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Bio: Wohin mit den wertvollen Kälbern?

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Margarete Schreyer
am Montag, 05.08.2019 - 12:13

Um die Vermarktung von Ökokälbern ging es bei einem Fachtag des Anbauverbandes Gäa e. V. in Frankenried.

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Mauerstetten/Lks. Ostallgäu - Nach der mager besuchten Regionalversammlung am Vormittag, konnten Fachberater Ulrich Hampl und Ute Baumbach vom Gäa-Verband ab Mittag doch zahlreiche Landwirte und Bäuerinnen, auch aus anderen Bio-Anbauverbänden, begrüßen.

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Dass den Biobetrieben dieses Thema auf den Nägeln brennt, wurde bei der Fragerunde zu Beginn schnell deutlich. Einige Teilnehmer berichteten von Versuchen, selbst Fresser aufzuziehen oder Kälber zur Direktvermarktung von Kalbfleisch zu mästen. Sie leisten damit bereits Pionierarbeit in den Bereichen Arbeitswirtschaft und finanzieller Machbarkeit. Andere machen es sich leichter und konfrontierten die Anbauverbände vor allem mit der Forderung, eine funktionierende Kälbervermarktung auf die Beine zu stellen. Das Fazit der Veranstaltung zeigte jedoch deutlich: Der Aufbau einer Ökokälbervermarktung muss von unten her wachsen. Dabei sind Kreativität und Vorleistung jedes einzelnen Biobetriebs unabdingbar.

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In der Regel verlassen Biokälber, die auf Milchviehbetrieben geboren und nicht für die Bestandsergänzung benötigt werden, wenige Wochen nach der Geburt den Betrieb und werden teilweise über weite Strecken zu spezialisierten, konventionellen Mastbetrieben transportiert. Dies ist aus Sicht des Biolandbaues nicht nur ethisch unbefriedigend, sie gehen damit auch dem Bio-Markt verloren. Zudem verursacht die Fütterung der Kälber mit gut bezahlter Biomilch hohe Aufzuchtskosten, die durch den Verkaufserlös derzeit in keinster Weise gedeckt werden.

„Die Kälbervermarktung im Ökobereich ist eine große Herausforderung für die Praxis“, betonte auch der langjährige Biobauer Norbert Wiedemann aus Frankenried. Für einen Erfolg bedürfe es enger Kooperationen in der Region, wie beispielsweise dem Günztalprojekt, den Ökomodellregionen oder mit regionalen Vermarktern wie Feneberg, V-Markt oder Metzgereien. Er habe einen „Restoptimismus“, dass eine Aufzucht mit Ammenkuhhaltung die Kosten im Rahmen halten könnten, machte Wiedemann deutlich.

