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Zuerwerb

Boom bei Wohnmobilen: Stellplätze auf Bauernhöfen gesucht

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Anja Kersten
am Dienstag, 31.05.2022 - 13:33

Das Bereitstellen von Wohnmobil-Stellplätzen auf Bauernhöfen soll einerseits erleichtert werden, andererseits gibt es viele rechtliche Hürden. Wir zeige die Probleme auf und sprechen mit Anbietern im Allgäu, wo das bereits funktioniert.

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Urlaub auf dem Bauernhof ist für Kinder immer ein Ereignis, ein Urlaub auf dem Campingplatz ebenso. Camping auf dem Bauernhof bringt beides zusammen. Das Interesse an Camping ist seit der Pandemie so groß wie nie zuvor. So hat sich die Zahl der zugelassenen Wohnmobile innerhalb eines Jahres fast verdoppelt. Waren es im Jahr 2019 5484 neu zugelassenen Wohnmobile und 3157 Wohnwagen, betrug ihre Zahl 2020 bereits 10 698 Wohnmobile und 5100 Wohnwagen. Insgesamt waren im Jahr 2020 675 000 Wohnmobile und 700 000 Wohnwagen in Deutschland zugelassen.

Längst reichen die Stellplätze für die große Zahl an Campingliebhaber nicht mehr. Denn in Deutschland gibt es nur 4000 Stellplätze, wie Julia Saller von der LfL bei der Online-Veranstaltung Info-Talk „Camping auf dem Bauernhof“ informierte.

Besitzer fragen verstärkt bei Landwirten nach

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Kein Wunder also, dass Wohnmobilbesitzer auch immer öfter mal bei Landwirten nachfragen, ob sie nicht einen Stellplatz haben oder für ein paar Tage auf dem Hof stehen können. So war es auch beim Bussjägerhof in Böbing, einem landwirtschaftlichen Betrieb mit Urlaub auf dem Bauernhof, der sechs Ferienwohnungen vermietet und seit letztem Jahr Stellplätze anbietet. Zwei waren es im letzten Jahr, in diesem Jahr sind es drei.

„Immer wieder kamen Anfragen, nicht nur von Gästen, sondern auch von Startups, ob wir nicht Stellplätze für Wohnmobile anbieten wollen“, blickt Steffi Erhard vom Bussjägerhof zurück.

Die Fläche für drei Stellplätze waren unterhalb des alten Stalles mit einem herrlichen Blick auf die Landschaft vorhanden. „Das passte zu der Struktur unseres Hofes“, sagt sie. Weil die Fläche sogar schon gekiest war, mussten sie nur noch verdichtet und Strom- und Wasserleitungen verlegt werden.

Toiletten und Duschen können die Camper in der Sauna und in einem Aufenthaltsraum für die Ferienwohnungen nutzen. Weitere Investitionen waren deshalb nicht nötig, schildert Steffi Erhard.

Baurecht beachten

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Doch bevor die ersten Wohnmobile und Wohnwagen auf dem Hof übernachten konnten, hat Familie Erhard bei der Gemeinde nachgefragt und nach einer positiven Zusage einen Bauantrag beim Landratsamt gestellt. Denn Landwirte dürfen auf ihrem eigenen Grund nicht einfach Stellplätze errichten und müssen das Baurecht beachten, machte Michael Kaiser, Experte im Landwirtschaftsministerium bei der Veranstaltung der LfL klar.

Doch diesen Weg sind nicht alle Landwirte gegangen, zum Teil aus Unkenntnis der komplexen rechtlichen Zusammenhänge, aber leider auch durch blauäugige und nicht in allen Fällen korrekte Beratung durch Campingfachleute, kritisierte er. „Leider gab es in dieser Hinsicht Fehlinformationen“, sagt auch Herbert Fink von der Schaubrennerei Fink in Opfenbach. Er hat bereits im letzten Jahr Stellplätze vor seinem Laden für 24 Stunden angeboten, in dem Glauben, es gäbe mit der gemeinsamen Bekanntmachung vom 1. August 2021 eine neue Regelung für Stellplätze und alles hätte seine Richtigkeit. Mittlerweile hat er einen Bauantrag gestellt.

Errichtung von Stellplätzen im Außenbereich bedarf immer einer Baugenehmigung

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Denn die Neufassung der gemeinsamen Bekanntmachung vom 1. August 2021 (GemBe), die wegen Camping und Wohnmobilstellplätzen in aller Munde war, wurde nicht im richtigen Kontext zitiert. Durch die GemBek wurden keine Gesetze geändert, machte Kaiser klar. „Es gibt keine neuen Regelungen für Wohnmobilstellplätze. Für die Anbieter hat sich nichts geändert.“

Die Errichtung von Stellplätzen im Außenbereich bedarf immer einer Baugenehmigung. Nach aktueller Rechtssprechung können einzelne Stellplätze oder ein Campingplatz nicht von einem landwirtschaftlichen Betrieb „mitgezogen“ werden und damit von der Privilegierung des landwirtschaftlichen Betriebes im planungsrechtlichen Außenbereich profitieren, erklärte er die Rechtslage. Das Merkmal eines Campingplatzes ist aber erst dann erfüllt, wenn mehr als drei Zelte, Wohnwagen oder Wohnmobile aufgestellt sind. Das bedeutet, dass drei Stellplätze möglich sind, erläuterte Kaiser die Rechtslage.

