Forstwirtschaft

Druck kommt von allen Seiten

Waldumbau
Anja Worschech
am Freitag, 19.02.2021 - 10:49

Eine nachhaltige Bewirtschaftung ist der oberste Leitsatz in der Forstwirtschaft. Doch die Waldbesitzer haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen – auch mit den gestiegenen Ansprüchen der Bevölkerung: Ein gewaltiger Balanceakt.

Bei einem Rundgang mit Andreas Täger, dem Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Westallgäu, um den Waldsee in Lindenberg wird deutlich, was für besondere Wälder in seinen Zuständigkeitsbereich fallen.

Rund um den See lassen sich große, kräftige Bäume entdecken ebenso wie schmächtige Jungbäume, die sich dem Licht entgegenstrecken. Die Bäume bilden mehrere Höhenstufen, alt und jung stehen hier nebeneinander. Ein typisches Bild für einen Plenterwald.

Diese schonende Bewirtschaftung ist vor allem im Westallgäu und in Vorarlberg weit verbreitet und geht auf die strengen Waldgesetze der Habsburger zurück. Dabei werden immer nur einzelne Bäume entnommen, niemals aber gebe es Kahlflächen aus planmäßiger Nutzung, sagt Täger. Das trägt zur Stabilität des Waldes bei. Durch die unterschiedlichen Höhenstufen hat beispielsweise der Wind weniger Angriffsfläche.

Corona verschärft die Probleme

Bei der Begehung rund um den Waldsee wird aber auch deutlich, mit welchen Herausforderungen die Waldbesitzer heutzutage zu kämpfen haben. Ins Auge fallen volle Parkplätze und die Vielzahl der Spaziergänger, Langläufer, Hundebesitzer und Erholungssuchende.

2) Besucherdruck

Der Besucherdruck ist mit Corona noch einmal gewachsen, sagt Täger. Die Grenzen für den Wald sind aus seiner Sicht dann erreicht, wenn gefühlt mehr Menschen als Bäume im Wald anzutreffen sind, sich der Müll häuft und Autos kreuz und quer am Waldrand parken. An manchen Tagen sei das Erholungsgebiet rund um den Lindenberger Waldsee bereits am Limit gewesen, sagt er.

Das freie Betretungsrecht der Natur gewährt der Bevölkerung laut dem Bayerischen Naturschutzgesetz das Recht auf „Genuss der Naturschönheiten und auf Erholung in der freien Natur“ – ähnlich einem Grundrecht. Darunter fällt auch der Wald. Er hat eine wichtige Erholungsfunktion für den Menschen, die Täger selbst als Förster und Jäger nur zu gut kennt.

Das Grün des Blätterdachs beruhigt, der besonders herbe Geruch des Waldbodens, das schattige Klima und die Ruhe sind wohltuend. Zudem ist der Wald ein Eldorado für Naturbeobachtungen. Das geht vielen Menschen so. Eine Grenze ist erreicht, wenn Müll und Hinterlassenschaften Überhand nehmen. Täger plädiert daher an die Rücksicht der Erholungssuchenden.

1) Andreas Täger

Täger deutet auf Pfade im Wald mit Erosionsschäden. Im Sommer fahren hier Mountainbiker querfeldein und bahnen sich dabei zum Leidwesen der Waldbesitzer oft gedankenlos Wege durch den überlebenswichtigen Wurzelbereich der Bäume. Das Aus für so manchen Baum. Und eine Störung zu viel für so manches Wildtier.

Hinzu kommt, dass der Waldbesitzer für die Verkehrssicherung seiner Flächen verantwortlich sei, gibt Täger zu bedenken. Eine Mehrbelastung, die er für die Forstbesitzer gern monetär ausgeglichen sehen würde. Die Erholungssuchenden sollten sich bewusst sein, dass es ohne Waldbewirtschaftung auch keine Wege für Freizeitsportler und Erholungssuchende gebe.

Doch Täger verbannt die Besucher keineswegs aus dem Wald. Für Mountainbiker soll es bald einen ausgewiesenen Trail geben. Alternativen schaffen und gegenseitige Rücksicht, sind seine Lösung.

Wälder schaffen Arbeitsplätze

6) Wald als Wasserspeichr und Filter_Täger

Bayerns Wälder schaffen rund 200 000 Arbeitsplätze in der Forst- sowie der be- und verarbeitenden Holzwirtschaft. Und auch im Privaten kommt jeder damit in Berührung. Jeder Einwohner in Deutschland verbraucht laut Bayerischem Staatsministerium im Schnitt pro Jahr ein Kubikmeter Holz für Papier, Brennholz oder Möbel. Gleichzeitig wächst aber pro Sekunde ein Kubikmeter Holz in Bayern wieder nach.

Holz ist unbestritten ein wichtiger Rohstoff. Vor über 50 Jahren haben sich aus diesem Grund die forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse gebildet. Deren Hauptaufgabe ist es, die Strukturnachteile des Kleinprivatwaldbesitzers zu überwinden. Hierzu gehört die Bündelung des Holzangebotes der Privatwaldbesitzer.

Mit dem Wandel der Gesellschaft, veränderten sich auch deren Aufgaben. In den 1970er- und 1980er-Jahren kam die große Wohlstandsphase in der Gesellschaft. Eine geregelte 5-Tage-Arbeitswoche sorgte dafür, dass sich das Freizeitverhalten intensivierte, sagt Täger. Die Mobilität nahm zu und der Druck auf die Natur stieg an.

