Positionierung

Flächenfraß entzieht die Existenzgrundlage

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Birgit Böllinger
am Samstag, 24.07.2021 - 13:47

Die Landwirte im Kreis Neu-Ulm schlagen Alarm und fordern, dass Flächenfraß auf Kosten der Landwirtschaft gestoppt wird.

Neu-Ulm In keinem anderen Bundesland wird so viel Fläche verbaut wie in Bayern: Pro Tag verschwinden hier 10 ha Natur, also bildlich gesprochen fast 15 Fußballfelder. Eine Berufsgruppe trifft dies besonders hart: die Bauern. „Irgendwoher muss das Land ja kommen“, sagt der Neu-Ulmer Kreisobmann Andreas Wöhrle. Dort wie in den anderen schwäbischen Kreisen schlagen die Landwirte nun Alarm. Sie verlangen auf Landesebene eine ressortübergreifende Verhältnismäßigkeitsprüfung und einen „Runden Tisch“, bei dem konkrete Maßnahmen zum Stopp des Flächenverbrauchs besprochen werden müssen. Ein entsprechender Antrag wurde von Schwabens BBV-Bezirkspräsident Alfred Enderle und Bezirksbäuerin Christiane Ade beim Bayerischen Innenministerium eingereicht. „Wir wollen, dass alle Baumaßnahmen auf ihre Verhältnismäßigkeit geprüft werden, vor allem wollen wir aber, dass dieser unverhältnismäßige Flächenfraß auf Kosten der Landwirtschaft gestoppt wird“, sagt Andreas Wöhrle.

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Mit weiteren Landwirten aus dem Neu-Ulmer Bereich zeigt er vor Ort, worum es geht: Unweit des Brandstätter Sees, eigentlich ein Naherholungsgebiet der Neu-Ulmer, liegen einige Weiden von Walter Herrmann. Durch eine der möglichen Varianten für den Neubau einer ICE-Trasse zwischen Ulm und Augsburg würde Herrmann hier nicht nur erheblich an Fläche verlieren. „Sondern mein ganzer Hof würde zerschnitten, die Trasse direkt am Schweinestall vorbeiführen, die Felder sind auf der anderen Seite. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bundesbahn eigens eine Bahnüberführung für mich einplant“, sagt der Landwirt. Für den Bauern hat das auch Konsequenzen für die Zukunft des Hofes. Sein Sohn wolle nun Landwirt werden, „und ich will ihm einfach einen funktionierenden Betrieb übergeben“.

Der geplante Neubau der ICE-Trasse, der Ausbau der beiden Autobahnen A7 und A8 sowie die Bauarbeiten an der Bundesstraße 10, die auch direkt am Brandstätter See vorbeiführt: Das sind die großen Projekte, die dazu führen, dass „innerhalb weniger Jahre rund 400 ha, also etwa 20 Bauernhöfe, allein in unserem Landkreis verschwinden“, betont Andreas Wöhrle.

Ein Umdenken eingefordert

Nicht weniger dramatisch sieht es im benachbarten Landkreis Günzburg aus: 500 ha gehen hier verloren, schätzt Kreisobmann Stephan Bissinger. Neben dem Straßenausbau sind dafür auch Hochwasserschutzmaßnahmen, der Bau von Gas- und Stromleitungen, Kiesabbau „und natürlich die Zunahme an Gewerbegebieten“ verantwortlich. Und, so ergänzt der Neu-Ulmer Kollege Andreas Wöhrle: Vergessen werde zudem oft das Thema Ausgleichsflächen. „Dass auch diese der Landwirtschaft entzogen werden, wird oft nicht wahrgenommen.“

Der Umfang, in dem Landwirte für all diese Baumaßnahmen ihr Acker- und Weideland hergeben müssen, habe inzwischen Dimensionen erreicht, die eine massive Bedrohung für die Entwicklung und Zukunftsfähigkeit der Branche darstellen. Es passe nicht zusammen, die heimische Landwirtschaft für die regionale Versorgung mit Lebensmitteln als systemrelevant einzustufen, ihr eine große Rolle bei der Energiewende und dem Klimaschutz zuzuschreiben und zeitgleich den Bauernfamilien durch die ganzen Baumaßnahmen nach und nach ihre Existenzgrundlage zu entziehen, heißt es beim BBV.

„Im Grunde könnte man die Landwirte auch auf die Rote Liste setzen, weil ihr Lebensraum immer mehr verschwindet“, bringt es Matthias Letzing, Geschäftsführer des BBV für die Landkreise Günzburg und Neu-Ulm, auf den Punkt. Ein Teil des Problems sind dabei auch die unterschiedlichen Zuständigkeiten: Das Land verweist auf die Kommunen, wenn es beispielsweise um die Zunahme von Gewerbegebieten mit riesigen Parkplätzen geht, zugleich sorgt ein gelockertes Anbindegebot im Landesentwicklungsplan dafür, dass nun auch, quasi mitten im Nichts, riesige Gewerbegebiete entstehen können – jetzt schon sichtbar an der Bundesstraße 10.

Der Frust sitzt tief

Deswegen müsse der Freistaat nun konsequent gegensteuern. An Lösungsvorschlägen seitens der Landwirtschaft mangelt es nicht. Aber auch der Frust sitzt tief bei den betroffenen Bauern. „Jahrelang hat man alle Auflagen des Natur- und Umweltschutzes erfüllt, aber wenn dann ein Autobahnausbau oder eine ICE-Trasse geplant werden, dann interessiert es offenbar keinen, ob das mitten durch ein Naturschutzgebiet führt“, lässt Walter Herrmann seinem Zorn freien Lauf.