Lebensmittel

Die Biobranche boomt

Kartoffelverkauf
Susanne Lorenz-Munkler
am Montag, 10.05.2021 - 16:38

Seit der Coronapandemie greifen die Verbraucher mehr zu Bioprodukten. Dr. Günter Räder, Teamleiter Allgäu bei Bioland, erklärt die aktuellen Entwicklungen und Trends.

Kempten „Corona lässt noch mehr Menschen zu Bio greifen.“ Das betont der Branchen-Report 2021 der ökologischen Lebensmittelwirtschaft. Seit Beginn des Lockdowns im März 2020 hätten die Kunden für rund 24 % mehr Umsatz bei Biofrischeprodukten gesorgt. Im letzten Jahr hat der Zuwachs bei der Erzeugung von Biomilch in Deutschland 4,2 % betragen. In Bayern wurde bei 3,4 % Steigerung trotzdem mit 19,6 Mio. kg der absolut größte Zuwachs an Biomilch erfasst.

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Die Gesellschaft für innovative Marktforschung nennt Gründe: „Die Sehnsucht nach einer Realisierung, einer Rückbesinnung und Rückbildung an eine intakte lokale Umwelt ist größer geworden.“ Die Menschen wollen konsumieren und dabei ein gutes Gewissen haben. Fast zwölf Milliarden Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für Biolebensmittel aus. Spüren das auch die Ökologischen Anbauverbände in der Region? Unser Allgäu sprach darüber mit Dr. Günter Räder, Teamleiter Allgäu bei Bioland.