Die Waldbesitzer motivieren

5) Plenterwald

Heute ist die WBV daher vor allem dafür da, die Waldbesitzer zu informieren und zu beraten, das vielfältige Eigentum der Waldbesitzer zu schützen und zwischen eben diesen und der Gesellschaft zu vermitteln sowie ein Sprachrohr gegenüber der Politik zu bilden.

Zum Informieren gehört auch, die Waldbesitzer zu motivieren, selbst wenn Holzpreis und Borkenkäfer-Kalamitäten nicht viel Anlass zur Freude geben. Wald ist so viel mehr als nur ein umweltfreundlicher und nachhaltiger Holzlieferant für Brenn- und Bauholz. Er ist die grüne Lunge unseres Planeten. Der Wald bindet das klimaschädliche Gas CO2 und setzt dafür Sauerstoff frei, den wir zum Atmen brauchen.

Dabei bindet ein Hektar Wald pro Jahr etwa 10 t Kohlenstoffdioxid und stellt 20 t Sauerstoff zur Verfügung. „Der Wald ist eine gigantische CO2-Senke“, sagt WBV-Geschäftsführer Täger.

Seit Anfang des Jahres gilt die CO2-Abgabe auf Diesel, Benzin, Heizöl und Erdgas. Vor allem große Unternehmen sollen dadurch in die Pflicht genommen, ihren Ausstoß zu senken. Täger sieht dieses System am liebsten auch in der anderen Richtung: So soll es nämlich einen Ausgleich für die Waldbesitzer geben, die ihren Wald pflegen und erhalten, damit er seine Funktion als CO2-Senker und Sauerstofflieferant erfüllen kann.

Eine wichtige Schutzfunktion

Der Wald hat noch weitere Funktionen, die nicht weniger wichtig sind: die Schutzfunktion. So schützen die Bäume Menschen, Siedlungen und Straßen vor Naturgefahren wie Lawinen, Überschwemmungen, Steinschlag und Muren, was besonders in Bergregionen wie im Ober- und Ostallgäu große Bedeutung einnimmt. Zudem schützt der Wald den Boden vor Erosion durch Wind und Regen. Und auch für die lebensnotwendige Wasserversorgung spielt er eine große Rolle. Zum einen speichern Wälder, ähnlich einem Schwamm, gigantische Mengen des kühlen Nass und schützen so vor Überschwemmungen.

Zum anderen filtern sie Regenwasser durch ihre mächtigen Bodenschichten, Pilze, Kleinstorganismen im Boden und ihre Wurzelsysteme – Wasser, das später zu unserem Trinkwasser wird. Auch für Pflanzen und Tiere bietet der Wald einen wertvollen Lebens- und Rückzugsraum.

Täger stammt selbst aus einer Forstfamilie. Das Interesse für Natur, Wald und Forstwissenschaft steckt ihm daher in den Genen: „Es ist eine Berufung für mich.“ Dabei fasziniert ihn vor allem der Gedanke, für mehrere Generationen vorauszudenken. „Es geht darum die Wälder, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben, weiterzuentwickeln, sodass dann auch unsere Enkel sagen: Ich habe einen tollen Wald vom Opa übernommen.“ In der Forstarbeit ist es daher nötig, in Zeitspannen von 100 Jahren und länger zu denken und zu planen. Eine große Herausforderung.

Dem Klimawandel trotzen

Zu den Aufgaben der Zukunft gehören der Umbau zu einem klimatoleranten Mischwald. Im Moment setzen sich die Waldflächen der WBV Westallgäu aus etwa 60 % Fichte und 30 % Tanne zusammen. Die restlichen Prozent verteilen sich auf viele weitere heimische Baumarten wie Buche, Bergahorn, Eiche, Lärche, Kiefer und Douglasie. Damit der Wald dem Klimawandel gewachsen ist, werden vor allem in Bergregionen die Nadelwälder mit einem hohen Tannenanteil umgebaut. Und auch der Wildverbiss müsse durch Jagd kleingehalten werden, damit Naturverjüngung stattfinden kann.

Die WBV Westallgäu vertritt etwa 2300 Waldbesitzer mit etwa 8700 ha. Diese kleinräumigen Strukturen machen die Bewirtschaftung und Absprachen oft schwieriger. Und dennoch sieht Täger darin einen großen Vorteil: Vielfalt. Jeder Waldbesitzer bewirtschaftet seine Flächen anders und schaffe damit Biodiversität. „Wir haben hier etwa 25 verschiedene heimische Baumarten“, sagt er und unterstreicht die wichtige Rolle der Waldbesitzer.

Forderungen an die Politik

Täger fordert daher von der Politik einen monetären Ausgleich für alle jene, die die Wälder erhalten und pflegen, Wege unterhalten und dafür Sorge tragen, dass der Wald all seine wertvollen Ökosystemleistungen erfüllen kann.

  • Die nachhaltige Bewirtschaftung im Forst muss ökologische wie ökonomische Belange berücksichtigen.
  • Im Westallgäu gibt es gestufte Plenterwälder: Es werden nur einzelne Bäume entnommen. Es gibt keine Kahlhiebe.
  • Die Wälder werden noch mehr zum Erholungsgebiet für Jedermann.

Die Serie von Unser Allgäu stellt die forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse heute und morgen vor. Mehr Infos zur Serie finden Sie hier.

Im ersten Teil der Serie geht Ignaz Einsiedler auf die Veränderungen im Laufe der Zeit ein. Einsiedler gibt nach fast 50 Jahren den Vorsitz der WBV Kempten ab und kann auf einen starken Wandel im Wald zurückblicken, den Unser Allgäu beschreibt. Den Artikel über Ignaz Einsiedler finden Sie hier.