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Milchviehstall

Jetzt erst recht ins Risiko

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Michael Ammich
am Mittwoch, 04.03.2020 - 11:56

Philip Stolle aus Anhofen hat in einen topmodernen Milchviehstall investiert.

Auf einen Blick

  • Die Leidenschaft zur Landwirtschaft hat Philip Stolle dazu bewegt, voll auf Milchwirtschaft zu setzen.
  • Durch die Unterstützung seiner Mutter hat er die Investition in einen modernen laufstall gewagt.
  • Im Stall ist modernste Landtechnik, denn der Betriebsleiter muss Herde und Außenwirtschaft alleine managen.
  • Besonders wichtig sind der Melkroboter und ein automatisches Fütterungssystem.

Mutiger Schritt

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Philip Stolle aus Anhofen im Landkreis Günzburg ließ sich weder von der Auflagenflut, noch von den Diskussionen um das Tierwohl und die Agrarwende oder den unsicheren Rahmenbedingungen ausbremsen. Jetzt erst recht, sagte sich 29-jährige Landwirtschaftsmeister und baute einen hochautomatisierten Milchviehstall mit Platz für 120 Kühe samt Nachzucht.

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Dabei hatte der gelernte Landmaschinenmechaniker vor 15 Jahren noch gar keinen eigenen landwirtschaftichen Betrieb. Seine Urgroßmutter war es, die letztmals einen Bauernhof in Anhofen bewirtschaftet hatte. Aber schon als kleiner Bub hat er, so oft es ging, auf einem Bauernhof im Ort gerne mitgearbeitet. „Damals hat sich meine Liebe zur Landwirtschaft entwickelt.“ Immerhin verfügte Stolles Familie noch über einen Waldbesitz, alle anderen Flächen waren verpachtet. Dem Wald war es zu verdanken, dass sich Stolle 2006 den ersten Schlepper kaufte. Zwei Jahre später betrieb er dann auf einer eigenen kleinen Fläche, für die der Pachtvertrag ausgelaufen war, erstmals Ackerbau.
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Nach dem Abschluss seiner Mechanikerausbildung arbeitete Stolle als Betriebshelfer. Doch der Gedanke an eine eigene Landwirtschaft ließ ihn nicht los. Also nahm der damals 21-Jährige eine zweite Ausbildung zum Landwirt auf, besuchte anschließend die Landwirtschaftsschule in Augsburg und schloss diese 2014 mit der Meisterprüfung ab. Schon ein Jahr später ergab sich für ihn die Möglichkeit, einen Milchviehbetrieb im 13 km von seinem Heimatort entfernten Riedheim zu pachten. Stolle kaufte dem Verpächter die Herde mit 77 Milchkühen samt Nachzucht ab und richtete zusätzlich in Bubesheim eine Pensionsrinderhaltung ein.
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Bald schon sollte sich jedoch herausstellen, dass sich der Betrieb mit seinen alten Anlagen nicht mehr zu tragbaren Kosten modernisieren ließ. So schnell wollte Stolle jedoch nicht die Flinte ins Korn werfen. Er kündigte die Pacht in Riedheim und besann sich auf die seit Urgroßmutters Zeiten verpachteten Flächen in seinem Wohnort Anhofen, für die er die Pacht nicht mehr verlängerte. Schließlich hatte er eine Wirtschaftsfläche von 80 ha zusammen, einen erheblichen Teil davon in seinem Eigentum.
Leicht fiel Stolle diese Entscheidung dennoch nicht. Einerseits war er froh, nicht mehr täglich die lange Strecke nach Riedheim fahren zu müssen, andererseits stellte er sich die Frage, wie er als alleinstehender Landwirt einen zukunftsfähigen Milchviehbetrieb ohne Fremdarbeitskraft bewirtschaften sollte. Umso dankbarer war er, als ihm seine Mutter Angela Kober ihre Unterstützung zusagte. Damit war die Aufgabenteilung klar: „Meine Mutter erledigt die Büroarbeit und ich bin für alles zuständig, was mit Handarbeit verbunden ist“, lacht Philip Stolle. 2018 war es so weit. Die Beiden begannen mit dem Bau eines großen Aussiedlershofs auf der grünen Wiese zwischen Anhofen und Schneckenhofen. Im Februar 2020 wurde der Stall mit vorerst 80 Rindern belegt, die Stolle aus seinem ehemaligen Pachtbetrieb in Riedheim auf den neuen Betrieb in Anhofen transportierte.