Mit Unterstützung der Öko-Modellregion Oberallgäu Kempten finden sich seit längerem Biomilchbauern und Weidemäster zusammen und arbeiten an einem Konzept für regionale Aufzucht, Verarbeitung und Vermarktung der Biokälber. „Wir reden hier von rund 5000 männlichen und 2000 bis 3000 weiblichen Kälber“, berichtete Beate Reisacher, Geschäftsführerin der Öko-Modellregion Oberallgäu Kempten und selber aktive Bäuerin. Der Anspruch sei, den Kreislauf so zu gestalten, dass alle dabei gewinnen: Tiere, Natur, Bauern und Verbraucher.
Für die Vermarktung wollte man eigentlich bereits bestehende Strukturen wie die EG Schlachtvieh Allgäu oder die Firma Feneberg nutzen. Diese Bemühungen seien jedoch am Preis gescheitert, denn nach der dreimonatigen Tränkephase müsste das Biokalb 900 € kosten. Für auslaufende Betriebe wäre die Aufzucht von Schlachtkälbern an der Amme eine Alternative zur Mutterkuhhaltung oder Jungviehaufzucht. Reisacher forderte die Biobauern auf, in diesem Zusammenhang auch die Zuchtstrategien zu überdenken und möglicherweise wieder mehr auf Zweinutzungsrassen zu setzen.
„Für die bestehenden Vertriebswege ist das Fleisch von Ökokälbern zu teuer, deshalb muss es einen Zusatznutzen haben“, betonte Reisacher. Gerade der kritische Biokunde will wissen wie das Tier gehalten wurde und ob es stressfrei geschlachtet wird. Auch Kriterien wie kuhgebundene und kraftfutterfreie Aufzucht, Weidehaltung oder Horn tragende Tiere können ein solcher Zusatznutzen sein. Und: „Wir müssen im Biobereich wieder mehr über Werte diskutieren“, so Reisacher. Dies könne mitunter zwar schmerzhaft werden. Diese Wertediskussionen werde aber in den nächsten Jahren auf alle Erzeuger zukommen wird, erwartet Reisacher. „Gut, wenn wir dann schon einen Schritt voraus sind“.
Das jetzige System, in dem der Landwirt billig produzieren soll und einige weltweit agierende Großkonzerne das große Geld mit Lebensmitteln machen, könne nur verändert werden, wenn die Bauern selber etwas dagegen tun. „Dazu müssen wir den Mut haben“, forderte Reisacher. Es sei zudem besonders wichtig, dem Verbraucher immer wieder klar zu machen, dass die Erzeugung von Milch nicht ohne die Erzeugung von Fleisch möglich ist.
Wie ein alternativer Vertriebsweg, der komplett in bäuerlicher Hand ist, aussehen kann schilderte Rolf Holzapfel von den „Demeter HeuMilch Bauern“. Hinter diesem Namen steht eine Erzeugergemeinschaft (EG) mit aktuell 31 Landwirten aus den Regionen Bodensee, Allgäu, Linzgau und Oberschwaben. Sie erfassen und vermarkten nicht nur ihre Demeter Heumilch in der Region in Eigenregie, sondern kümmern sich auch darum, dass die Milch ihrer horntragenden Kühe von handwerklich arbeitenden Molkereien zu besten Heumilchpodukten verarbeitet wird. „Weil unsere Erzeugergemeinschaft die Produktion auslagert und nur den Rohstoff Milch an die Verarbeiter liefert, sind wir breit aufgestellt und können eine umfangreiche Produktpalette anbieten“, berichtete der Landwirt.
Bei insgesamt 1500 Kühen stelle sich bei den EG-Mitgliedern nicht nur die moralische, sondern auch die Vermarktungsfrage: Wie gehen wir mit unserer Bullenkälbern um? Weil Biokälber generell schwer zu vermarkten sind, setze die Gemeinschaft auch hier auf das Alleinstellungsmerkmal bei der Produktion, wie beispielsweise horntragende Kühe, Heumilch oder mutter- und ammengebundene Aufzucht. „Manche halten zehn Milchkühe weniger und behalten dafür die Bullenkälber“, so Holzapfel.
Die Vermarktung des hochpreisigen Kalbfleisches in Metzgereien sei schwierig und auch im Naturkostfachhandel können die anfallenden rund 20 Kälber in der Woche nicht verkauft werden. Deshalb bleibe derzeit für die EG nur der Lebensmitteleinzelhandel als Vermarktungspartner. Laut Holzapfel ist die Resonanz im Handel bisher „riesengroß“, ob sie anhält werde sich zeigen. Die Devise der Demeter HeuMilch Bauern lautet: Egal ob im Milch- oder Fleischbereich, wichtig ist es, ein Alleinstellungsmerkmal aufzubauen um einen Rohstoff zu haben der nicht austauschbar ist, auch wenn davor eine Handelsmarke steht. „Um ein Premiumprodukt im Kühlregal platzieren zu können ist jedoch auch Ehrlichkeit und gleichbleibende Qualität notwendig“, so Holzapfel. Margarete Schreyer