Waldbau

Bestes Buchen-Saatgut

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Susanne Lorenz-Munkler
am Donnerstag, 17.12.2020 - 08:28

In einem Waldstück im Ortsteil Schwand im Süden Oberstdorfs wurden etwa 2,5 Mio. Bucheckern für einen gesunden Zukunftswald geerntet.

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Die Szene mutet irgendwie futuristisch an. Ein später, kalter Novembermorgen. Vor verschneiten Oberstdorfer Bergen liegt der herbstliche Buchenwald. Das klare Morgenlicht zeichnet filigrane Schatten auf den mit dürrem, braunen Laub übersäten Waldboden. Dazwischen liegen etwa 80 große, blaue und weiße Nylon-Netze. Jedes misst etwa 150 m2. Nein, keine Aktion des Verhüllungskünstlers Christo ist hier geplant. Vielmehr findet die diesjährige Buchernte statt. Warm eingepackte Männer und Frauen, arbeiten hier schweigend mit großem Sieben und Säcken. Sie sammeln und reinigen Millionen von Bucheckern.

Denn im Oberstdorfer Ortsteil Schwand, am Ende des Stillachtals, findet man, was man im Allgäu selten findet: Einen weit über hundert Jahre alten, reinen Buchenbestand. „Historisch wurden verborgene Wälder in Seitentälern wie diesem nicht so stark bewirtschaftet, wie die Wälder draußen im Talkessel“, erklärt Roman Prestele, Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Oberallgäu. „Deshalb konnten die ursprünglichen, reinen Buchenbestände wie hier überleben“. Dieser Buchenwald ist heute ein wertvoller Samenspender. Gut 500 kg Saatgut werden hier geerntet, 5000 Bucheckern wiegen etwa ein Kilogramm. 2,5 Mio. Bucheckern also, die von spezialisierten Baumpflanzschulen eingesammelt und herangezogen werden.

Reiner Buchenbestand, über 100 Jahre alt

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Wir befinden uns in einem nach dem „Forstvermehrungsgesetz“ anerkannten Waldbestand. In diesem Gesetz ist genau aufgeführt, welche Pflanze oder welche Pflanzenteile als forstliches Vermehrungsgut verwendet werden dürfen. Schon seit 1911 sind, je nach Wuchsgebiet, bestimmte Herkünfte definiert und in der Forstherkunfts-Gebietsverordnung aufgelistet. Das Amt für Waldgenetik in Laufen wählt die Bestände nach bestimmten Kriterien, wie Qualität, Flächengröße oder Beerntbarkeit. aus, die grundsätzlich genutzt werden können. „Die Wahl von geeigneten Bäumen hat langfristige Vorteile für die Stabilität unserer Wälder der Zukunft“, betont Prestele.

Der Geschäftsführer der FBG Oberallgäu, die als Dienstleister für rund 3000 Privatwaldbesitzer zuständig ist, ist jedenfalls zufrieden mit der Entscheidung für diesen Buchenreinbestand. Denn die Ernte ist üppig. „Vor zwei Monaten sind die Netze ausgelegt worden. Wir brauchen Wind und ein bisschen Frost damit das Saatgut richtig runterkommt. Heuer sind wir spät dran mit den Buchen, weil der Oktober zu warm und windstill war.“ Die Tanne sei schon im September geerntet worden und das gewonnene Saatgut ist bereits eingelagert.

„Nicht alle forstlichen Zusammenschlüsse bieten Saatguternte als Dienstleistung an, aber viele im Allgäu“, meint der FBG-Geschäftsführer. Für den Privatwaldbesitzer bedeute das ein kleines Zubrot, für die FBG zusätzliche Mehrarbeit.

Warum machen die forstlichen Zusammenschlüsse das? Prestele: „Forstpflanzen sind keine Massenware, die man beliebig kaufen und pflanzen kann. Die Genetik spielt eine große Rolle. Bei einer Neubestockung bevorzugen unsere Mitglieder autochthone Pflanzen, also Pflanzen die schon immer bei uns wachsen. Sie sind hinsichtlich ihrer Stabilität und Gesundheit am besten. So ist es uns auch wichtig, dass wir regionales, herkunftsgerechtes Pflanzmaterial herbekommen.“
2020 wurden nicht nur in Oberstdorf Bucheckern geerntet. „2020 war fast überall ein gutes Mastjahr“, erklärt Prestele. Als Mastjahre bezeichnet man Jahre, in denen Bäume eine besonders große Samenproduktion aufweisen. Der Begriff lehnt sich an die früher übliche Schweinemast unter Eichen an.

Schonende, aber aufwändige Methode

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Die FBG verkauft das Saatgut an eine Forstbaumschule, mit der sie schon lange gut zusammenarbeitet. Deren Mitarbeiter legen die Netze aus, sammeln das Saatgut ein und nehmen es mit. Diese schonende, aber sehr aufwändige Methode garantiert ein Maximum an Qualität. „Die Eichensaaternte erfolgt durch Handlesung, Nadelholzbestände beernten wir mit Zapfenpflückern“, erklärt ein Mitarbeiter der Forstbaumschule. „Unser Betrieb verarbeitet die Samen von Laub- und Nadelbäumen, aber auch von Sträuchern, als forstwirtschaftliches Saatgut. Buchen, Eichen, Kastanien sind einfach in der Ernte, aber das Saatgut ist nicht so lange lagerfähig. Nach zwei Jahren ist die Keimfähigkeit schon gering. Bei kleinfruchtigen Bäumen, wie bei Birken oder Tannen, sei die Aufarbeitung schwieriger. Aber sie sind wesentlich länger keim- und lagerfähig“, erzählt der Mitarbeiter.

80 Netze haben er und sein Team vor etwa zwei Monaten hier, in der Nähe der Heini-Klopfer-Schanze, ausgelegt. Jedes mit je 150 Quadratmetern Fläche. Da fiel in den vergangenen Wochen allerhand rein: Laub, Bucheckern, Astwerk. Nachdem diese mit Sieben abgesiebt wurden, wird es in Säcke verpackt. „Die Ernte wird staatlicherseits begleitet. Zum Schluss gibt es ein Zertifikat, in dem festgehalten wird, wieviel Saatgut mit welcher Qualität geerntet wurde. Es wird zudem eine Genetikprobe vom „Zertifizierungsring für überprüfbare forstliche Herkunft Süddeutschland e.V.“ (ZüF) genommen. Die Herkunft von ZüF-Forstpflanzen kann mit genmarkergestützten Analysemethoden in jedem Stadium, von der Ernte bis zum Verkauf der neuen Bäumchen, überprüft werden.
Im Frühling 2021 werden die Bucheckern angesät. Dann wachsen die ersten Sämlinge zu Stecklingen heran. 2022 oder 2023 kommen sie dann auf den Markt. „Die Stecklinge können unsere Waldbesitzer dann wieder bestellen. Wir haben hier jetzt zum Beispiel Buche aus über 900 Metern im Gebirge. Die gedeiht also im Alpenraum, im Allgäu oder in Oberbayern, nicht aber am Main.“
Trotz der Freude über die äußerst üppige Ernte im Oberstdorfer Wald, beobachtet Prestele eine auffällige Entwicklung : „Man hat das Gefühl, dass die Distanzen zwischen den Mastjahren immer kürzer werden. Das kann eine Laune der Natur sein, kann auch mit den Klimawandel zusammenhängen.“