Entstanden sind ein 87 m langer und 37 m breiter Laufstall, der angebaute Kälberstall und die dem Laufstall vorgelagerte Futterhalle, eine weitere große Halle mit einer Grundfläche von 49 auf 28 m², vier Futtersilos mit einer Gesamtkapazität von 2700 m², zwei Güllelager mit einem auf neun Monate angelegten Fassungsvermögen von insgesamt 3000 m³ und ein Gebäudekomplex mit Milchkammer, Büro- und Aufenthaltsraum unmittelbar neben dem Stall.
Das Laufstallgebäude besteht aus einer freitragenden Stahl-Leimholz-Konstruktion mit Sandwich-Dach. Die Wandverkleidung wurde aus Trapezblechen gefertigt, ein 7 m breiter Folienfirst lässt Licht und Luft in das Gebäude. Dem Kuh- und Arbeitskomfort dienen auch Seitenjalousien, eine gesteuerte LED-Beleuchtung, der fest installierte Klauenpflegestand sowie jeweils eine Kuhbürste für jede der drei Kuhgruppen.
Auf der Milchviehseite des Stalls mit ihren drei Boxenreihen und einem sehr geräumigen Abkalbebereich mit einer Fläche von 15 auf 10 m finden 100 Kühe ihren Platz. Die Kuhseite ist mit Sicherheitsfressgittern und freitragenden Liegetiefbuchten ausgestattet. Die Anzahl der Fressplätze erhöht sich durch einen außenliegenden Futtertisch mit Laufhof, der eine Fläche von 18 auf 15 m einnimmt. Die Tiefboxen für die Milchkühe werden mit einem Sroh-Kalk-Gemisch eingestreut. Entmistet wird der Stall über Schieberanlagen. Um die Vorgaben der Düngeverordnung einhalten zu können, hat Stolle mit einem Landwirt in der Umgebung einen Gülleabnahmevertrag geschlossen.
Die Seite für das Jungvieh mit ihren zwei Boxenreihen verfügt ebenfalls über Sicherheitsfressgitter. Die freitragenden Buchten sind hier jedoch als Hochbuchten ausgeführt, die mit elastischen Gummimatten für den nötigen Kuhkomfort sorgen. Im Kälberstall wurden Ausgänge vorbereitet, über die die Kälber Zugang zu einer Weidefläche haben. Die Kälber stehen und liegen in ihrem Stall auf einer weichen Matte aus Stroh.
Ein großer Milchviehstall, der nur von einer Person bewirtschaftet wird, muss einen entsprechend hohen Automatisierungsgrad aufweisen. Dazu gehört auf dem Betrieb Stolle natürlich ein Melkrobotor, ein zweiter ist geplant. Was besonders Stolles Mutter Angela freut: Das Milchtaxi für die Kälber und die vollautomatische Reinigungsanlage für die Tränkeeimer.
Der Clou ist aber das automatische Fütterungssystem. Ein selbstfahrender Futtermischer steuert computergelenkt regelmäßig die Futterhalle an, wo ihm ein kleiner Kran die verschiedenen, auf abgeteilten Flächen gelagerten Futterkomponenten zuführt. Von der Halle aus fährt der Fütterungsroboter den Futtertisch im Laufstall an, wo er vor jeder Kuh das Futter nach Bedarf ablegt. Die Kuhration besteht aus 17 kg Gras- und 22 kg Maissilage, 0,5 kg Stroh, 0,5 kg Grascobs, 2,7 kg Raps-Soja-Mischung, 0,3 kg Gerstenschrot und 0,15 kg Mineralfutter. Ihr Trinkwasser erhalten die Kühe aus beheizbaren Tränkebecken, die an eine ebenfalls beheizte Ringleitung angeschlossen sind. Die Nutzfläche des Betriebs mit ihren 28 ha Grünland reicht nicht nur für die Futterversorgung aus, sondern auch für den Marktfruchtanbau. Auf 24 ha baut Stolle Dinkel an.

Auch an den Klimaschutz und das Energiepsaren hat Philip Stolle gedacht. Das Büro, der Aufenthaltsraum und die Milchkammer verfügen über eine Fußbodenheizung, die ihre Wärme über eine Wärmerückgewinnung aus dem Milchkühlsystem beziehen. Außerdem wurden auf den Dächern des Laufstalls und der großen Maschinenhalle für den Eigenstromverbrauch Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von 304 kW installiert.