Advent

Diese Krippe ist unverkäuflich!

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Anja Kersten
am Mittwoch, 16.12.2020 - 08:37

Die Krippe des Kunstschreiners Thomas Ried auf dem Hof von Familie Bitzer ist etwas Besonderes.

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So klein, so filigran sind die Figuren, dass man kaum glauben kann, dass sie geschnitzt sind. Wenn man dann noch beim genaueren Hinsehen erkennt, wie klar die Gesichtszüge erkennbar sind, wie viele Details herausgearbeitet wurden und wie jede Falte der Kleidung sichtbar ist, dann kann man nur noch staunen. Endgültig die Sprache verschlägt es einem, wenn Antonie Bitzer erzählt, dass diese Figuren einst ihr Ururgroßvater Thomas Ried um das Jahr 1860 geschnitzt hat. Ihm gehörte der Hof in Nassenbeuren. Thomas Ried, 1820 geboren, 1873 gestorben, war Landwirt, Kunstschreiner und später auch Schnitzer.

Seitdem steht die Kastenkrippe mit den handgeschnitzten Figuren von Thomas Ried auf dem Hof der Familie Bitzer in Nassenbeuren bei Mindelheim. Kurz vor dem 1. Advent holt Georg Bitzer die Figürchen aus den von Hand gemachten Spanschachteln, in denen sie in Watte gebettet sind. In seiner Hand wirken die nur 4 cm großen Figuren noch kleiner. Behutsam schiebt er Maria, Josef, das Jesuskind sowie Ochs und Esel in die Höhle, stellt den Jäger auf den Berg, die Hirten mit ihren Schafen vor die Krippe und auf den Berg. Es ist als ob die Krippe nach und nach zum Leben erwacht. Jede der 35 hat ihren festen Platz, da braucht Georg Bitzer nicht lange zu überlegen.

Immer auf dem Hof geblieben

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Obwohl, es könnte schon sein, dass eine Figur mal woanders steht. „Das sind dann im Vergleich zum Vorjahr zwei Millimeter“, schmunzelt sein Sohn Jürgen. Auch er hat die Szene in der Kastenkrippe, die bis zu Mariä Lichtmess in der Stube so genau im Gedächtnis, dass er keine Anleitung für das Aufstellen bräuchte, wenn sie denn einst in seinen Besitz übergeht. Die Krippe ist auf diesem Hof geschnitzt worden, immer auf dem Hof geblieben und an den Hofnachfolger übergeben worden. So soll es auch bleiben, erklärt Antonie Bitzer, die den Hof übernommen hat und die Krippe einst vor 48 Jahren von ihren Eltern bekam. Dieses Versprechen haben ihr ihr Sohn Jürgen, seine Frau Karin und sogar ihr Enkel Simon längst gegeben.

Denn Interessenten für die Krippe von Thomas Ried, von denen in dieser Form nur zwei erhalten sind, gab und gibt es genug. Bereits 1930 wollte ein Architekt aus München dem Großvater von Antonie Bitzer die Krippe für die damals unvorstellbar hohe Summe von 2000 Reichsmark abkaufen. „Mein Großvater hatte 13 Kinder, eine kleine Landwirtschaft und hätte das Geld wirklich notwendig brauchen können“, erzählt sie die Familiengeschichte. Doch er blieb bei seinem „nein“, zu wertvoll war ihm diese Erinnerung an seinen Großvater und seine Krippe.

Begabter Kunstschnitzer

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Sicher ist, dass Thoma Ried ein durchaus begabter Kunstschreiner war, denn er schuf die beiden Seitenaltäre in der Pfarrkirche Nassenbeuren im Jahr 1858 unter Einbeziehung barocker Elemente. Doch noch mehr als diese handwerklichen Arbeiten zeigen die virtuos ausgeführten Krippenfiguren von seinem künstlerischen Können. Stilistisch kann man ihn durchaus mit jenen Krippen des namhaften Mindelheimers Bildhauers Anton Schuster vergleichen. Naheliegend ist deshalb, dass er ein Schüler Schusters war beziehungsweise von ihm angeleitet wurde. Ähnlichkeiten bestehen auch zu einem der begabtesten Schüler von Anton Schuster, nämlich Jakob Grünwald, der aus München nach Mindelheim kam und dort als Bildhauer gearbeitet hat.

Doch Zeit für das Schnitzen der Krippenfiguren, so erzählt es die Familiengeschichte der Bitzers, hatte Thomas Ried erst, als er mit 40 Jahren gesundheitliche Probleme mit den Füßen bekam. Man kann sich kaum vorstellen, welche Fertigkeit und welche Geduld er für das Schnitzen dieser winzigen Figuren aufbrachte. Wie er mit ruhiger Hand und einem scharfen Blick winzigste Späne aus dem weichen Lindenholz herausschnitzte und sich überlegte, mit welchen Details er die Figuren in ihrem Alltag darstellen konnte. Da ist der Jäger, aus dessen Rucksack das Bein eines erlegten Tieres ragt, da ist ein Lamm, das bei seiner Mutter trinkt und da sind die Heiligen Drei Könige mit ihren Gaben. All seine Figuren sind schlank und erinnern auch in der Farbgebung mehr an den Stil von Südtirol als an den in Schwaben. Alle Figuren sind bemalt und ihre Gesichter spiegeln Gefühle wieder: Staunen, Demut und tiefe Ergriffenheit beim Anblick des Kindes im Stall.

Noch im Stil des Rokoko geschaffen

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Erhalten sind nur zwei Kastenkrippen des begabten Schnitzers. Die kleinere davon wurde noch im Stil des Rokoko geschaffen. Bei ihr sind die Figuren eingeklebt. Sie befindet sich ebenfalls in Familienbesitz. Die größere mit losen Figuren in dem Kasten mit Ruinen und einem anspruchsvoll gemalten Hintergrund ist die Kastenkrippe der Familie Bitzer.

2014 wurde diese Krippe zum letzten Mal in der Kirche in Nassenbeuren anlässlich einer Krippenausstellung gezeigt. Jeden Abend nahm die Familie die Figuren mit nach Hause, jeden Morgen stellte sie die Figuren wieder in die Kastenkrippe. Doch weil das Anfassen der Figuren, so vorsichtig man auch sein mag, den Figuren immer ein wenig schadet, wie Bitzer erklärt, werde man die Krippe nur noch für die Familie aufbauen. Und so wie schon ihr Großvater, erklärt auch Antonie Bitzer: „Die Krippe ist und bleibt im Familienbesitz. Sie ist unverkäuflich.“