Naturschutz

Echte Biodiversität nur mit Landwirten

Susanne Lorenz-Munkler
am Dienstag, 21.07.2020 - 09:08

Der Landschaftspflegeverband Oberallgäu-Kempten sorgt mit Landwirten für mehr Artenvielfalt am Widdumer Weiher bei Martinszell.

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Der Widdumer Weiher bei Martinszell ist ein Juwel in der Allgäuer Landschaft und beherbergt eine Fülle an seltenen Arten. Viele seltene Tagfalter tummeln sich hier, allein vier verschiedene fleischfressende Pflanzen wachsen in den blütenreichen Streuwiesen und Niedermooren rund um den See bei Martinszell. Darüber hinaus viele Orchideen und andere ausgesprochen seltene, geschützte Blumen.

Das Niedermoorgebiet ist dauerhaft nass und nährstoffarm, sodass sich hier viele Spezialisten angesiedelt haben. Man muss kein Botaniker sein, um die hohe Biodiversität auf dem insgesamt 13 ha großen Gelände um den ehemaligen Fisch- und Badeweiher wahrzunehmen, der heute dem Landesbund für Vogelschutz gehört.

Dieses Paradies für Pflanzen, Amphibien und Insekten war nicht immer so schön. Es wurde von Menschenhand wiederhergestellt.

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Durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft verschwanden wertvolle Biotopflächen und artenarme Strauch- und Baumbestände machten sich breit. „Auf etwa acht Hektar Fläche war die Artenvielfalt durch die Brache bereits bedroht“, berichtet Leonie Schaefer, Biologin beim Landschaftspflegeverband Oberallgäu.

Um einem fortschreitenden Artenschwund entgegenzuwirken und die einzigartige Kulturlandschaft zu erhalten, führt der Landschaftspflegeverband seit 2018 Maßnahmen zur Wiederherstellung der Streuwiesen mit ortsansässigen Bauern durch.

„Landschaftspflege und Artenschutz sind in diesen Tagen wichtiger denn je“, betont der LPV-Geschäftsführer Stefan Pscherer, der aber davor warnt, Zusammenhänge zu vereinfachen und Forderungen zu pauschalisieren. Artenschutz und Landschaftspflege seien immer eine Gratwanderung zwischen Naturschutz und Naturnutzung und jeweils im Einzelfall zu betrachten.

Streuwiesen haben Bedeutung verloren

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Die Feuchtflächen und Streuwiesen rund um den Widdumer Weiher, die in früheren Jahren von den Landwirten zu Gewinnung von Einstreu genutzt wurden, haben durch den Bau moderner Ställe an Bedeutung verloren. So sind 8 ha Streuwiesen brachgefallen.

Nur durch mehrfache Mahd konnte hier die einstige Artenvielfalt wiederhergestellt werden. Zum einen bekommen die Blumen, die sich in Feuchtwiesen wohlfühlen, wieder Licht zum Wachsen. Zum anderen werde dem Boden durch jede Mahd Stickstoff entzogen. „Artenvielfalt finden wir meist auf gemähten und beweideten Flächen oder auf mageren und stickstoffarmen Böden“, so Pscherer.

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Gemäht und gepflegt werden die Flächen von Landwirt Anton Bilgri und seinem Team: Peter Feneberg (Kühbach), Franz Sommer (Martinszell) und Felix Jörg (Thanners). Aufgrund der schwierigen Bedingungen müssen sie zum Teil händisch mähen.

Bilgri bewirtschaftet 5 ha Fläche selbst, für die er das Vertragsnaturschutzprogramm in Anspruch nimmt bzw. über Vertragsnaturschutzprogramme entschädigt wird. 9,3 weitere Hektar pflegt er zusammen mit dem Landschaftspflegeverband. Er nutzt die gewonnene Streue selbst für Liege- und Kälberboxen.

„Wir sind froh, dass wir solche Leute wie Anton Bilgri haben“, lobt Leonie Schaefer. Und Pscherer ergänzt: „Echten Naturschutz kann man nur mit den Landwirten machen, nicht gegen sie. Es ist falsch, sie nur immer zu kritisieren. Echte Biodiversität geht nur mit Landwirten.“