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Weiderechte

Erinnerung an Weidekrieg im Ostallgäu

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Dr. Rainer Baumann
am Montag, 01.08.2022 - 06:37

Im 18. Jahrhundert zofften sich zwei Dörfer im Ostallgäu um die Weiderechte.

Dillishausen/Kleinkitzighofen Ein Weidekrieg im Ostallgäu? Man mag ungläubig den Kopf schütteln. Schwäbische Bauern der Dörfer Dillishausen und Kleinkitzighofen trugen im 18. Jahrhundert einen heftigen Streit aus, der zu einem über zwanzigjährigen Prozess vor dem Reichshofrat führte. Ein Erinnern daran lohnt allemal, selbst wenn der Konflikt nicht in einen regelrechten Krieg mündete.

Weidekriege kennt man gewöhnlich aus dem Wilden Westen, im Südwesten der Vereinigten Staaten. Im letzen Drittel des 19. Jahrhunderts ging es dabei um Wasserrechte, um die Konflikte zwischen Rinderbaronen und den Vorstoß von Kleinsiedlern, um den Kampf zwischen Vieh- und Schafzüchtern und schließlich um das Einhegen von Land mit Stacheldraht.

Die Quelle: Eine Gemeindechronik

Der Konflikt zwischen den Nachbargemeinden Dillishausen und Kleinkitzighofen bahnte sich schon länger an und kam dann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts richtig zum Ausbruch. Wir würden wohl gar nichts mehr davon wissen, hätte nicht 1904 Josef Alois Fischer eine „Gemeindliche Chronik von Kleinkitzighofen“ auf der Basis von Vorgängerchroniken aufgeschrieben. Fischer war Bürgermeister von Kleinkitzighofen von 1875 -1927 und hatte durch seine über fünfzigjährige Tätigkeit im Amt offensichtlich Zugang zu älteren Aufzeichnungen. Er überliefert so manches für seine Gemeinde wichtige Ereignis, und darunter auch jene Auseinandersetzung.

Fast wie in Wildwestgeschichten ging es dabei um Trieb- und Weiderechte, also um die Möglichkeit für die Dorfhirten, Vieh auf Weidegründe zu treiben. Ein unproblematisches Vorhaben, solange man nur über gemeindeeigenen Boden treiben musste, aber höchst problematisch, wenn dabei gemeindefremde Weiden zu durchqueren waren.

Um die Nutzung des Weiderechts auf den „oberen und unteren Taubenmähdern“ (ein Feuchtwiesengebiet) kam es zwischen Dillishausen und Kleinkitzighofen zum großen Streit. Kleinkitzighofen beanspruchte dieses Gebiet für sich, auch Dillishausen wollte Vieh aus dem Dorf dort weiden lassen. Man bemühte alte Grenz- und Weidbeschreibungen, fand auch in zweien von 1565 und 1658 die Festlegung, dass die Taubenmähder in der Kleinkitzighofer Gemarkung lagen und von Kitzighofer Flur völlig umschlossen seien. Das Triebrecht hätten in noch älteren Zeiten die Kleinkitzighofener allein ausgeübt, die Dillishausener hätten erst allmählich in jüngerer Zeit ebenfalls das Triebrecht beansprucht und sogar versucht, es allein für Dillishausen durchzusetzen.

Prozess vor dem Reichshofrat

Ansprüche, auch auf der Grundlage alter Urkunden sind das eine, Gegenansprüche das andere. Dillishausen suchte Beistand beim für das Dorf zuständigen bischöflich-augsburgischen Amt Buchloe, die Kleinkitzighofener hofften auf Schutz und Hilfe ihres Ortsherrn, Reichsritter Freiherr Joseph Carl von Rehlingen. Auch auf dieser Ebene war der Taubenmähderstreit nicht beizulegen. Rehlingen wandte sich schließlich an den obersten Herrn, Rechts- und Friedenswahrer im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation – und das war Kaiser Joseph II.

