächen Stromerzeugung dazu, sei das mit 200 Bauplätzen oder einem Fünftel der Gemeindefläche gleichzusetzen, rechneten die Landwirte vor.

Die für Ruef stark verminderte Landwirtschaftsfläche müsste letztlich durch Nahrungsimporte ausgeglichen werden. Zudem seien steigende Preise am Flächenmarkt die Folge. Die Installation einer Freiflächenanlage ist für ihn eindeutig ein „Fremdkörper in der Natur“. Dort wachsende Pflanzen hätten keinen Futterwert für die Landwirte und deren Vieh. Das eingezäunte Gelände halte zudem die Wildtiere fern. Stattdessen müssten die Flächen maschinell freigehalten werden.

Beim Aufarbeiten des Themas habe Boxler erkannt, dass „Dach- und Fassadenflächen für Photovoltaik ökologisch sinnvoller sind als Freiflächen“. Einer Fraunhofer-Studie zufolge seien hierzulande nur 3,5 % der möglichen Dächer genutzt.

Flächenkonkurrenz in Boos zu hoch

Durch die Extensivierung des Aufwuchses in den Freiflächen-Anlagen fürchtet Ruef zudem ein Aufkommen und Überspringen von Jakobs-Kreuzkraut in die landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Für Boxler ist die Flächenkonkurrenz in Boos zu hoch, um Strom darauf zu erzeugen. Stattdessen legte Ruef als Biogaserzeuger dem Gemeindegremium nahe, Wärme mithilfe einer gemeinschaftlich ausgelegten Biogasanlage, also die Gülle von mehreren Hundert Großtieren der umliegenden Landwirte, in Strom umzuwandeln. Die entstehende Prozesswärme könnte in das bestehende Nahwärmenetz einfließen.

Solch ein Energie-Netz könnte sich Bürgermeister Helmut Erben gut vorstellen. Den politischen Willen für mehr Eigenverbrauch befürwortete auch Gemeinderat Werner Schmucker (Bürgerblock). Wenn für Gemeinderat Jürgen Kraft (Freie Wähler) die benachteiligte Gebietskulisse als Voraussetzung fehlt, „ist das Thema vom Teller“.

Die vorgeschlagenen Flächen gleich nach Boos haben Gemeinderat Michael Frommel (Freie Wähler) nicht gefallen. Seiner Meinung nach sollten sie näher bei Pleß liegen.

Keine Wertschöpfung für ländlichen Raum

An die Photovoltaikanbieter „VenSol“ richtete auch der schwäbische BBV-Bezirkspräsident Alfred Enderle ein Schreiben, indem er die Position des Bayerischen Bauernverbandes darstellte. Vorrangig sollten demnach auf Dachflächen Photovoltaikanlagen entstehen.

Acker- und Grünlandflächen seien so begrenzt, dass sie der Nahrungs- und Futtererzeugung vorbehalten sein sollen. Photovoltaikanlagen sollten bei Bürgern und Landwirten Akzeptanz haben.

Enderle sieht auch die Gefahr, dass „große Investoren“ bei Freiflächenanlagen zum Zug kommen, die „keine Wertschöpfung für den ländlichen Raum bringen“.