Milchviehtag

Wer bezahlt das Mehr an Tierwohl?

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Toni Ledermann
am Dienstag, 11.01.2022 - 17:45

Das Tierwohl spielt eine immer größere Rolle. Doch der Spagat zwischen einer tierwohlgerechten Produktion und dem preissensiblen Einkaufsverhalten ist eine Herausforderung.

Biberach/Oberschwaben In einer gut besuchten Online-Veranstaltung zum Thema „Milchviehhaltung – die Herausforderungen fest im Blick“, veranstaltet vom Landwirtschaftsamt Biberach und dem Milchviehberatungsdienst Biberach-Sigmaringen, bezogen Experten einen Nachmittag lang Stellung zu wichtigen Zukunftsfragen. Moderiert wurde der Milchviehtag, an dem auch die Studierenden der Fachschule für Landwirtschaft teilnahmen, von der Leiterin des Sachgebietes Tierhaltung, Patricia Seele. Knapp 2000 Landwirte erzeugen im Landkreis Biberach auf etwa 80 000 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche rund 10 Prozent der Agrarprodukte von Baden-Württemberg. Das Landwirtschaftsamt betreut diese Betriebe auch im Bereich Beratung und Bildung.

Ob, und wenn ja wie, der so genannte „Borchert-Plan“ einen gangbaren Weg in die Zukunft aufzeigt, stellte Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, der Präsident des Thünen-Instituts, Braunschweig, vor. Das „Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung“, die so genannte Borchert-Kommission, habe verschiedene Vorschläge gemacht, wie der Umbau der Nutztierhaltung umgesetzt und vor allem finanziert werden kann. Die Studie zeige, welche Handlungsoptionen bei der Finanzierung und bei der Förderung des Umbaus der Nutztierhaltung in Deutschland rechtlich möglich sind, erinnerte Isermeyer an die jüngsten Vorgaben, und bekräftigte, dass die Kosten für den tierwohlgerechten Umbau der Ställe sowie die höheren laufenden Kosten ausgeglichen werden müssen. Er riet insbesondere Junglandwirtinnen und -landwirten, die vom Borchert-Plan ausgehenden Schlüsse intensiv zu verfolgen, da sie auf alle weiteren wichtigen Entscheidungen Einfluss haben.

Tierwohl spielt größere Rolle

Isermeyer legte zudem dar, dass das Thema Tierwohl in der Wissenschaft seit etwa 2010 eine immer größere Rolle spiele. „Es gab damals einen Paradigmenwechsel in der Nutztierhaltung. Es wurde klar, dass Tierhaltung die gesellschaftliche Anerkennung braucht.“ Neben den Schweine- und Geflügelhaltern sind nun auch die Rinderhalter von der Tierwohldebatte nicht mehr ausgeklammert. Mit dem vom Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung vorgeschlagenen Plan gebe es erstmals einen gesamtheitlichen Ansatz zum Umbau der Tierhaltung, um Standards mitzubestimmen.

Der viel diskutierte Strukturwandel, sagte Isermeyer weiter, laufe im Grunde Richtung Tierwohl. Die jungen Hofnachfolgerinnen und -nachfolger gingen den Schritt aus der Anbindehaltung oder älteren Laufställen heraus und investierten in neue Boxenlaufställe oder entsprechende Umbaulösungen, in denen die Umsetzung des gesellschaftlich geforderten Tierwohls leichter möglich ist. Der Grund liege letztlich auch darin, dass „der Milch die Nachfrage nicht wegläuft“, wie Isermeyer sagte. „Wenn aber Stillstand auf den Höfen herrscht, hilft es dem Tierwohl nicht“, sagte der Experte deutlich.

Planungssicherheit ist notwendig

Damit gut ausgebildete und motivierte junge Landwirtinnen und Landwirte den Spagat zwischen dem Wunsch nach einer tierwohlgerechten Milch- und Fleischproduktion und dem am Ende doch preissensiblen Einkaufsverhalten schaffen, sei absolute Planungssicherheit notwendig. „Wenn Deutschland will, dass sich die Tierhaltung verändert, braucht es eine klare Orientierung und vor allem Geld“, forderte Isermeyer. Vor dem Hintergrund immens steigender Baukosten und jährlich höherer Ausgaben für Produktionsmittel, sowie dem mit mehr Tierwohl einhergehenden oft auch höheren Arbeitsaufwand und der zusätzlich fehlenden politischen Perspektive könne – trotz hoher Motivation der Landwirtinnen und Landwirte – nicht so einfach in mehr Tierwohl investiert werden. „Das ist Gift“, machte Isermeyer deutlich. Er warf gleichzeitig die Frage auf: Woher soll das Geld für den geforderten Umbau der Tierhaltung kommen?

Folkhard Isermeyer

In der vergangenen Legislaturperiode habe die Regierung ihren Fokus auf die Haltungskennzeichnung von Produkten gelegt. Diese Kennzeichnung bringe nur dann etwas, hält Isermeyer fest, wenn der Lebensmitteleinzelhandel nicht gekennzeichnete Ware aus den Regalen nimmt. Jedoch lasse sich mit der Haltungskennzeichnung alleine kein kalkulierbares Zusatzeinkommen für die Tierhalterinnen und Tierhalter generieren.

Die Erfahrung aus dem Bereich der Legehennenhaltung, in dem die verpflichtende Kennzeichnung der Eier bereits seit 2005 besteht, zeige zwar, dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher zu den teureren Eiern greifen, „aber eben nicht alle“, fuhr der Experte fort. Zu viele Beschränkungen könnten die Tierhaltung ins Ausland verlagern, ohne dass der Tierschutz verbessert wäre. Auch die Borchert-Kommission sei nach quälender Diskussion zu dem Schluss gekommen, dass bei offenen Märkten keine Waren zurückgehalten werden können. Es bleibe nur eine einzige Möglichkeit, wenn ein Land Tierwohl durchsetzen will: Den Landwirten die Tierwohlleistungen direkt bezahlen, und zwar mit der Tierwohlprämie.

Die dafür im Raum stehenden 100 Mio. € würden dafür aber nicht ausreichen, machte der Fachmann klar. Für den gesamten Tierwohlbereich sei es erforderlich, diese Gelder gewaltig zu erhöhen. Notwendig wären vom Lebensmitteleinzelhandel 3 Mrd. € pro Jahr. Um Tierwohl voranzutreiben, könnte man sich auch eine Investitionsförderung vorstellen. Jedoch hätte dieser Weg „verheerende Folgen“, wie Isermeyer sagte, da eine Investitionsförderung zur Durchsetzung von mehr Tierwohl ausschließlich die Baumaßnahme fördere, nicht jedoch die jährlich entstehenden Mehrkosten. Die einfachste Möglichkeit der Gegenfinanzierung wäre eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von bisher sieben Prozent auf Milch- und Fleischprodukte auf künftig 19 Prozent, oder eine gesonderte Verbrauchssteuer, erklärte Isermeyer. Nur dann könne mehr Tierwohl erreicht werden kann, wenn die Landwirte für ihre Tierwohl-Arbeit über einen langfristigen Vertrag mit dem Staat abgesichert sind. „Der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt. Es bleibt abzuwarten, wie die neue Bundesregierung mit der geleisteten Vorarbeit umgeht.“ Den jungen Hofnachfolgerinnen und -nachfolgern gab der Experte mit auf den Weg, mit „Mut und Tatkraft“ in die Zukunft zu blicken.