Unser Allgäu: Erleben Sie einen Zulauf an umstellungswilligen Betrieben aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach Biolebensmitteln?
Räder: Und wie. Schon im Jahr 2015 hatten wir das erlebt. Durch das damals neue Kulap und die Beendigung der Milchkontingentierung 2014. Das hatte zur Folge, dass der konventionelle Milchpreis weit unter 30 ct sank. Im Januar 2018 hatten wir 35 % mehr Biomilch als im Januar 2017. Die Hälfte der bundesweiten Biomilch wird in Bayern produziert und davon wiederum die Hälfte im Allgäu. Die Molkereien haben uns damals nicht an die Wand laufen lassen und das kurzfristige Überangebot nicht ausgenutzt, um den Preis zu drücken. Den Anstieg der Biomilchmenge hat der Markt also verkraftet. Aktuell suchen die Molkereien wieder Biomilch. Diese Signale waren vor einem halben Jahr allerdings stärker. Das hat mit der Saisonalität der Biomilchmenge zu tun. Wenn die Kühe auf die Weide kommen, steigt die Milchmenge enorm. Die Saisonspitze der Milchlieferung ist Ende Mai zu erwarten. Vorher werden die Molkereien vorsichtig sein, mit neuen Lieferanten Verträge abzuschließen. Besonders offensiv waren vor allem die großen Biomilch-Molkereien, etwa die Allgäu Milch Käse eG, die Molkerei Scheitz, das Milchwerk Bad Wörishofen (Vache Bleu), die Allgäuer Hof-Milch oder auch die MVO Rückholz und das Gabler-Saliter Milchwerk. Aber auch kleine Verarbeiter in der Region und Sennereien haben neue Lieferanten aufgenommen.
Unser Allgäu: Könnte es sein, dass der Markt mit Biomilch überschwemmt wird?
Räder: Wir erleben derzeit einen gigantischen Nachfragezuwachs, sowohl bei der Milch als auch beim Fleisch. Die Biobetriebe, die bereits 2015 und davor umgestellt hatten, haben ihre betrieblichen Abläufe bereits optimiert, so dass heute in diesen Betrieben keine Zuwächse an Biomilch mehr erzielt werden. Wir haben eine Biorindfleischvermarktung begonnen und Verträge mit einem großen Lebensmitteleinzelhändler geschlossen. Jetzt bekommen wir die Schlachtkühe nicht her, die wir zugesagt haben. Wir sollten alle 14 Tage 35 Kühe liefern, und haben ständig Untermenge. Eine Situation, die ich nie für möglich gehalten hätte. Der Biorindfleischmarkt ist leer, obwohl die Preise oberhalb von dem liegen, was wir veranschlagt haben. Wir sind derzeit bei einem Schlachtkuhpreis von über 4 € pro kg Schlachtgewicht. Das ist eine Situation, die für uns neu ist. Trotzdem hakt es in dem Bereich Kälbervermarktung immer noch. Der Aufbau einer regionalen Kälbermast wurde erst jetzt von der Ökomodellregion angeregt und ist schon lange überfällig. Die Nachfrage nach regionalem Biokalbfleisch ist da. Zusätzlich müssen in den Milchviehbetrieben Fresser aufgezogen werden. Hier fehlen die Erzeuger und die Mäster. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir genug Tiere in diese Richtung schieben können. In Sachen Fressererzeugung fehlt es in den Betrieben oft an Stallplatz, um professionell einzusteigen. Und wir brauchen mehr mastfähige Fresser. Nur so kann eine Mastfärse mit 27 Monaten zum Schlachten gehen. Wenn ich im Moment 5,30 € pro kg Schlachtgewicht bekomme, dann geht die Rechnung auf. Für 1,50 € am Tag kann ich mit unseren Weidesystemen mästen, wenn’s der Stallplatz hergibt. Wir müssen mehr in diese Richtung gehen, damit wir eine optimale Grünlandverwertung auch in Zukunft bekommen. Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Milchkühe im Allgäu zurückgehen wird. Auf den frei werdenden Grünlandflächen besteht die Möglichkeit, mit der Bioweidemast reinzugehen. Corona unterstützt diesen Trend im Moment massiv. Ich sehe da eine große Chance für unsere Region.
Unser Allgäu: Ist die Bioweidemast keine Konkurrenz zur Mutterkuhhaltung?
Räder: Bei der Mutterkuhhaltung habe ich das Problem, dass ich immer die Kuh mitziehen muss. Betriebswirtschaftlich gesehen als reinen Kostenfaktor. Die Weidemast ist dem wahrscheinlich wirtschaftlich überlegen. Da muss ich bei der Nachzucht in den Milchviehherden lediglich systematisch einkreuzen. Beide Haltungsformen können durchaus nebeneinander leben, ohne sich zu schaden.
Unser Allgäu: Viele wollen aufgrund der gesteigerten Nachfrage jetzt umstellen – aus rein wirtschaftlichen Überlegungen. Wie sehen Sie das?
Räder: Wir als Anbauverband schauen genau hin, aus welchen Gründen Betriebe umstellen wollen. Bei manchen Landwirten ist das von deren Einstellung her nur schwer vorstellbar. Da haben wir als Verband schon ein Mitspracherecht. Fakt ist aber auch: Der Bedarf an Bio steigt, wir brauchen neue Betriebe und auch im Biolandbau ist eine wirtschaftliche Ausrichtung nicht zu unterschätzen. Unser Fehler: Wir haben uns lange nur auf die Milch fokussiert und über Jahre hinweg die Fleischseite nicht genau beobachtet. Jetzt haben wir plötzlich einen sensationellen Auszahlungspreis von 4 € und mehr und bekommen das Fleisch nicht her. Es sind sehr viele Betriebe, die sich zur Zeit auf den Weg gemacht haben umzustellen. Aber das dauert, bis diese Betriebe Fleisch liefern können. Mehr als die Hälfte der Landwirtschaftsschüler in Kempten kommen derzeit aus Biobetrieben. In zehn Jahren möchte ich jedenfalls 50 bis 70 % Biobauern in der Region sehen. Vor sieben Jahren, als ich hier angefangen habe, hätten mir viele bei diesem Satz den Vogel gezeigt.
Unser Allgäu: Welche Möglichkeiten sehen Sie, den derzeitigen Bioboom für die Zukunft zu nutzen?
Räder: Wir vermuten stark, dass im Außer-Haus-Verzehr relativ wenig auf biologische Erzeugung der verarbeiteten Nahrungsmittel geachtet wird. Wenn es irgendwann wieder im größeren Stil zum Außer-Haus Verzehr zurückschwappt, können wir nicht einschätzen, wie der Markt sich weiter entwickelt. Bestenfalls könnte es sein, dass die Menschen, die Bio für sich entdeckt haben, Druck auf die Kantinen machen. Auch im Gastronomiebereich könnte die Nachfrage steigen, denn Bio ist nicht nur eine Philosophie, sondern auch eine Entscheidung für Qualität und Geschmack. Der Gastrobereich und Kantinen müssen intensiv beworben werden.
Unser Allgäu: Wohin wird sich der Biomilchpreis in Zukunft bewegen?
Räder: Am Jahresanfang 2021 waren wir auf dem gleichen Preis wie 2015: 50 ct Auszahlungspreis. Die Kosten für die Landwirte sind aber insgesamt höher geworden. Wir kämpfen auf der verbandspolitischen Ebene darum, den Bioland-Milchpreis auf 60 ct zu erhöhen. Es muss mehr Geld in die Urproduktion fließen. Damit könnten wir auch der neuen Bedarfssituation Rechnung tragen und unsere Bauern hätten Geld um zu investieren und zum Beispiel mehr Biofresser aufzuziehen, weil sie dann die fehlenden Platzkapazitäten im Stall schaffen können. Der Klimawandel und die Pandemie bieten ein ideales Zeitfenster um den Biolandbau voranzutreiben. Vor allem die jungen Menschen fragen nach Bio.