Bauprojekt

Flächenfraß erhitzt Gemüter

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Michael Ammich
am Montag, 22.07.2019 - 11:26

Dinkelscherben: BBV und BN sprechen sich gemeinsam gegen ein Bauprojekte auf der grünen Wiese aus.

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Am Flächenverbrauch scheiden sich die Geister. Neue Umgehungsstraßen, Siedlungs- und Gewerbegebiete zerstören unwiederbringlich landwirtschaftliche Flächen und Biotope. Andererseits ist auch ein großes Dorf wie Dinkelscherben ein Biotop, und zwar eines für die Menschen. Erlöst man sie von einem Teil der mehr als 11 000 Kraftfahrzeuge, die sich täglich durch die Hauptstraße quälen, und baut man eine Umgehungsstraße, fehlen den Landwirten künftig 8 ha Land und wertvolle Grünlandbiotope gehen verloren. Wie man es besser machen könnte, zeigte der Bund Naturschutz mit seinem Landesvorsitzenden Richard Mergner bei einem Ortstermin in Dinkelscherben auf.

In der Marktgemeinde mit ihren 6400 Einwohnern sei wie in einem Brennglas das Flächenproblem gebündelt, stellt Richard Mergner fest. Die Planungen für einen Supermarkt auf der grünen Wiese und eine Umgehungsstraße quer durch landwirtschaftliche Flächen seien typisch für viele ländlichen Gemeinden in Bayern, so der BN-Vorsitzende. Dass hier Handlungsbedarf besteht, hat auch die Politik erkannt. Die bayerische Staatsregierung will noch bis zum Herbst 2019 einen Flächenverbrauchsrichtwert von täglich höchstens 5 ha in das Landesplanungsgesetz schreiben. Das würde eine Halbierung des aktuellen Verbrauchs bedeuten. Die bisherige Politik der Freiwilligkeit sei beim Flächenschutz „krachend gescheitert“, sagt Mergner. „Wir brauchen deshalb klare Vorgaben über das Ordnungsrecht.“

Der Bund Naturschutz kämpfe um jeden Quadratmeter Fläche, um Artenvielfalt und landwirtschaftliche Produktivität zu sichern. Die Planung einer 4,4 km langen Umgehungsstraße mit einem Flächenverbrauch von 8 ha bezeichnet Mergner mit Blick auf die tatsächliche Verkehrsdichte als „lächerlich“. In der Nachbargemeinde Diedorf würden täglich nicht 11 000, sondern 25 000 Fahrzeuge auf der Ortsduchfahrt gezählt. Dasselbe gelte für den geplanten vierten Supermarkt im Dorf. Dieser könne genauso gut innerorts, beispielsweise auf einem Gelände am Bahnhof, eingerichtet werden. „Die Innenentwicklung muss Vorrang vor der Außenentwicklung haben, wir brauchen keine neuen Straßen mehr“ – auch dann nicht, wenn der Staat der Marktgemeinde einen Zuschuss von 80 % für eine Umgehungsstraße spendieren würde. „Und mit einem weiteren Supermarkt auf der grünen Wiese wird das Dorf sein Gesicht verlieren“, prophezeit Mergner.

Hohe Verantwortung für Erhalt von urbarem Land

Der BN-Vorsitzende betrachtet die Planungen der Marktgemeinde als völlig aus der Zeit gefallen. „Ich kann nur an den Gemeinderat appellieren, sie zu überdenken.“ Das Dorf brauche die Flächen zur Hochwasserrrückhaltung und als Kohlendioxid- und Wasserspeicher. Selbst die Regierung von Schwaben hat Mergner zufolge einen vierten Supermarkt in Dinkelscherben abgelehnt. Die Gemeinde habe jedoch einen neuen Genehmigungsversuch für einen Supermarkt auf landwirtschaftlich genutztem Boden unternommen, obwohl es im Ortskern alternative Grundstücke gäbe. Die Umgehungsstraße wiederum sei aus gutem Grund nicht im Straßenausbauplan des bayerischen Verkehrsministeriums aufgeführt. Die Straßenbauverwaltung habe nämlich keinen Bedarf erkennen können. „Uns obliegt eine hohe Verantwortung für den Erhalt landwirtschaftlich nutzbarer Böden“, betont Mergner. Das gelte insbesondere dann, wenn davon wie im Fall Dinkelscherben auch wertvolle Wiesenbrüterlebensräume betroffen sind.
Johannes Enzler, stellvertretender Leiter des Instituts für Ernährungswirtschaft und Märkte an der LfL, ist zugleich Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz im Landkreis Augsburg. Er weist auf den ernormen Flächenverbrauch von jährlich 72 ha in der Schwabenkapitale hin. Allein für den Stadtteil Haunstetten stünden derzeit auf einen Schlag 180 ha zur Überbauung im Raum. In den vergangenen 40 Jahren seien im Augsburger Stadtgebiet rund 15 000 ha vor allem landwirtschaftich genutzte Fläche verloren gegangen. „In ganz Schwaben sind viele Gemeinden bereits durch Gewerbegebiete überformt“, bedauert Enzler. Hier werde die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis beim Flächensparen in der Politik sichtbar.

