Forstwirtschaft

Botschafter des Waldes sein

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Anja Worschech
am Montag, 08.03.2021 - 11:57

Mit der Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit will Dieter Stosik, Geschäftsführer der FBG Füssen, das Verständnis für die Forstwirtschaft wecken. Waldbesitzer brauchen ein Gesicht in der öffentlichen Wahrnehmung, sagt er.

Die Motorsäge ertönt, das Sägeblatt frisst sich durch die Jahresringe des Baumes, Späne fliegen und nach wenigen Sekunden ertönt ein lauter Rumps: der Baum liegt am Boden. Verständnislose bis aufgebrachte Spaziergänger, die den Waldbesitzern wegen der Holzfällungen Vorwürfe machen, gibt es immer wieder.

„Schlachthaussyndrom“ nennt Dieter Stosik, Geschäftsführer der FBG Füssen, das zwiespältige Verhältnis der Bevölkerung zur Forstwirtschaft – abgeleitet von dem Begriff Schlachthausparadox aus der Fleischindustrie. Die Menschen mögen Tiere und essen auch Fleisch gern. Die Schlachtung dazwischen blenden sie jedoch aus.

Bildung spielt große Rolle

Ein ähnliches paradoxes Verhalten gebe es gegenüber der Forstwirtschaft. Die Leute lieben den Wald, sie heizen und bauen gern mit Holz. Die Holzfällung ist für viele jedoch negativ besetzt. Dieter Stosik möchte das Verständnis der Bevölkerung für die Forstwirtschaft wecken. Die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit spiele dabei eine große Rolle – für Touristen wie Einheimische.

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Die Waldfamilientage der FBG Marktoberdorf und der FBG Füssen seien ein Beispiel, wie es funktionieren kann, mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Dabei veranstalten die forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse in einem landschaftlich interessanten Waldgebiet Aktionen und präsentieren Waldwissen für Groß und Klein.

Die Veranstaltung fand in den vergangenen Jahren bereits an markanten Streckenabschnitten wie dem Forstweg zur Drehhütte oder unterhalb der Burgruine Eisenberg statt. Mit großem Erfolg, wie Dieter Stosik sich freut. Viele Wanderer und Erholungssuchende hätten damals spontan mitgemacht und waren erstaunt über so viel Eigeninitiative der Waldeigentümer.

Botschafter des Waldes

„Jeder Waldbesitzer ist auch Botschafter des Waldes“, sagt Stosik. In Deutschland sind mehr als 50 % der Wälder in Privathand. In Bayern gibt es rund 700 000 Privatwaldbesitzer: Großes Potenzial verbunden mit Chancen und Herausforderungen. Ein nicht unerheblicher Teil der neuen Generation Waldbesitzer hat die Waldfläche vererbt bekommen. „Das Waldwissen dazu jedoch nicht“, sagt Stosik. Der durchschnittliche Kleinprivatwaldbesitzer bewirtschaftet eine Fläche von 1–2 ha. Doch auch bei kleinen Waldflächen braucht es das nötige Wissen für eine nachhaltige Bewirtschaftung.

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Daher bietet die FBG Füssen regelmäßig Grundwissenskurse an. Die Mitglieder bekommen dabei unter anderem die Grundlagen für den Waldumbau und die Jungwaldpflege vermittelt. Auch die Borkenkäfersuche ist unter anderem Teil der Fortbildung. Es gehe darum, die ersten Anzeichen für Kalamitäten in den Nutzwäldern zu erkennen und zu handeln.

Die Bundeswaldprämie unterstützt aktuell viele Waldeigentümer mit 100 €/ha Wald. Das Volumen des Konjunkturpakets beträgt insgesamt 500 Mio. € und soll die widrigen Umstände auf dem Holzmarkt im Sommer 2020 aufgrund von Sturm und Borkenkäfer ausgleichen.

