Videokonferenz

Einblicke in die Landwirtschaft geben

20_lsv_schwaben_3
Michael Ammich
am Donnerstag, 08.04.2021 - 18:33

„Land schafft Verbindung“ zieht Lehren aus dem Volksbegehren zur Artenvielfalt. Die Verbraucher müssten intensiv aufgeklärt werden.

Massentierhaltung, Monokultur, Insektensterben, Artenschwund und Subventionen – alles negativ besetzte Begriffe, die Gesellschaft und Politik mit der Landwirtschaft assoziieren. Doch die heile Welt, die sich der Verbraucher auf den Bauernhöfen wünscht, bleibt eine Utopie. Zumindest solange, bis die marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen an mehr Tierwohl, weniger Pflanzenschutz und noch mehr Vielfalt angepasst werden.

Auf die Verbraucher zugehen und aufklären

20_lsv_schwaben_1

Bei einer Online-Veranstaltung des Schwaben-Teams im Netzwerk „Land schafft Verbindung“ (LsV) zeigte Marx Unseld aus Luippen (Lks. Neu-Ulm), wie er auf die Verbraucher zugeht und ihnen erklärt, warum in der Landwirtschaft vieles ganz anders ist und sein muss, als sie es sich vorstellen. Moderiert wurde die Veranstaltung von LsV-Pressesprecherin Josephine Glogger-Hönle, die gut 25 Teilnehmer an ihren Bildschirmen begrüßen konnte. Ihr ist die Aufklärung der Verbraucher ein besonderes Anliegen.

Das gilt auch für den Referenten Marx Unseld, der in Luippen einen konventionellen Ackerbaubetrieb mit 600 Schweine- und 31 500 Hähnchenmastplätzen bewirtschaftet. Zum Betrieb gehören 65 ha Nutzfläche, dazu 3,6 ha Wald und eine 0,8 ha große Kurzumtriebsplantage mit Pappeln. Um Kosten zu senken und immer auf aktuelle, schlagkräftige Technik zugreifen zu können, hat Unseld zusammen mit vier weiteren Landwirten eine Maschinengemeinschaft gegründet, von der insgesamt 250 ha Fläche bewirtschaftet werden.

„Das Volksbegehren zur Artenvielfalt hat uns Landwirte schwer getroffen“, sagte Unseld. Es sei komplett gegen die Landwirtschaft gerichtet, was die Bevölkerung auch noch mit einer hohen Zustimmung quittierte. „Was ist da eigentlich passiert?“ Um das herauszufinden, hat Unseld Verbraucher auf seinen Hof eingeladen und sie einfühlsam an die moderne Landwirtschaft herangeführt. „Dabei musste ich feststellen, dass vielen von ihnen überhaupt nicht bewusst ist, was sie da beim Volksbegehren unterschrieben haben.“

Die Besucher am Hof waren überrascht

Überrascht dürften seine Besucher beispielsweise davon gewesen sein, dass Unseld seine Schweine mit Getreide aus dem hofeigenem Anbau, mit gentechnikfreiem Sojaschrot sowie für den menschlichen Verzehr nicht geeigneten Molkerei- nebenprodukten füttert und die Tiere an einen Metzger in der nahen Umgebung vermarktet. Die Hähnchen mästet Unseld schon seit 2012 im „Privathof“-System, das ihnen mehr Platz im Stall einräumt. Dort tummeln sich 15 000 Hähnchen weniger, als gesetzlich zulässig wäre. Der Stall ist mit Sitzstangen, Strohballen und Auslauf im Kaltscharrraum ausgestattet. Bei seinen Hähnchen setzt der Landwirt auf eine langsam wachsende, robuste Landrasse. Ihre Mast wurde vom Deutschen Tierschutzbund mit der Eingangsstufe des Labels „Für mehr Tierschutz“ zertifiziert. Das entspricht der Haltungsstufe 3 im Label des Lebensmitteleinzelhandels. Zudem nimmt Unseld an QS, GQ Bayern und an der Tierwohlinitiative teil.

Auch zum Klimaschutz leistet der Betrieb in Luippen einen Beitrag. Der Hähnchenstall wird über eine 200 kW-Hackschnitzelanlage beheizt. Das spart jährlich rund 35 000 l Heizöl ein. Der verbrauchte Strom kommt zu 40 % aus der betriebseigenen Photovoltaikanlage, die zugekaufte Energie aus regenerativen Quellen.