Zahlreiche Leerstände im Dorf vorhanden

Die beiden Vorsitzenden der BN-Ortsgruppe Dinkelscherben, Verena Fischer und Kathrin Flinspach, halten einen vierten Supermarkt im Dorf für überflüssig. Wenn schon, dann wäre dieser in der Ortsmitte besser aufgehoben, damit die Bürger beim Einkauf nicht auf das Auto angewiesen sind. Viele Dinkelscherbener beklagten sich über den Mangel an fußläufigen Einkaufsmöglichkeiten. Im Dorfbereich gebe es zahlreiche Leerstände, wo sich ein Supermarkt ebenso gut wie im Umfeld des Bahnhofs ansiedeln könnte.

Joachim Aumann, Sprecher des Dinkelscherbener „Bündnis für Heimat und Umwelt“, räumt ein, dass täglich mehr als 11 000 Fahrzeuge, darunter auch Schwerlastverkehr, auf der Hauptstraße unterwegs sind. Davon entfallen allerdings 32 % auf den Durchgangsverkehr. Und nur für diese 32 % eine Umgehungsstraße bauen? Aumann hält dem Gemeinderat vor, dass es ihm darum gehe, den hohen Staatszuschuss abzuschöpfen. Auf rund 30 Mio. € schätzt der Bündnis-Sprecher die Kosten für die Umgehungsstraße, 6 Mio. davon müsste die Marktgemeinde schultern. Dabei gebe es durchaus Alternativen, um Dinkelscherben trotz des hohen innerörtlichen Verkehrsaufkommens attraktiver zu machen: den Bau von Radwegen, geänderte Vorfahrtsregelungen, Einbahnstraßen, eine zweite Brücke über die Zusam zur Entlastung der Hauptstraße oder optimierte Schulbusverbindungen, um den Eltern-Schule-Verkehr einzuschränken.
Als Landwirt, Pächter der Wiese, auf der ein vierter Supermarkt gebaut werden soll, und zweiter Bürgermeister von Dinkelscherben spricht sich Willibald Gleich nicht grundsätzlich gegen die geplante Ortsumgehung und den Supermarkt aus. Die Stadt sei verpflichtet, für ihre Bürger ein möglichst attraktives Einkaufsangebot zu schaffen. Er selbst käme ja lieber ohne Umgehungsstraße aus, bekundet Gleich. Aber als Anwohner der Hauptstraße wisse er um die enorme Belästigung durch den Verkehr. „Da gibt es keine Wohnqualität.“ Er habe deshalb bereits daran gedacht, sich eine andere Bleibe zu suchen. „Aber wenn das die anderen Straßenanwohner auch tun würden, verliert der Ortskern an Attraktivität.“ Im Übrigen sei die Gemeinde gerade dabei, Daten für eine Machbarkeitsstudie in Sachen Umgehungsstraße zu erheben. Erst anhand dieser Studie werde der Gemeinderat dann eine Entscheidung pro oder kontra treffen. Ansonsten freut sich Gleich aber, dass Bauernverband und Bund Naturschutz beim Flächensparen gemeinsam an einem Strang ziehen.

Mangel an Flächen treibt den Preis nach oben

Für den Dinkelscherbener Landwirt und Vorstand im BBV-Ortsverein Hubert Lutz ist die geplante Umgehungsstraße ein No-Go-Projekt. 8 ha weniger Fläche würde sich in der örtlichen Landwirtschaft stark bemerkbar machen, ist der Ackerbauer überzeugt. Nachdem viele Betriebe in der Peripherie der Großstadt Augsburg ihre Flächen verloren haben, drückten sie jetzt in den Raum Dinkelscherben. Die Folge: War hier 1 m2 Ackerland vor zehn Jahren noch für 3 € zu haben, müsse der Landwirt dafür heute 12 € berappen. Ebenso stark seien auch die Pachtpreise gestiegen. Durch den Verkauf ihrer Flächen hätten die Augsburger Bauern das Geld, um in Dinkelscherben einzusteigen. Für die örtlichen Landwirte werde die Fläche damit immer knapper. „Das ist für unsere Betriebe existenzbedrohend“, warnt Lutz. „Ich kenne Biobetriebe, die ihren Viehbestand mangels Futterflächen reduzieren mussten.“ Von einer neuen Umgehungsstraße wären nicht nur die Besitzer der überplanten Flächen betroffen, sondern aufgrund der dadurch erforderlichen Bodenneuordnung auch zahlreiche andere Landwirte. „Dazu kommen noch die Ausgleichsflächen, die einen weiteren Verlust an bäuerlichem Grund und Boden bedeuten“, gibt Lutz zu bedenken. Michael Ammich
  • In Dinkelscherben sind ein Supermarkt auf der grünen Wiese und eine Umgehungsstraße im Gespräch.
  • In der Diskussion um Flächenfraß wird Vorrang für die Innenentwicklung gefordert.
  • Bauernverband und Bund Naturschutz treten gemeinsam für den Erhalt landwirtschaftlich nutzbarer Flächen ein.
  • Im Dorf gäbe es genügend Leerstände.
  • Flächenknappheit im Großraum Augsburg treibt in Dinkelscherben Preise in die Höhe.