Nun begann ein Prozess, mit dem zwar nicht der Kaiser persönlich befasst war, auch wenn der Wortlaut der Urkunden einen anderen Eindruck erweckt. Doch die Sache landete bei Justizbeamten eines der beiden höchsten Gerichte des Reiches, des Reichshofrats, die im Namen des Kaisers nun das Verfahren aufnahmen und zu einem Urteil zu gelangen versuchten. Dieser Prozess dauerte von 1763 bis 1784 und kostete der Gemeinde Kleinkitzighofen 1360 Gulden und 50 Kreuzer. Allerdings bestätigten ihr schließlich zwei kaiserliche Mandate im Recht zu sein. Sie war klarer Prozessgewinner.

Kompromiss kam zustande

Dennoch einigte man sich letztendlich auf einen Kompromiss, der besagte, dass die Dillishausener Gemeinde sehr wohl Weiderechte auf den Taubenmähdern wahrnehmen durfte. Der Weg des Viehs dahin, also die Route des Viehtriebs wurde nun genau festgelegt, und zwar mit so genannten „Triebsäulen“. Deren Platzierung war genau festgeschrieben und durfte nicht verändert werden.

In den Jahren des Streits, auch während des Prozesses, hatte man sich mit gegenseitigem harten Vorgehen nicht geschont. Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. Die beiden Kleinkitzighofener Bürgermeister Martin Klaus und Narcis Eirle wurden von aufgebrachten Dillishausern gefangen genommen und in Buchloe für zwei Tage ins Gefängnis geworfen, wofür der Gemeinde Kleinkitzighofen ein Kostgeld von drei Gulden und elf Kreuzern in Rechnung gestellt wurde. Ein anderes Mal wurde ein Kleinkitzighofener Kuhhirte geschnappt und ebenfalls in Buchloe eingelocht, die Kleinkitzighofer zahlten für zwei Tage Haft einen Gulden und 20 Kreuzer und zusätzlich an den Gefängniswärter 37 Kreuzer. Eine arge Belastung für die Gemeindekasse entstand, wenn Vieh beschlagnahmt wurde. Drei Kühe trieben die Dillishausener einmal ihren Nachbarn weg und behielten sie ein Vierteljahr lang. Dafür hatten die Kleinkitzighofener 124 Gulden 53 Kreuzer und 6 Heller aufzubringen.

Erfolglose Vermittlungsversuche

An Vermittlungs- und Ausgleichversuchen fehlte es nicht, sie blieben aber lange ohne Erfolg. Einmal trat der von den Rehlinger Ortsherrn eingesetzte Untervogt, Peter Paul Bähler, vor einige Dillishausener zum Verhandeln – und wurde im Laufe des Gesprächs angegriffen! „Rühr mich nicht an, sonst rührst du das Amt an“, rief er einem Wütenden entgegen. Doch die Warnung nützte nichts, der Untervogt wurde in den Straßengraben geworfen.

Mindestens einmal, wohl um 1770, kam es zu einer Konfrontation mit „Waffen und Gewehren“. Ob mit „Gewehren“ tatsächlich Flinten und Kugelbüchsen gemeint ist, oder nur nicht näher bestimmte „Wehren“ der Männer, muss ebenfalls ungeklärt bleiben. Es hat aber den Anschein, dass es bei der Drohkulisse blieb und Waffen nicht zum Einsatz kamen.

Überhaupt: Zum echten Krieg kam es nicht. Man einigte sich unter Murren und Klagen. Viehtriebwege über feuchten Grund schädigten den Boden, das war auch mit Triebsäulen nicht zu verhindern. Während die großen Weidekriege in den USA oft mit mehreren Toten endeten, der letzte 1894, einigten sich die Kleinkitzighofer und die Dillishausener und legten den Streit bei. Dass sie einmal friedlich und vereint als Ortsteile in der Gemeinde Lamerdingen zusammengeschlossen sein würden, war im 18. Jahrhundert nicht abzusehen.