Dem Lockruf der Supermärkte erlegen

Damit zeigt der konventionelle Landwirt Marx Unseld beim nachhaltigen Wirtschaften wesentlich mehr Engagement als die meisten Verbraucher. Im Schnitt geben diese nur 10 % ihres Einkommens für Lebensmittel aus und – wenn man es auf den einzelnen Bürger umlegen würde – monatlich 8,50 € für die Agrarförderung. Immer wieder erliegen die Verbraucher dem Lockruf des Lebensmitteleinzelhandels: billig, billiger, am billigsten. Einen Bauernhof kennen viele nur noch aus den Medien. Wie unrealistisch ihre Vorstellungen von der „richtigen“ Landwirtschaft sind, machte Unseld am Beispiel der Legehennenhaltung und Eierproduktion klar.
20_lsv_schwaben_2

Jeder Bundesbürger verzehrt durchschnittlich 235 Eier pro Jahr. Diese werden rechnerisch von einem einzigen Huhn gelegt. Im Landkreis Neu-Ulm leben 175 000 Menschen, was einen Bedarf von 41 Mio. Eiern oder 160 000 Legehennen ergibt. Würden diese allesamt höchst artgerecht in mobilen Hühnerställen mit jeweils 240 Hennenplätzen gehalten, bräuchte es im Kreis Neu-Ulm insgesamt 666 Mobilställe, um den regionalen Eierbedarf zu decken – eine utopische Zahl.

Außerdem werden im Landkreis nur 44 000 Legehennen anstatt der notwendigen 160 000 Stück gehalten. Und was die Massentierhaltung betrifft: In Bayern stehen im Schnitt 11 900 Hühner auf einem Legehennenbetrieb, in Sachsen sind es 57 740.

Den Mut zur politischen Ehrlichkeit finden

Zu den politischen Plänen, die den Landwirt auf die Straße treiben, gehört Unseld zufolge auch das Mercosur-Freihandelsabkommen. Dessen größte Profiteure seien die südamerikanischen Fleischproduzenten, die deutschen Landwirte würden dagegen benachteiligt. Sie müssen mit Wettbewerbern konkurrieren, die unter deutlich geringeren Standards und damit auch deutlich billiger produzieren können. „Mit Klimaschutz hat das nichts mehr zu tun“, ärgerte sich Unseld. Und trotzdem sei das argentinische Rindfleisch bei den Verbrauchern positiv besetzt.
Auf die Palme bringen die deutschen Bauern auch der Umgang mit ihrer Branche, die überbordende Bürokratie, die ständige Existenzangst, der Mangel an Solidarität und Fair Play. Ihnen stehen eine konzentrierte Schlachtindustrie und ein konzentrierter Lebensmitteleinzelhandel gegenüber, der den Einkaufspreis fast nach Belieben diktieren kann. „Der Einfluss der Landwirte auf den Markt ist gering bis nicht vorhanden“, bedauerte Unseld. So werde der Strukturwandel hin zu immer größeren Produktionseinheiten verschärft, während die kleineren Betriebe nach und nach aufgeben müssen.
„Von der Politik ist nichts zu erwarten“, stellte Unseld ernüchtert fest. Das Potenzial der Landwirtschaft werde verschenkt, ihre Innovationen gingen verloren und die Abhängigkeit der Bevölkerung von Lebensmittelimporten steige. „Der drohende Verlust der traditionellen Landwirtschaft schadet der gesamten Gesellschaft. Wer das Volksbegehren zur Artenvielfalt unterschrieben hat, schadet also auch sich selbst.“

Bauern wollen wertschätzende Preise

Und was wünschen sich die heimischen Bauern? Dass die heimischen Standards auch für Importe gelten, dass es auch für verarbeitete Lebensmittel eine Pflicht zur kompletten Herkunftsdeklaration gibt und dass die Politik den Mut zur Ehrlichkeit findet. Im Gegenzug bietet die Landwirtschaft die Versorgung mit hochwertigen regionalen Lebensmitteln an, Landschaftspflege durch Bewirtschaftung der Flächen, Blühstreifen, Zwischenfrüchte und Fruchtfolgen, Investitionen vor der Haustür, das Binden von Kohlenstoffdioxid und die Produktion von Sauerstoff. „Das ist Nachhaltigkeit.“
„Wir Bauern sind offen für Veränderungen, aber wir wollen dabei mitreden und mitgestalten“, konstatierte Unseld. „Wir wollen keine Subventionen, sondern wertschätzende Preise und Planungssicherheit.“ Dann würden innovative landwirtschaftliche Unternehmer mit individuellen Konzepten auch immer eine Chance haben.
Wenn sich tatsächlich etwas ändern soll, müsse auch der Verbraucher mit einem geänderten Einkaufsverhalten dafür sorgen. „Die Bauern brauchen Unterstützung, überlasst das Feld nicht den Kritikern“, rief Unseld seinen Zuhörern zu.
Unter diesen befand sich auch Dr. Andreas Möller, Autor des Buches „Zwischen Bullerbü und Tierfabrik: Warum wir einen anderen Blick auf die Landwirtschaft brauchen“. Das „Erbärmliche“ am Volksbegehren zur Artenvielfalt sei, dass dabei nur eine Frage in den Vordergrund gestellt und alles andere, das mit ihr verbunden ist, nicht berücksichtigt wurde, sagte Möller. Die Zuspitzung und Verknappung der Argumente sei letztlich erfolgreich gewesen, weil die Menschen an einfacher Stelle abgeholt und emotional berührt wurden.