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Waldbau

Wir brauchen dringend Mischwälder

Biodiversität
Olaf Winkler
am Montag, 28.10.2019 - 10:08

Der WBV Westallgäu wirbt bei Kommunalpolitikern für Wegebau und Holznutzung.

Sigmarszell/Lks. Lindau - In Zeiten von Trockenheit, Käferbefall und Sturmschäden sieht die Waldbesitzervereinigung Westallgäu (WBV) im Wald „eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, wie WBV-Geschäftsführer Andreas Täger bei einem forstpolitischen Waldspaziergang in Thumen, Gemeinde Sigmarszell, deutlich machte. Mit Blick auf Klimaschutz und Naherholung profitiere letztlich jeder von einem intakten Wald, nicht nur dessen Besitzer bei der Vermarktung.

Viele Besitzer kümmern sich weniger um den Wald

Allerdings gibt es derzeit große Probleme: Die Trockenheit im Landkreis Lindau sei noch wenig markant. Doch Sturmschäden und Schneebruch gibt es auch hier – und auch der Borkenkäfer hat sich in den Wäldern des Westallgäus und in Richtung Bodensee breit gemacht. Wichtig sei hier eine rasche Waldpflege, sagte Täger. Doch viele der zahlreichen privaten Waldbesitzer kümmern sich weniger denn je um ihren Wald. Denn die Holzpreise sind niedrig wie lange nicht, erklärte WBV-Mitarbeiter Dirk Stapelfeldt.

Umso wichtiger sei es, dass die Kommunen in der Region das heimische Holz nutzen, appellierte Täger an die anwesenden Bürgermeister, Kreisräte und nicht zuletzt an Landrat Elmar Stegmann. Konkret nannte Täger den möglichen Neubau der Antonio-Huber-Schule des Landkreises in Holzbauweise. Aber auch die Diskussion um den Ersatz von Holzdecken am Lindenberger Gymnasium griff der WBV-Geschäftsführer auf. Die „öffentliche Hand sollte eine Vorbildfunktion einnehmen“, betonte Täger und nicht auf eine Rigips-Decke wechseln. Nach seiner Ansicht handele Vorarlberg vorbildlich und baue viel mit Holz.

Forstwege fehlen für ein gutes Wirtschaften

Das Unterholz bei Thumen hatte die WBV nicht zufällig als Ort für den forstpolitischen Waldspaziergang ausgewählt. Denn es ist teilweise in einem kritischen Zustand. Und das liegt vor allem an fehlenden Forstwegen, machte Stapelfeldt deutlich. So sei eine zeitgemäße Waldbewirtschaftung nicht mehr möglich – mit der Folge, dass die notwendige Waldverjüngung nicht stattfinde. Er zeigte aber auch Freiflächen auf, die nach dem Fällen von Borkenkäfer-Bäumen entstanden sind. Hier fand keine Neuaufforstung statt. Bald werden Springkraut und die Brombeere diese Freiflächen „erobern“. Am Ende fehle der Wald, der als Naherholungsgebiet für Einheimische und Touristen dienen sollte.

WBV-Vorsitzender Peter Freytag stellte die in vielen Bereichen des Westallgäus vorhandene Vielfalt der Baumarten heraus. Sie bleibe aber nur erhalten, wenn der Wald regelmäßig gepflegt werde. Denn: „Wo nicht gearbeitet wird, bricht der Wald zusammen.“ Isolde Miller vom Bund Naturschutz unterstrich: „Wir brauchen dringend Mischwälder.“ Auch die Arbeit in den Wäldern stellte sie nicht in Frage. „Monokultur fördert den Borkenkäfer“, so Miller. Daher sei ein Waldumbau in manchen Bereichen dringend notwendig. Aber: „Wir brauchen auch Zellen, wo der Wald sich selbst überlassen ist.“ Ein gutes Beispiel sei die Rohrachschlucht: „Hier haben auch Urwald­relikte ihre Chance.“ Letztlich sei ein Nebeneinander von Waldwirtschaft und Naturschutzzellen notwendig.

Ein Hangrutsch zerstört die Zufahrt

Möglich sei die Waldbewirtschaftung allerdings nur mit modernen Maschinen, die Zufahrtswege benötigen, unterstrich Freytag. Wie groß die Probleme vor Ort sein können, zeigte der frühere Sigmarszeller Bürgermeister Walter Matzner anhand eines Weges im Unterholz auf. Dieser habe nach einem Hangrutsch seine Funktion als Zufahrtsweg nicht mehr erfüllt. Doch selbst nach drei Jahren Gesprächen mit den Forsteigentümern sei keine Einigung möglich gewesen, um den Weg neu zu bauen. Die Folge: Zahlreiche Waldparzellen lassen sich derzeit nicht anfahren und bewirtschaften.

Flurneuordnung im Forst wäre von Vorteil

Hier spielt hinein, dass es oft viele kleine Waldgrundstücke mit verschiedenen Besitzern gibt, die größtenteils durch Erbteilung entstanden sind. Eine Forstflurneuordnung könne eine Lösung sein, sagte Stapelfeldt. Aber er weiß aus Erfahrung: Der Tausch von Grundstücken sei schon innerhalb von Familien „so etwas von schwierig“. Allerdings: „Wir würden größere Einheiten begrüßen.“ Eine staatlich geförderte Flurbereinigung im Wald wäre aus Sicht von Freytag Aufgabe der Politik.

Stapelfeldt sprach eine mögliche Ersatzvornahme durch Kommune oder Landkreis an, wenn sich Besitzer nicht um ihren Wald kümmern. Die beurteilte Landrat Stegmann als „kritisch“ und müsse im Einzelfall genau betrachtet werden. Er mutmaßte zudem, dass Firmen fehlen, die die Arbeiten ausführen. Die Kommunalpolitik könne rund um die Probleme der Waldbesitzer wenig leisten, stellte Stegmann fest. Hier sei der Freistaat oder der Bund gefragt.
Die von der WBV angemahnte Nutzung des Holzes finde hingegen längst statt. Der Landkreis prüfe bei allen Bauvorhaben, ob sich heimisches Holz verwenden lasse.