Wald nicht nur Sorgenkind

Trotzdem möchte Stosik den Wald nicht nur als Sorgenkind verstanden wissen. „Der Wald ist sowohl Opfer des Klimawandels, als auch Teil der Problemlösung.“ Er verweist auf die Ökobilanz des Baustoffes Holz und der Holzenergie. Besonders im ländlichen und durch ein verbessertes Baurecht mittlerweile auch im städtischen Raum habe Holz ein enormes Potenzial, ist Stosik überzeugt.

Holz

Wald ist nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern bietet auch eine wertvolle Erholungsfunktion. Themenwege wie der Besinnungsweg in Nesselwang sind Beispiele, wie man Naturthemen in das Bewusstsein der Bevölkerung rückt. Es gehe um Wertschätzung für die Natur und den Wald, seine Pflege durch die Waldbesitzer und seine Nutzung, sagt Stosik.

Durch das freie Betretungsrecht der Natur gehe allerdings häufig das Bewusstsein der Freizeitsportler und Erholungssuchenden verloren, dass jeder Wald auch einen Eigentümer hat. Daher regt Stosik an: „Waldbesitzer brauchen ein Gesicht in der Öffentlichkeit.“

Ein neues Förderprojekt unter dem Dach der Forstbetriebsgemeinschaften bietet Waldbesitzern in der Waldbauernschule Bad Kehlheim eine eintägige Schulung für Waldführungen an. Diese Schulung zeigt, wie man öffentlichkeitswirksame Aktionen für Waldbesucher durchführen und so den Wald mit seinen Schutz- und Nutzfunktionen in den Fokus rücken kann. Auch die amtlichen Forstverwaltungen bieten Kurse zum zertifizierten Waldpädagogen an. Dabei stehen die Bildungsarbeit und Erlebnispädagogik im Vordergrund.

Wissen und Erlebnis

Ingrid Blum

Eine von ihnen ist Ingrid Blum. Sie betreibt das Waldseminarhaus Kinsegg (Bernbeuren). Sie ist selbst Privatwaldbesitzerin und ausgebildete Waldpädagogin und hegt seit klein auf eine besondere Beziehung zum Wald. Bei ihren jahreszeitlichen Führungen verknüpft Blum geschickt Wissen und Erlebnis zu spannenden, mehrstündigen Touren durch das beruhigende Grün.

Ihr Anspruch ist dabei immer zu vermitteln, achtsam mit dem Wald umzugehen und sich als Gast zu sehen. Denn der Wald sei in erster Linie Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sagt die Waldpädagogin. Bei ihren Erlebnisführungen für Groß und Klein möchte sie die Zusammenhänge in der Natur vermitteln – dazu gehört auch, den Wald als Klimaschützer zu begreifen.

„Wald ist immer auch Wandergebiet“, sagt Stosik. Hotspots im Ostallgäu sind aber nicht nur Waldgebiete rund um Seen und Schlösser. Campingplätze und Kurgebiete gehören ebenso dazu. Im Wald sei daher permanent was los. Probleme gebe es teilweise mit Müll. Die Abfälle stammen aber meistens nicht von Waldspaziergängern, denen Stosik mehrheitlich ein großes Umweltbewusstsein zuschreibt, sondern vor allem von rücksichtslosen Autofahrern entlang der Bundesstraße.

Richtig absperren

Eine ernstzunehmende Gefahr für Waldbesucher gibt es bei der Holzernte. Immer wieder komme es vor, dass Waldbesucher die Absperrbanner missachten und während der Fällung in Gefahrenzonen laufen. Stosik plädiert daher an alle Waldbesitzer, bei der Holzernte professionell abzusichern.

Absperrbanner Waldarbeiten

Dazu gehört eine ordnungsgemäße Sperre und oftmals auch ein Posten, der die Absperrung kontrolliert. Ist ein Wanderweg selbst im Gefahrenbereich müsse der Weg gesperrt werden. An dieser Stelle gibt es gute Kooperationen mit den Touristinformationsstellen der Gemeinden, sagt Stosik. Diese geben Sperrungen und Umleitungen wegen Waldbauarbeiten dann über ihre Kanäle – teilweise auch über Wanderapps - an Touristen und Erholungssuchende weiter. Stosik – selbst passionierter Wanderer – findet großen Gefallen an dieser Idee.

