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Regenerative Energieträger

Biogas: Das Potenzial ist da

Als eine von rund 230 Anlagen in der Bundesrepublik veredelt die Biogasanlage der Bioenergie Reimlingen GmbH im Landkreis Donau-Ries Biogas zu Biomethan und speist es in das Erdgasnetz ein.
Patrizia Schallert
am Montag, 14.11.2022 - 10:13

Die Politik schien lange zu schlafen und hat auf der Suche nach Alternativen zum russischen Erdgas erst jetzt das Potenzial der Veredelung von heimischem Biogas zu Biomethan erkannt.

An der Biogasanlage bei Reimlingen machten sich Behördenleiter Dr. Reinhard Bader (r.) und Landtechnik- Berater Hannes Geitner (2. v. l.) vom AELF Nördlingen-Wertingen ein Bild von den Chancen der Biomethanproduktion. Die Gesellschafter der Bioenergie Reimlingen GmbH erläuterten beim Rundgang ihre Anlage Klaus Schneele, Thomas Hurler und sein Sohn Thomas, Karl-Heinz Geiß (v. l.). Auf dem Bild fehlen die Gesellschafter Michael Kohnle und Jürgen Wörle.

Jeder redet von der Energiekrise und macht sich Gedanken, ob wir im Winter wohl ausreichend mit Energie versorgt sein werden“, sagte AELF-Chef Dr. Reinhard Bader bei einem Besuch der Biogasanlage der Bioenergie GmbH in Reimlingen im Landkreis Donau-Ries. Die Politik dagegen schien lange zu schlafen und habe auf der Suche nach Alternativen zum russischen Erdgas erst jetzt das Potenzial der Veredelung von heimischem Biogas zu Biomethan erkannt.

Die Bioenergie Reimlingen erzeugt schon heute jährlich 54 Mio. kWh Biomethan. Damit lässt sich der Wärmebedarf von 1800 Vier-Personen-Haushalten decken. Neben der Kraft-Wärme- Kopplung ist die Aufbereitung von Biogas zu Biomethan ein weiterer, folgerichtiger Entwicklungsschritt, den im Donau-Ries-Kreis bereits drei Gemeinschaftsbiogasanlagen vollzogen haben. Sie könnten, so Bader, dazu beitragen, dass die Gesellschaft eine höhere Akzeptanz gegenüber der Biogasbranche an den Tag legt.

CO2-neutraler Energieträger

Das Blockheizkraftwerk der Biogasanlage produziert jährlich 2,5 Mio. kWh Wärme für das Krankenhaus Nördlingen und 4 Mio. kWh Strom, was dem Bedarf von 1300 Vier-Personen-Haushalten entspricht.

Biomethan sei ein CO2-neutraler Energieträger, außerdem könne es in der Region produziert werden. Die deutsche Biogasbranche wäre theoretisch in der Lage, zwei Fünftel des ehedem aus Russland importierten Erdgases zu ersetzen, lässt der Fachverband Biogas verlauten.

Das Hauptsubstrat sei zwar auch bei Biomethan- Anlagen wie bei den meisten größeren Biogasanlagen der Mais, aber von einer Vermaisung der Landschaft könne zumindest in Nordschwaben keine Rede sein. Im Donau-Ries-Kreis mit seinen 100 Biogasanlagen belaufe sich die Maisfläche auf weniger als ein Drittel der gesamten Ackerfläche. Im Nachbarlandkreis Dillingen werden deutlich weniger Biogasanlagen betrieben.

Abwärme zum Heizen

60 % der Donau-Rieser Biogasanlagen liefern Heizenergie über Wärmenetze. Mit einer elektrischen Gesamtleistung seiner Biogasanlagen von rund 90 000 KW sei der Landkreis Donau-Ries schwabenweit führend. „Hier gibt es schon von jeher viele innovative Betriebe“, sagte Bader. Allerdings gehöre dazu auch ein hohes Maß an Risikobereitschaft, da die Investition in eine Biogasanlage sehr kapitalintensiv sei.