Aber auch diese sind genehmigungspflichtig, darauf wies Kaiser bei der Veranstaltung ausdrücklich hin. Wer für seine Stellplätze noch keinen Bauantrag gestellt hätte, sollte dies unverzüglich tun. In den allermeisten Fällen wäre diese unproblematisch zu bekommen, so Kaiser. Für die Stellplätze gelten darüber hinaus noch weitere Auflagen, wie Kaiser erklärte: Die dafür erforderlichen Sanitär- und sonstigen Einrichtungen sind nach Möglichkeit in bestehenden Räumlichkeiten unterzubringen, das äußere Erscheinungsbild eines landwirtschaftlichen Betriebes muss erhalten blieben und Dauercamper sind nicht erlaubt.

Immer auf Nummer sicher gehen

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„Immer auf Nummer sicher gehen und auf die Genehmigung warten“, rät auch Doris Ochsenreiter vom AELF Kempten, schon allein um den Nachbarn keine Angriffsfläche zu geben. Denn die zum Teil riesigen Wohnmobile, die auf schmalen Zufahrtswegen zum Hof fahren und auf dem Weg Autos oder landwirtschaftliche Fahrzeuge blockieren, werden nicht nur von Anwohnern, sondern auch von so manchen Berufskollegen nicht gern gesehen.

Auf den meisten Höfen ist Platz. Trotzdem sollte man sich im Vorfeld ein paar Gedanken machen, wo die Fahrzeuge stehen können. Die Fahrzeuge einfach auf der grünen Wiese abzustellen, macht zwar wenig Arbeit, ist eine denkbar schlechte Idee, so Doris Ochsenreiter. Bei den Wiesen handele sich um wertvolle Futterfläche und nach mehrmaligem Befahren sei die Fläche kaputt. Darüber hinaus gehe es auch darum, Verbrauchern die Landwirtschaft näherzubringen und da gehöre ein gepflegtes Erscheinungsbild des Hofes, eventuell auch Sitzplätze, dazu.

Platz zum Rangieren einplanen

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Ein Stellplatz, so Julia Saller von der LfL muss eine befahrbare und ebene Fläche bieten, Platz zum Einparken, Rangieren und „Wohnen“ haben und sollte Ruhe und Zugang zur Natur bieten. Etwa 5 – 6 Meter Platz für Campervans, Camping-Busse, Kastenwagen und 6 – 7,50 m für klassische Wohnmobile rechnet man. Rangierfläche kommt gegebenenfalls noch hinzu.

Die drei Stellplätze auf dem Bussjägerhof messen 9 x 10, 9 x 9 und 9 x 7. Auch die Frage, ob und wo sanitäre Einrichtungen angeboten werden könne, muss geklärt werden. Der Bussjägerhof nutzt die bereits bestehenden Einrichtungen der Sauna mit Dusche und Toilette und die Toilette des Gästehauses. Eine gewisse Infrastruktur sollte schon vorhanden sein, meint Steffi Erhard. Ist die Sauna allerdings von einer Familie belegt, können die Mieter der Stellplätze nicht duschen, so die Anbieterin. In der Vergangenheit sei das aber noch nie ein Problem gewesen. In der Regel seien Stellplatzmieter unkomplizierte Gäste.

Vorsicht bei Schnäppchenjägern

Herbert Fink von der Schnapsbrennerei Fink in Opfenbach vergibt seine Stellplätze nur an Gäste mit sogenannten autarken Wohnmobilen, das heißt die Gäste haben selbst eine Toilette. Auch einen Wasser- und Stromanschluss gibt es bei ihm nicht.

Eine Nacht dürfen die Gäste kostenlos bei ihm auf dem Stellplatz stehen, wenn sie bei ihm im Hofladen einkaufen. Einen Mindesteinkaufswert gibt es nicht. Die Kosten für die Stellplätze seien gering, das Risiko minimal und er müsse keine Rechnung schreiben. Er erhoffe sich damit mehr Umsatz und Werbung für seine Produkte aus der Schnapsbrennerei.

„Doch damit zieht man natürlich auch Schnäppchenjäger an“, warnt Doris Ochsenreiter, die nur einen kostenlosen Stellplatz suchen und dann im Hofladen ein paar Würstchen für drei Euro kaufen. „Das sind keine Verbraucher, die regelmäßig kommen.“

Absatzweg für Hofladen

Herbert Fink hat bisher nur gute Erfahrungen damit gemacht. Vielleicht läge es daran, dass er anders als andere Hofläden mit Produkten des täglichen Bedarfs wie Käse, Fleisch, Wurst, Gemüse und Obst lang haltbare Produkte verkaufe.

