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Portrait

Dorfhelferin Nicole: Wertvolle Hilfe im Notfall

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Anja Kersten
am Mittwoch, 09.02.2022 - 11:15

Dorfhelferin Nicole Höß aus Simmerberg liebt die Abwechslung ihres Berufs. Doch nicht immer ist der Anlass für ihren Einsatz erfreulich.

Simmerberg/Lks. Lindau „Es ist mein Traumberuf“, sagt Nicole Höß aus Simmerberg im Allgäu und gerät geradezu ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Berufsalltag als Dorfhelferin erzählt. Es ist ein abwechslungsreicher Beruf, man lernt immer wieder neue Leute kennen und in jedem Haushalt etwas Neues dazu, hat mit Tieren und mit Menschen zu tun, und vor allem bekommt man viel, viel zurück, erzählt sie. „Die Familien sind sehr dankbar, wenn man kommt und sie, egal, ob bei der Stallarbeit, im Obstbaubetrieb, im Haushalt oder einfach in allen Arbeitsbereichen, unterstützt“, sagt Nicole. Als sie nach einer Ausbildung zur Hauswirtschafterin nach möglichen Berufen Ausschau hielt, und der Beruf der Dorfhelferin vorgestellt wurde, da wusste sie: „Genau, das möchte ich machen.“

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„Wir haben keine Landwirtschaft daheim“, erklärt Nicole und fügt hinzu: „Melken, Kälber füttern und Stallarbeit kann man lernen. Bei meinen Einsätzen wird mir beim ersten Tag im Stall alles erklärt.“ Und wenn sie allein im Stall ist, und wirklich mal Fragen hat, weiß sie sich ebenfalls zu helfen. „Auf einem Hof ist man nie allein. Da findet man immer jemanden, der einem helfen kann“, erzählt die junge Frau. Sie ist damit bestes Beispiel dafür, dass man nicht unbedingt aus der Landwirtschaft kommen muss, um diesen Beruf zu erlernen. Freude an all den Aufgaben zu haben, ist die beste Voraussetzung.

Nicole entschied sich aufgrund der Vielseitigkeit des Berufes der Dorfhelferin für weitere zwei Jahre Fortbildung an der Landwirtschaftsschule, Abteilung Hauswirtschaft, in Pfaffenhofen und in Neuburg an der Donau. „In diesen zwei Jahren lernt man viel, sowohl in der Schule als auch in verschiedenen Praktika“, erklärt Nicole. „Nicht nur wie man einen Haushalt führt, sondern auch, wie man mit belastenden, familiären Situationen in Einsätzen umgeht, und wie man Grenzen ziehen kann“, fügt sie hinzu.

Man komme den Familien nämlich sehr nahe, weiß Nicole, und nicht immer ist der Anlass schön, wie bei einer Geburt. Auch Krankheit kann einen Einsatz erforderlich machen. „Das ist immer belastend“, gibt Nicole zu, aber auch damit lerne man umzugehen. Sie versucht dann, alles hinter sich zu lassen und abzulegen, wenn sie in ihr Auto einsteigt, „das ist mein Ritual“, erklärt sie.

Zuhören reicht oft

Wenn es Konflikte innerhalb der Einsatzfamilie gibt, genüge es oft, einfach nur zuzuhören. „Nur keine Partei ergreifen“, setzt sie das Erlernte in die Praxis um. Doch es sei genau diese Mischung, die Praxis im Haushalt und der Umgang mit Menschen, der diesen Beruf für sie interessant macht. Man sollte deshalb offen sein, gerne mit Menschen zu tun haben und sich nicht nur auf neue Menschen, sondern auch auf neue Situationen einlassen können. Denn nicht nur die Menschen, auch jeder Haushalt, jede Küche, jeder Stall ist anders. Deshalb fragt sie am ersten Tag, bevor es ans Kochen geht, erst einmal nach Vorlieben, möglichen Allergien und Abneigungen. „Kässpatzen, Rouladen und Lasagne kommen aber immer gut an“, verrät sie.

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„Jeder hat seine eigene Arbeitsweise und seinen Rhythmus. Ich bringe mich mit ein, keinesfalls aber organisiere ich den Haushalt um“, sagt Nicole. Und keinesfalls, so zerstreut sie etwaige Befürchtungen, weiß sie trotz ihrer guten Ausbildung, immer alles besser. Gerade von Bäuerinnen, die schon jahrelang ihren Haushalt führen, könne sie viel lernen. So wüsste sie jetzt genau, wie sie ihre eigene Küche einmal optimal einrichten könnte, schmunzelt die junge Frau, die noch bei ihren Eltern in Simmerberg lebt.

Mit ihren 22 Jahren gehört sie zu den jüngsten Dorfhelferinnen in Bayern. Da kann es schon mal vorkommen, dass sie ein skeptischer Blick trifft. „Wen haben sie uns denn da geschickt? Ob die auch was arbeiten kann“, gibt sie lachend wieder, was die Leute von ihr denken. Sie nimmt es ihnen nicht übel, denn sie ist wirklich zierlich, klein und auch noch jung. Eher amüsiert sie es. Doch die anfängliche Skepsis ist schnell vergessen, wenn Nicole routiniert den Haushalt macht oder für das Melken und den Stall zuständig ist.

Die Einsatzfamilien begleiten

„Die Dorfhelferinnen haben eine sehr gute Ausbildung“, bestätigt Johanna Hell, Geschäftsführerin der Katholischen Dorfhelferinnen und Betriebshelfer in Bayern GmbH. Hier ist Nicole Höß angestellt. Sie nennt den Beruf der staatlich geprüften Dorfhelferin aufgrund seiner Anforderungen und der Ausbildungszeit von fünf Jahren sogar den „Mercedes unter den hauswirtschaftlichen Berufen“. Eine ausgebildete Dorfhelferin sei in der Lage, in ihr fremden Familien und Betrieben Aufgaben und Arbeiten im hauswirtschaftlichen, pflegerischen, pädagogischen und landwirtschaftlichen Bereich selbstständig zu erkennen und eigenverantwortlich durchzuführen. Ebenso, den Alltag der Familie aufrecht zu erhalten und in Krisen und Notsituationen die Einsatzfamilie zu begleiten. Dazu komme Flexibilität und Improvisationsvermögen, Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein, Organisationsgeschick, Kommunikations- und Kontaktfähigkeit, aber auch absolute Verschwiegenheit, wie Hell die Eigenschaften der Dorfhelferin weiter beschreibt.

Umso wichtiger sei es, dass sich jedes Jahr Nachwuchs für diesen wichtigen Beruf findet. 2021 machten nur neun Frauen die staatliche Prüfung. In diesem Jahr zählt das Abschlusssemester 15 angehende Dorfhelferinnen. Erfreulich auch: Im Herbst 2021 haben 19 junge Frauen im ersten Semester ihre Fortbildung für diesen interessanten Beruf gestartet. Johanna Hell: „Alle bayerischen Regierungsbezirke warten nun auf diese jungen Frauen.“

Berufsbegleitende Ausbildung

Seit Anfang dieses Jahres ist es möglich, die Ausbildung berufsbegleitend zu machen. Acht Frauen haben hier im Januar begonnen und werden im Juli 2023 mit den regulären Studierenden ihre Prüfung zur staatlich geprüften Dorfhelferin ablegen. Mindestalter für die Teilnahme an der berufsbegleitenden Fortbildung ist zurzeit 25 Jahre.