Wie das unternehmerische Risiko, so verteilt sich auch der Gewinn bei der Bioenergie Reimlingen auf fünf bäuerliche Betriebe in der Umgebung. Im Vergleich zu fünf Einzelanlagen habe die Gemeinschaftsanlage unabweisbare Vorteile, betont Geiß. Er sieht keine Konkurrenz um das Substrat, keine Zersiedelung der Landschaft, bei Krankheit oder Unfall gebe es eine hohe Betreuungssicherheit und die Aufgabenbereiche seien auf die Gesellschafter verteilt. Außerdem habe eine große Anlage ein vielfältiges Entwicklungspotenzial.

Zu den Vorteilen der Reimlinger Anlage gehört auch ihre große Flexibilität. Sie orientiert sich an der aktuellen Nachfrage und den Preisen auf dem Energiemarkt und kann mehr oder weniger Gas, Strom und Wärme produzieren.

Produktion von Biomethan

Weil die Bioenergie Reimlingen im Sommer keinen Abnehmer für ihre Wärme findet, entdeckten die fünf Landwirte mit der Biomethan-Produktion eine Alternative. Vor neun Jahren schlossen sie mit der „Landwärme GmbH“ in München einen Rohgasliefervertrag ab. Für das Gasversorgungsunternehmen errichtete der Erdgasverteilnetz-Betreiber „Schwaben Netz“ neben der Biogasanlage eine Verdichter- und Verteilstation und sorgte für die erforderlichen Gasleitungen zum Anschluss an das Gasnetz.

In der Station werden stündlich bis zu 700 m³ Biomethan erzeugt. Dazu wird das Biogas durch Aktivkohlefilter entschwefelt und im weiteren Veredelungsprozess dem Biogas über feine Membranen Kohlendioxid entzogen. „Öl, Erdgas, Kohle und Uran sind endlich, 75 % der in Deutschland benötigten Energie werden importiert“, sagt Karl-Heinz Geiß, einer der Gesellschafter der Bioenergie Reimlingen. „Das führt zu Abhängigkeit, Erpressbarkeit und letztlich zu Wohlstandsverlust.“

Doch die hohen Energiepreise ließen jetzt ein Umdenken in Richtung erneuerbare Energien erkennen. Hier leistet die Reimlinger Anlage seit mehr als 15 Jahren Vorbildliches, indem sie jährlich 4 Mio. kWh Strom für 1300 Vier-Personen-Haushalte und 2,5 Mio. kWh Wärme für das Nördlinger Stiftungskrankenhaus produziert.

Rund 250 000 l Heizöl

Mit diesem Wärmekonzept werden Jahr für Jahr rund 250 000 l Heizöl eingespart. Zudem liefere die Anlage wertvollen Dünger „für eine Fläche von 1000 ha.“ Sowohl bei der installierten Gesamtleistung als auch bei der Flexibilisierung seiner Biogasanlagen ist der Donau-Ries-Kreis führend in Schwaben, erklärte Landtechnik- Berater Hannes Geitner vom AELF Nördlingen-Wertingen. 65 % der hiesigen Anlagen passten ihre Stromproduktion an die Nachfrage und die aktuelle Preissituation auf dem Energiemarkt an.

Nach dem Auslaufen der auf 20 Jahre festgeschriebenen EEG-Vergütung werden ihnen jedoch nurmehr 45 % ihrer installierten Leistung über das EEG vergütet. In der Folge werde sich, so Geitner, die Stromerzeugung absehbar stark reduzieren. „Dadurch gehen im Landkreis 31 % der Dauerleistung verloren.“ Dazu kommen noch die stark gestiegenen Produktionskosten.

Das Erneuerbare Energien Gesetz 2023 bringe zwar wichtige Verbesserungen für die Biogasbranche mit sich, sorge aber auch nicht für entscheidende Anreize, sondern eher für neue Blockaden, unter anderem durch sehr geringe Vergütungssätze. „Die Biogasanlagen brauchen zusätzliche Einkünfte über die EEG-Vergütung hinaus.“ Die Strom- und Energiemärkte eröffneten hier gute Perspektiven. Andererseits werde die Biogasbranche durch die Anforderungen der Genehmigungsbehörden, durch fehlende oder falsche politische Signale und den hinterherhinkenden Ausbau der Stromnetze in ihrer Weiterentwicklung behindert. So kommt es laut Geitner, dass im gesamten Landkreis Donau-Ries die Entwicklung der Biogasanlagen auf der Stelle tritt.