Er wisse von Berufskollegen, die vor ihrem Hofladen kostenlose Stellplätze angeboten hätten, inzwischen aber aus genau diesem Grund wieder damit aufgehört hätten. Um es so unkompliziert wie möglich zu machen, kann man die Stellplätze bei Herbert Fink nicht reservieren, sondern lediglich telefonisch anfragen, ob an diesem Tag noch etwas frei ist.

Probelauf für Gäste auf dem Bauernhof

Wer bereits Ferienwohnungen auf seinem Hof anbietet, ist Gäste gewohnt. Für Landwirte, die sich überlegen, neu in die Vermietung einzusteigen, kann Camping auf dem Bauernhof so etwas wie ein Probelauf sein. „Die Investitionskosten sind überschaubar und man kann einfach mal schauen, wie man mit den Gästen auf dem Hof zurechtkommt“, sieht es auch Doris Ochsenreiter.

Übersehen sollte man dabei nicht, dass versicherungstechnische Fragen geklärt werden müssen, wie zum Beispiel wer haftet, wenn den Kindern auf dem Hof etwas passiert und wo sich die Gäste aufhalten dürfen. Für die Vermietung muss eine Rechnung geschrieben werden. Das, aber auch die Pflege der Stellplätze, der eventuell genutzten sanitären Anlagen und die Bearbeitung der Anfragen kostet Zeit, gibt sie zu bedenken. Sie wende etwa eine Stunde pro Tag für die Reinigung der Dusche und der Toiletten auf, so Steffi Erhard, wenn die drei Stellplätze belegt sind.

Die Reservierungen der Stellplätze erfolgt über eine Hotelreservierungssystem. Wie den Gästen der Ferienwohnungen wird auch den Mietern der Stellplätze der Hof gezeigt und sie werden begrüßt. Auch das kostet Zeit. Der Bussjägerhof vermietet seine Ferienwohnungen deshalb nur wochenweise von Samstag auf Samstag und hätte das gern auch mit den Stellplätzen getan. „Es ist für uns, aber auch die Gäste auf dem Hof wesentlich entspannter, wenn weniger An- und Abreisen sind“, sagt Steffi Erhard. Doch Urlauber, die mit einem Wohnwagen oder Wohnmobil unterwegs sind, wollen oft nur wenige Tage oder sogar nur einen Tag an einem Ort bleiben, gibt sie ihre Erfahrungen weiter. Viele würden auch je nach Wetter spontan für ein Wochenende buchen. Insgesamt wäre die Dauer des Aufenthalts bei Stellplätzen auf jeden Fall kürzer als bei der Vermietung von Ferienwohnungen.

Wie passen Camper und Ferienwohungen zusammen?

Rund um den Hof des Bussjägerhof ist genug Platz, sodass es auch mit den zusätzlichen Gästen auf den Stellplätzen nicht zu voll ist. Denn genau wie die Gäste der Ferienwohnungen dürfen auch die Campinggäste den Spielplatz, die Spielscheune, die Sauna gegen Gebühr, den Schwimmteich und die Tische und Stühle nutzen.

Die Camper können allerdings auch unter sich bleiben, denn die Stellplätze liegen getrennt etwas unterhalb der Ferienwohnungen. „Gerade Anbieter von hochwertigen Ferienwohnungen, bei denen die Nacht 100 € und mehr kostet, sollten sich gut überlegen, ob die Vermietung von Stellplätzen zu ihnen passt“, rät Doris Ochsenreiter und man damit nicht diese Gäste vor den Kopf stoße.

Nicht unter Wert verkaufen

Genau wie der Preis für Ferienwohnungen muss auch der Preis für die Stellplätze kalkuliert werden. „20 Euro für einen Stellplatz inklusive Strom- und Wasseranschluss sowie Sanitäreinrichtungen, wie es manche Landwirte verlangen, könne auf keinen Fall kostendeckend sein“, weiß Doris Ochsenreiter.

Da würden sich die Landwirte zu billig verkaufen. Abhängig von der Ausstattung, Angebot, der Lage sollte ein Preis von 30 bis 50 Euro für zwei Personen pro Stellplatz verlangt werden, für jede weitere Person von 2 bis 14 Jahren acht bis zehn Euro, so Julia Saller. In diesem Bereich bewegen sich auch die Preise beim Bussjägerhof, 55 Euro in der Nebensaison, 60 Euro in der Hauptsaison für vier Personen inklusive Strom- und Wasseranschluss sowie Sanitärbenutzung kostet ein Stellplatz. Frühstück und Brötchenservice kann dazu gebucht werden. Das Frühstücksangebot werde aber eher weniger genutzt, so Steffi Erhard.

Die Kosten für die Stellplätze sind zwar gering, trotzdem sollte man vorher überlegen, ob das Angebot zu einem selbst und dem Betrieb passt und ob man noch Arbeitskapazitäten frei hat, so der Rat von Doris Ochsenreiter. „Dann ist Camping auf dem Bauernhof eine gute Möglichkeit, neue Zielgruppen wie junge Familien anzusprechen und ihnen einen Einblick in die Landwirtschaft zu geben.“