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AELF Nördlingen-Wertingen

Erntefahrt: Neue Strategien im Pflanzenbau

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Brigitte Auer
am Freitag, 29.07.2022 - 07:36

Beim Erntepressegespräch des AELF Nördlingen-Wertingen zeigt Landwirte Ulrich Schildenberger, wie man die Herausforderungen von Lage und Klimawandel professionell lösen kann.

Der Jura gehört nicht unbedingt zu unseren Gunstlagen“, fasste BBV-Kreisobmann Karlheinz Götz die Ausgangssituation des Bollstädter Landwirtes Ulrich Schildenberger zusammen. Beim Erntepressegespräch des AELF Nördlingen-Wertingen zeigte der engagierte Bauer, wie man die Herausforderungen von Lage und Klimawandel professionell lösen kann.

AELF-Leiter Dr. Reinhard Bader wies zunächst auf andere Regionen Europa hin, die durch Klimawandel oder Krieg hart betroffen sind. Anders als in Südeuropa stehe die Landwirtschaft in der Kornkammer Schwabens nicht vor dem Aus. Eine Rekordernte dürften die Landwirte im Landkreis Donau-Ries aber nicht erwarten, es werde aber voraussichtlich ein „passables“ Erntejahr geben.

Herausforderungen sind auch Chancen

Wegen der frühsommerlichen Trockenheit falle möglicherweise der Ertrag beim Getreide niedriger aus, mit Qualitätseinbußen sei aber nicht zu rechnen. Bei der Wintergerste, die in der Kornfüllungsphase ausreichend mit Niederschlägen versorgt war, könne man auf überdurchschnittlichen Erträgen hoffen. Hitze und Trockenheit hätten den Erntebeginn um zwei Wochen vorverlegt.

Bader versteht deshalb die Herausforderungen, denen sich die Landwirtschaft durch Klimawandel, Energiekrise oder einen turbulenten Markt derzeit ausgesetzt sieht, als Chancen. Den einen oder anderen Landwirt habe die Situation dazu motiviert, neue Anbaustrategien auszuprobieren. So machten etwa Düngeverordnung und hohe Düngerpreise den Anbau von Sojabohnen wegen deren hohen Vorfruchtwertes interessant. Vorausgesetzt, dass die Sojabohne ähnlich wie einst der Mais eine züchterische Bearbeitung erfahre, könne sie in der Zukunft eine feste Größe in der Fruchtfolge werden, sagt Bader voraus.

Im Jura stand Anfang Juli das Getreide noch. Die Ernte werde 10 – 14 Tage später als im Zentralries eingefahren, sagte Ulrich Schildenberger, der auch Vorsitzender des MR Nordschwaben ist. Er musste schon vor dem Klimawandel mit weniger Regen auskommen, berichtete er.

Der Landwirt bewirtschaftet auf seinem Jurabauernhof rund 64 ha Nutzfläche, davon 45 ha Acker und 18 ha Grünland. Dabei praktiziert er eine viergliedrige Fruchtfolge von Gerste, Weizen, Raps und Mais, ergänzt durch ein wenig Luzerne. In seinem Jungviehaufzuchtbetrieb werden Kälber aufgezogen, auf dem Hof gedeckt und acht Wochen vor dem Kalben auf einen Milchviehbetrieb gebracht. Seine Ernte lagert Schildenberger nicht selbst ein, sondern vermarktet sie komplett an den Landhandel, ein Teil kommt als Kraftfutter auf den Hof zurück.

Der Stickstoff muss nahe an die Pflanze

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Auf den eigenen Böden und für andere Landwirte praktiziert und koordiniert Schildenberger Cultan-Düngung. Dabei wird Flüssigdünger unmittelbar neben den Pflanzenwurzeln in den Boden injiziert. Schildenbergers Anbauflächen liegen in Roten Gebieten; er vermeidet damit Verluste: „Ich muss jedes Gramm Stickstoff an die Pflanze bringen.“ Diese Düngeform geht mit einem geringeren Pflanzenbesatz einher, was dem Wasserhaushalt zugute kommt. Es gelinge so, die vergleichsweise niedrigen Niederschläge im Kesseltal etwas zu kompensieren, erklärte der Landwirt.

