Sozialer Beistand

Familienberatung stärkt die Menschen

Soziale Hilfe
Patrizia Schallert
am Freitag, 10.01.2020 - 10:43

Beim Bäuerinnentag in Biburg geht es um die Bäuerliche Familienberatung.

Biburg/Lks. Augsburg - Überschuldung, hohe Arbeitsbelastung, Uneinigkeit bei der Hofübergabe, Zwistigkeiten mit den Schwiegereltern – nahezu auf jedem landwirtschaftlichen Betrieb gibt es schwierige Situationen und Krisen. Da ist es nur gut, dass die Mitarbeiter der „Bäuerlichen Familienberatung“ immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Hilfesuchenden haben, sei es am Telefon oder bei einer Beratung vor Ort. Auf dem Bäuerinnentag in Biburg stellten Elisabeth Konrad und Gabriele Braun den gemeinnützigen Verein vor. „Wir haben keine Patentrezepte und können keine Wunder wirken“, sagte die erste Vorsitzende Braun. „Wir können die Menschen nur stärken und ihnen die Vor- und Nachteile verschiedener Lösungsansätze aufzeigen.“

Der Bäuerinnentag wurde vom AELF Augsburg, dem Fachzentrum Rinderhaltung in Mindelheim und dem vlf Augsburg-Schwabmünchen durchgeführt. Johann Rampp, stellvertretender Leiter des Fachzentrums, begrüßte rund 25 Landfrauen und die beiden Referentinnen. Konrad und Braun arbeiten ehrenamtlich bei der Bäuerlichen Familienberatung Augsburg. Während Konrad als Vorsitzende des Vereins agiert, ist Braun eine von 14 ehrenamtlichen Berater/Innen. Träger des Vereins ist die Katholische Landvolkbewegung (KLB) Augsburg. 

Staatliche und kirchliche Fördermittel

Damit der Verein staatliche und kirchliche Fördermittel erhält, muss eine hauptamtliche Referatsstelle für wöchentlich 14 Stunden besetzt werden. Diesen Posten hat derzeit Christine Beuer inne. Die Berater können auf Experten aus verschiedenen Fachbereichen wie Landwirtschaft, Finanzen oder Seelsorge zurückgreifen. Dem Verein stehen jährlich 60 000 € zur Verfügung, die je zur Hälfte von der Diözese Augsburg und vom bayerischen Landwirtschaftsministerium finanziert werden. „Dennoch ist unser Verein auf freiwillige Spenden angewiesen, beispielsweise vom Landkreis, von Landfrauen, KLB-Aktionen oder Einzelpersonen“, erklärte Konrad.

„Für die bäuerlichen Familien sind unsere Berater Menschen auf Augenhöhe, sie haben allesamt einen landwirtschaftlichen Hintergrund. So hat der Hilfesuchende das Gefühl: Hier ist jemand, der mich versteht.“ Die Gespräche sind absolut vertraulich und kostenlos. „Wer will, kann Geld spenden, aber es soll niemand aus finanziellen Gründen auf eine Beratung verzichten müssen.“ Nach einer zweijährigen Ausbildung, die vornehmlich an Wochenenden stattfindet, sind die ehrenamtlichen Berater für ihre Arbeit qualifiziert. Regelmäßige Fortbildungen und Supervisionen halten das Team fachlich fit.
Beginn der Beratung telefonisch

Der Beginn einer Beratung erfolgt telefonisch. „Diese darf laut Verordnung des Staatsministeriums jedoch nicht länger als fünfzehn Minuten dauern“, erklärte Konrad. Ziel der Bäuerlichen Familienberatung sind Termine auf dem Betrieb oder an einem neutralen Ort. Allein 2016 hat der Verein 196 Telefonberatungen und 184 Beratungen vor Ort bei insgesamt 96 Familien durchgeführt. Die Schwerpunkte sind vielfältig und reichen von Generationen- und Ehekonflikten über Uneinigkeit bei der Hofübergabe, psychische Probleme und Suizidgefährdung bis hin zu Geschwister- oder anderen Rechtsstreitigkeiten. „Generationenkonflikte nehmen rund ein Viertel aller Beratungsanfrage ein.“ Bedenklich sei, dass immer mehr junge Bäuerinnen und Bauern an Depressionen, Suchterkrankungen oder einem Burn-out leiden.
Auch wenn der Bäuerliche Hilfsdienst schon zahlreichen Familien hilfreich zur Seite stehen konnte, gerät er doch auch an seine Grenzen. „Zum einen können wir keine Wunder wirken, zum anderen können wir keine finanzielle Hilfe leisten“, sagte Konrad. „Außerdem können und wollen wir den Hilfesuchenden keine persönlichen Entscheidungen abnehmen, diese müssen sie selbst treffen.“

Der erste Schritt ist der größte

Der längste Weg zur Problembewältigung sei oft der erste Schritt, nämlich bei der Beratungsstelle anzurufen. „Wenn Sie jemanden aus einer bäuerlichen Familie kennen, der Hilfe braucht und sich nicht traut, drücken Sie ihm unseren Flyer in die Hand. Es hilft nichts, wenn Sie uns anrufen, das muss der Betroffene selbst tun.“

Für Beraterin Gabriele Braun ist ein landwirtschaftlicher Betrieb ein Kosmos, der nur funktioniert, wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen und sich jedes einzelne Familienmitglied auch einmal zurücknehmen kann. Anhand von zahlreichen anonymisierten Fallbeispielen berichtete Braun aus ihrer Tätigkeit und worauf es bei den Gesprächen ankommt. „Grundsätzlich müssen die Berater – wir kommen in der Regel zu zweit – und die Familie zusammenpassen. Wenn die Chemie nicht stimmt, können die Berater auch gewechselt werden.“

Der erste Termin braucht meistens viel Zeit

Beim ersten Termin brauchen die Hilfesuchenden meist viel Zeit zum Erzählen. Durch gezielte Fragestellungen kristallisiere sich manchmal heraus, dass der Knackpunkt, an dem sich alles verändert hat, bereits dreißig Jahre zurückliegt oder die Familienmitglieder nicht wissen, was überhaupt ihr Anliegen ist. „Gemeinsam formulieren wir ein Ziel, beispielsweise wie Schwiegertochter und Schwiegermutter besser miteinander auskommen könnten oder es gelingen kann, dass Vater und Sohn wieder miteinander reden.“

Beim zweiten Gespräch werden Lösungen erarbeitet, wie sich das gesetzte Ziel erreichen lässt. Nicht selten seien bis zu zehn Beratungstermine nötig. „Leider sind manche Hilfesuchende sehr ungeduldig und jammern, dass sich nach dem zweiten Gespräch noch nichts verändert hat“, sagte Braun. „Sie sehen dann aber bald ein, dass sich ein über Jahre angestautes Problem nicht in ein paar Wochen auflösen kann.“

Schwierige Situationen könnten entstehen, wenn sich der Sohn nicht von den Eltern abnabeln kann und plötzlich eine Schwiegertochter ins Haus kommt. Auch Probleme in der Vater-Sohn-Beziehung wiederholen sich oft über Generationen hinweg. „Wenn der Vater zu hohe Erwartungen an den Hofnachfolger stellt, die dieser nicht erfüllen kann, entsteht Druck und dann geht plötzlich gar nichts mehr.“ 

Ehe- und Partnerschaftskonflikte nährten sich ebenfalls oft aus Generationskonflikten. Hier sollte ein Paar die Probleme erst einmal allein ausdiskutieren und dann in der Familie. „Keinesfalls dürfen die Jungen ihre Streitigkeiten vor den Altenteilern austragen.“