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Selbsthilfe

Bürger retten Ziegenhaltung

Im Inneren wird die Handwerkskunst sichtbar: Stützen, Zangen, Pfetten, Büge und Sparren tragen das Dach über dem eingestreuten Stall mit Laufhof Fressplatz und Futtertisch. Oben die Öffnungen für Licht und Luft, rechts hinter der Wand, das Heu.
Konrad Knoll
am Dienstag, 27.09.2022 - 08:27

Zur Sicherung des eigenen Lebensraums bauten die Bewohner von Kreuzthal einen Ziegenstall. Dabei legten sie Wert auf umweltfreundliche Materialien wie Jute und Holz. Die Milch wird in der angeschlossenen Käserei verarbeitet.

Mit Holz und anderen umweltfreundlichen Baustoffen wird die ökologische Wirtschaftsweise des Betriebes präsentiert. Im Vordergrund Laden, Käserei und Melkbereich, links der offene Stall und im Hintergrund die höhere Heubergehalle.

In der Nähe der Ortschaft Kreuzthal, mitten in der Adelegg, befindet sich der Ziegenstall mit Käserei der Kreuzthaler Bürgerstiftung. Die Adelegg ist eine sehr hügelige, 800 bis 1200 m hoch gelegene und stark bewaldete Region zwischen Kempten (670 m), Leutkirch und Isny im Allgäu.

Viele kleine Betriebe in dieser Gegend haben längst aufgegeben. Kein Wunder, bei der schweren Arbeit an den steilen Hängen. Doch die Kreuzthaler Bürgerstiftung hat sich zum Ziel gesetzt, die derzeit noch vorhandenen Wiesen, mit ihrer Vielfalt an Pflanzen und Insekten zu erhalten. Es werden 110 ha, davon 70 ha Steilhang bewirtschaftet. Sie werden mit den Ziegen und mit bis zu 130 Rindern beweidet oder insektenschonend mit dem Doppelmessermähwerk oder dem Balkenmäher gemäht.

Hofkäserei mit Verarbeitungskapazität von 100 000 kg

Der angehobene Fressplatz am hölzernen Fressgitter, dahinter der ebenfalls hölzerne Futtertisch, darunter die Höhle für die Ziegen und im Hintergrund die Heuboxen.

Aus der Milch der Ziegen wird in der Hofkäserei, mit einer Verarbeitungskapazität von 100 000 kg, Käse hergestellt. Neben der Ziegenmilch wird auch Bio-Kuhmilch von anderen Betrieben verarbeitet. Das Ziegenfleisch wird ab Hof, und im Lieferservice vermarktet. Die Käsereiprodukte werden im Hofladen, im Dorfladen und auf Märkten verkauft.

Der Stall mit Heubergehalle wurde 2015 bezogen, die Käserei ist seit 2020 in Betrieb. Die Planung hat das Architekturbüro Ziersch (Projektleitung Giacomo Nüsslein) übernommen, das Konzept stammt von Oliver Post, der den Hof mit seiner Frau Leona nach Demeter Richtlinien bewirtschaftet.

Stall mit 240 m² Grundfläche

Das Bio-Windschutznetz aus Jute ist lange haltbar und umweltfreundlich.

Für den Stall mit 240 m² Grundfläche und die Heubergehalle mit 200 m² Fläche mussten 425 000 € netto investiert werden. Darin enthalten sind die Dachabsaugung, der Heulüfter und der Heukran. Die Baukosten für die Käserei samt Melkhaus und Melkstand betragen 490 000 € netto die Erschließungskosten und die Pflanzenkläranlage sind enthalten. Der schlechte Baugrund, die Hanglage die hohe Schneelast und die geringe Eigenleistung haben den Bau sehr verteuert.

Um die Milch nicht pumpen zu müssen, wird in Eimer gemolken. Das trägt zu einer hohen Käsequalität bei. Darüber hinaus hat sich Oliver Post einiges einfallen lassen, damit die Käserei sauber und vor allem schimmelfrei bleibt. 3 cm Reinkalkputz und ein diffusionsoffener Kalkanstrich an den Wänden, der große Luftraum, ein herausnehmbarer Holzboden im Melkstand, der im freien gewaschen wird und an der Sonne trocknet, tragen zu weniger Feuchtigkeit im Raum bei und nehmen den unvermeidlichen Wasserdampf auf.

Im Winter gibt es Heu

Die Ziegen werden im Winter mit Heu gefüttert, im Sommer sind sie immer auf der Weide. Das Heu der Bergwiesen wird in der Halle gelagert und nachgetrocknet. Dazu wurde eine Dachabsaugung eingebaut. Die warme Luft unter den Dachziegeln wird in einem Sammelkanal abgesaugt und von unten in den Heustock eingeblasen.

Windschutz ohne Müll und ohne Mikroplastik

Da Halle und Stall unter einem Dach untergebracht sind und der Futtertisch direkt an den Heuboxen liegt, kann das Heu unmittelbar aus diesen entnommen und den Ziegen vorgelegt werden. Die Ziegen stehen beim Fressen auf einem angehobenen Fressplatz an einem Holzfressgitter mit Fangfunktion. Das Fressgitter ist aus Eichenholz gefertigt, es wird nicht angenagt, ist am Hals der Ziegen angenehmer als der kalte Stahl, es ist sehr leise und klappert nicht. Der gegenüber der Tiefstreufläche des Stalles um ca. 50 cm angehobene Fressplatz stellt sicher, dass die Tiere am Fressgitter nicht durch andere von hinten gestoßen werden können. Die Fläche darunter dient als höhlenartige Liegefläche, die von den Tieren gerne angenommen wird. Sowohl Futtertisch als auch Fressplatz sind aus Holz gefertigt. Der eingestreuten Liegefläche nach Süden vorgelagert ist der überdachte Laufhof angeordnet. Dort sind die vorgeschriebenen Kletter- und Liegestelle bereitgestellt. Die Südfassade ist offen, kann aber bei sehr schlechtem Wetter mit Windschutznetzen aus Naturmaterial verschlossen werden. Es wurde Jute statt Kunststoff verwendet und daraus ein preiswerter Wetterschutz hergestellt. Dieses Material ist lange haltbar und es entsteht kein Müll und kein Mikroplastik.

Stallhülle besteht aus unbehandelter Holzkonstruktion

Die Stallhülle besteht wie die Heuhalle aus einer sägerauen und unbehandelten Holzkonstruktion mit Sparren und Dachschalung. Darauf sind Dachbahn, Konterlattung, Lattung und Dachziegel.

Das ganze Gebäude wurde in dem engen Tal an den Nordhang gerückt, so konnte die Zeit, in der der Stall durch die südliche Anhöhe verschattet wird, auf die Monate Dezember und Januar begrenzt werden. Bis November und ab Februar bekommen die Tiere die Wintersonne. Da das Pultdach des Stalles gegenüber dem Satteldach der Halle um eineinhalb Meter abgesenkt ist, ergeben sich über dem Fressgitter offene Wandbereiche zur Belichtung und Belüftung des Stalles. Ein schöner Effekt: Die flache Wintersonne trifft durch die Öffnung auf die innenliegende Wand der Heuhalle und wird von dort in den Stall reflektiert.