Mountainbiker sind Dieter Stosik nicht grundsätzlich ein Dorn im Auge. Problematisch werde es aber, wenn sich junge Leute im Wald private Downhill-Strecken bauen. „Ein Downhiller braucht Adrenalin, der fährt nicht den zwei Meter breiten Spazierweg“, gibt Stosik zu bedenken.

Haftung durch Duldung

Der Waldbesitzer steht mit in der Haftung, wenn er von Jugendlichen gebaute Rampen in seinem Wald duldet. Hinzu kommt: In Zeiten von Social Media ziehen Tourenvorschläge im Netz häufig viele weitere Leute an. Und auch Corona hat dem Individualsport noch einmal einen großen Schub gegeben.

Dieter Stosik

Die Nachbesserung im Bayerischen Naturschutzgesetz dürfte da vielen Waldbesitzern Erleichterung verschaffen. Dort steht nun schwarz auf weiß: Querfeldeinfahren (…) ist auch im Wald ohne Zustimmung des Eigentümers verboten. Das Radfahren (…) im Wald ist nur auf Straßen und geeigneten Wegen zulässig (Art. 30 BayNatSchG). Es obliegt den Unteren Naturschutzbehörden zu bestimmen, welche Wege für den Radsport geeignet sind. Grundsätzlich gilt eine Vorrangregelung für Fußgänger.

Der Besucherdruck ist auch für die Jäger eine Herausforderung, merkt Stosik an. Diese müssten nun ihre Strategien anpassen, um Abschusszahlen zu erfüllen und der Naturverjüngung im Wald eine Chance zu geben. Auch dieser Zusammenhang ist vielen Waldbesuchern nicht bewusst, ein weiteres Beispiel, warum Öffentlichkeitsarbeit rund um den Wald so wichtig ist.

Daten zur FBG Füssen

  • Gründung: 1969
  • Mitglieder: 927 ordentliche Mitglieder, 65 Fördermitglieder
  • Waldfläche der Mitglieder: 5635 ha
  • Jährl. Holzaufkommen Stammholz: 15 000 – 20 000 fm
  • Jährl. Holzaufkommen Hackgut: 5000 – 7000 srm
  • Jährl. Pflanzenbeschaffung: 20 000 Pflanzen, davon 50 % Mischbaumarten. Meist nur noch Ergänzung zur Naturverjüngung, nur noch selten werden reine Kahlflächen bepflanzt
  • Anzahl Waldpflegeverträge: 35
  • Betreute Waldfläche mit Waldpflegevertag: 297 ha
  • Leihmaschinen für Mitglieder: Holzspalter, Pfahlschälmaschine,
  • Zertifizierung: PEFC

Die Serie von Unser Allgäu stellt die forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse heute und morgen vor. Mehr Infos zur Serie finden Sie hier.

Im ersten Teil der Serie geht Ignaz Einsiedler auf die Veränderungen im Laufe der Zeit ein. Einsiedler gibt nach fast 50 Jahren den Vorsitz der WBV Kempten ab und kann auf einen starken Wandel im Wald zurückblicken, den Unser Allgäu beschreibt. Den Artikel über Ignaz Einsiedler finden Sie hier.

Im zweiten Titel lädt Andreas Täger, der Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Westallgäu, zu einem Rundgang ein. Hierbei wird deutlich, welche besonderen Wälder in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Hier finden Sie den Artikel.

Im dritten Teil geht es um die Forstreform, die inzwischen 15 Jahre her ist. Doch nicht immer ist nach wie vor nicht eindeutig, wer wofür zuständig ist. Roman Prestele klärt auf. Den Artikel finden Sie hier.