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Alpen

Berglandwirtschaft: Sehr warm und zeitweise trocken

Trockene Witterung und hohe Temperaturen im Frühjahr sorgten für hohe Grasbestände.
Dr. Michael Honisch, AVA-Geschäftsführer
am Freitag, 16.09.2022 - 07:12

Älpler zufrieden: Ein insgesamt guter Alpsommer geht seinem Ende entgegen

Zu Beginn sind die Grasbestände heuer sehr stark gewachsen, die Trockenheit war aber vielerorts spürbar. „Stellenweise zu trocken, aber verglichen mit anderen Regionen dürfen wir zufrieden sein“, ist zu hören. Meist hat es aber immer zur richtigen Zeit noch etwas geregnet und ab Mitte August wurde es besser. Der Freizeitdruck in die Berge ist indes nicht mehr so massiv, wie in den Coronajahren, aber immer noch hoch. Der Winter war mild und schneearm. Saharastaub ließ den Schnee schneller schmelzen. Der März war extrem trocken. Weil der April eher kühl und Anfang Mai die Witterung nass war, zögerten viele mit dem Weidebeginn. Zwar zogen die ersten Sennalpen bald auf, aber die meisten warteten ab – zu lange! Denn sonnenscheinreiche Tage mit sprunghaft steigenden Temperaturen im Mai sorgten für einen raschen Start des Graswachstums.

Nach etwas kühleren Tagen Ende Mai setzte sich im Juni die warme Witterung bei ausreichend Niederschlägen fort. Wer nicht zeitig genug dran war, dem verholzten die Bestände. Oftmals standen die Herden, gerade auf den Landalpen, im stehenden Heu. Hierzu trug auch die zunehmende Trockenheit bei, ab 1. Juli fiel drei Wochen lang fast kein Regen. Dies führte zu verringerten Aufwüchsen, weil die Gräser sich mit der Blütenbildung verausgaben und dann keine Halme mehr nachbilden.

Borst- und Kammgras schossen

Auch auf den Mittelalpen schossen Borst- und Kammgras, Farn und Unkraut in die Höhe. Umso mehr taten einige wenige Regentage gut. Dadurch schob das Gras wieder nach. Kälteeinbrüche mit Schnee und Schäden durch Gewitter blieben weitgehend aus. In den Hochalpen ist aktuell noch kein Schnee in Sicht.

Wassermangel trat auf Südhängen, v. a. im Nagelfluhgebiet und vorgelagerten Bereichen, auf. Hier musste zum Teil Wasser gefahren werden, wie zuletzt 2018. Weidebereiche, in denen die Tränken nicht ausreichend Wasser haben, können auch nicht gefrezt werden. Dann ist im Nachgang Weidemanagement gefragt.

Futterqualität schlechter

Der nutzbare Futteraufwuchs 2022 und auch die Futterqualität auf den Alpweiden blieben deutlich hinter dem Vorjahr zurück. Grund ist vor allem die lange Trockenphase im Juli, aber auch weil die hochgeschossenen Aufwüchse schon bald verholzten. Wer den ersten Aufwuchs früh nutzen konnte, dem blieb auch noch ein guter, 2. Aufwuchs. Feuchte, schattigere Standorte und Nordhänge aber profitierten von der Situation. Wer die Gerätschaften hat und einsetzen konnte, hat den überständigen 1. oder 2. Aufwuchs gemäht und als Futterreserve angelegt. Damit konnte der Folgeaufwuchs mit Regen wieder besser nachschieben.

Die nassen Verhältnisse im Vorjahr, in Verbindung mit offenen Böden, unvollständigem Verbiss und dem schnellen Aufwuchsverlauf begünstigte vielerorts das Wachstum von Unkräutern. Ampfer, Disteln, Farn, Kreuzkraut, Weißer Germer profitieren in besonderem Maße. Besonders früh blüht heuer auch schon die sehr giftige Herbstzeitlose. Ihrer Bekämpfung sollte, weil sie vom Klimawandel profitiert, verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Wichtig ist es zukünftig, der vorbeugenden und mechanischen Unkrautbekämpfung im Alpgebiet mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Erstens, weil es immer mehr Biovieh gibt, und zweitens, weil der chemische Pflanzenschutz auf sämtlichen Naturschutz- und Biotopflächen mittlerweile grundsätzlich verboten ist.

Augen entzündeten sich

Bremsen und Fliegen waren bisweilen wieder sehr lästig. Das führt regelmäßig zu bakteriellen Augenentzündungen (Weidekeratitis, „Äugler“). Große Herden, die in weitläufigen Arealen unterwegs sind und nicht in kleineren Einschlägen kontrolliert werden, sind besonders gefährdet.

Probleme mit dem Wilder gab es weniger als in nassen Jahren. Viehverluste waren selten. Über den Wolf gibt es Gerüchte, aber keine eindeutigen Nachweise oder Nutztierschäden bei uns. Bilder einer Fotofalle im Allgäu offenbarten einen Goldschakal. Bei den Tiroler Nachbarn und im Landkreis Garmisch-Partenkirchen beunruhigten mehrere Fälle von Schafsrissen die Schafhalter.

Die Anzahl tödlich verunglückter Tiere ist deutlich geringer als in den letzten Jahren. Bis Anfang September mussten 19 abgestürzte Rinder vom Hubschrauber geborgen werden. Mit dazu beigetragen hat – neben der guten Behirtung - auch die gute Futtersituation in den Hochalpen.