Beim Eintrag großer Regenmengen sind die Anbauflächen am Riesrand durch Bodenerosion bedroht. Schildenberger wirkt dem entgegen, indem er die Böden das ganze Jahr über bestellt. Schon 14 Tage nach der Ernte wird wieder bepflanzt. „So versuche ich, das Wasser auf der Fläche zu halten.“ Nur einmal in zehn Jahren habe es Ackerboden „mitgenommen“, sagte er.

Neben dem Zwischenfruchtanbau schützt Schildenberger seine Böden, indem er sie pfluglos bewirtschaftet. Mit seinem Leichtgrubber mit einer Arbeitstiefe von 3 – 13 cm wird der Boden nicht mehr so tief gelockert. Der Landwirt spart so zudem am Steineklauben und am Verschleiß der stabileren und damit teureren Geräte, denn er habe „Stellen, wo bei fünf Zentimeter der Fels kommt“.

Als weitere Agrarumweltmaßnahmen nutzt Schildenberger Grünland vor allem entlang von ökologisch sensiblen Gebieten extensiv, hält Gewässerrand- und Emissionsschutzstreifen in Roten und Gelben Gebieten vor und setzt Trichogramma zur Maiszünslerbekämpfung ein. Schildenberger ist gerne Landwirt und wird es auch in Zukunft gerne sein. Damit das möglich ist, „muss sich mit dem Klimawandel auch die Landwirtschaft wandeln“, ist der Bollstädter sicher.

Löss im Zentrum, Sandböden um Schwörsheim, die Juraböden: Jede Region habe ihre Bedeutung. „Wir Bauern wissen, welche Kulturen passen“, sagt Kreisobmann Karlheinz Götz. Aber die Preise müssen stimmen. Götz baut Kartoffeln an und würde auch gerne dabei bleiben. Schließlich gebe es regionale Kooperationspartner, denen man sich verpflichtet sehe. Wegen der hohen Kosten für Technik, Energie, Dünger oder Arbeitskraft lasse sich jedoch derzeit nicht kostendeckend wirtschaften. Götz rechnet mit 5000 €/ha, mit denen er in Vorleistung gehen muss.

Anbau von Futterpflanzen gerät unter Druck

Im Ries gibt es wenige große Ackerbaubetriebe. Der hohe Pachtanteil wurde von den Bauern bisher über die tierische Veredelung, insbesondere die Schweinehaltung, finanziert. Angesichts niedriger Fleischpreise und hoher Auflagen würden viele Landwirte in absehbarer Zeit die Viehhaltung aufgeben und Ackerbau im Nebenerwerb betreiben. Mit dem Rückgang der Tierhaltung gerate auch der Anbau von Futterpflanzen unter Druck. Götz fürchtet einen Strukturbruch: „Hier ist die Landwirtschaft dabei, sich selbst abzuschaffen.“

Götz wünscht sich mehr Planungssicherheit. So könnten die 96 Biogasanlagen im Landkreis einen noch höheren Beitrag zur Beilegung der Energiekrise leisten, wenn sie nicht aus Genehmigungsgründen darin gehindert würden. Das bayerische Staatsziel von 30 % ökologischem Landbau findet Götz in Zeiten, in denen sich der Verbraucher von Bioprodukten zurückzieht, zu ambitioniert. Die geplanten Flächenstilllegungsvorgaben hält der Kreisobmann für nicht nachvollziehbar. Dazu gebe es vom BBV Alternativvorschläge. „Wir Landwirte waren zu fleißig und zu effizient. Das ist uns auf die Füße gefallen.“