Menschen

Der Berg ist für ihn die große Leidenschaft

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Susanne Lorenz-Munkler
am Montag, 21.06.2021 - 12:20

Norbert Karg aus Bad Hindelang Oberdorf geht seit über einem halben Jahrhundert auf die Alpe. Heute bewirtet der inzwischen 77-Jährige mit der Familie die Alpe Plättele im Hintersteiner Obertal. Wir haben ihn besucht.

Es ist ein halbes Jahrhundert her, als der „Nori“ das erste mal auf den Berg durfte. Beziehungsweise musste. „Damals wurde keiner gefragt. Mein Vater hat gesagt: Du kennst dich mit dem Vieh gut aus. Du gehst!“, erinnert sich der heute 77-Jährige. Norbert war einer von neun Kindern, sieben Buben und zwei Mädchen. Als Kleinhirte der Hindelanger Gassenkühe hatte er bereits als Kind Erfahrungen gesammelt. Fünf Sommer lang hat er abends die Kühe von 72 Bauern ausgetrieben und auf der Viehweide übernachtet. Rund hundert Kühe und einen Stier. „Das habe ich gemacht, bis ich 14 Jahre alt war“, erzählt „Nori“. Unter dem Namen ist er bei den Einheimischen und Älplern bestens bekannt.

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Nach seiner Ausbildung zum Schreiner bis zum 17. Lebensjahr arbeitete er auf dem Prinz-Luitpoldhaus und ging zur Bundeswehr. Mit 23 Jahren ging er zum ersten Mal „in den Berg“. Auf die Alpe Hasenegg auf knapp 1700 m zwischen Heubatspitze und Rotspitze gelegen. Eine Galtalpe mit 200 Stück Jungvieh. Vier Kühe nahm man mit zur Selbstversorgung. Er und zwei Kleinhirten, die nur während der Schulferien mit oben waren, hatten dort alle Hände voll zu tun. Es war ein hartes Leben, denn „wir hatten kein fließendes Wasser und kein Licht“.

Wenn er an die Zeit am Hasenegg denkt, denkt er an eine Zeit, in der es der Alpwirtschaft im Allgäu ziemlich schlecht ging. Man hat damals nichts bekommen für die Milch, Ende der 50er, Anfang der 60er gab‘s ein großes Sterben der Sennalpen. „Wir konnten deshalb für unsere Galtalpen genügend Fläche dazupachten. Oft hatten wir wochenlang Regen und Schnee. Morgens mussten wir ins nasse Häs‘ steigen, denn die Hütten waren damals nicht so dicht.“ Nachts sei man noch auf dem Stroh gelegen. Lediglich ein Leintuch habe es gegeben, das man über das Stroh geworfen hat und eine Art Steppdecke.

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Auch das Wetter erschien ihm rauer gewesen zu sein als heute. Karg erinnert sich: „In den Jahren 67/68/69 sind wir erst Ende Juni auf die Vorweiden gezogen. Die Alpfahrt auf den Sommerberg war dann frühestens am 15. Juli, sobald der Schnee weggetaut war.“ Erst 1966 ist ein befestigter Weg auf die Alpe gebaut worden. Und nur im Tal. Karg: „Wenn oben etwas passiert ist, hast du runterrennen müssen zum Cafe Horn, das ein Telefon hatte.“ Zum Essen hatten die drei Männer einen Käse und einen Sack Mehl. „Vielleicht einmal auch ne Hartwurst oder ein Geräuchertes. Kässpatzen und Krazat gab es. Die machte man ohne Eier. Da haben wir dafür ziemlich viel Butter reingehauen“, erinnert sich Nori.

Krankheiten gab es freilich auch. Die Tierseuche Rauschbrand sei damals sehr verbreitet gewesen. Und es gab den Äugler und die Klauenkrankheit Igel, auch Leberegel und Lungenwürmer. Gegen solche Krankheiten hatte man wenig Medizin, dafür viele Hausmittel wie Kampfersalbe oder auch Teerbinden. Wenn es sehr schlimm war, sei auch der Tierarzt mal hochgekommen. Für die fünf Hintersteiner Galtalpen hatte man Tagwerker angestellt, die unter anderem kranke Tiere holen mussten und auf der Krummen-Weide (für kranke Tiere) behandelten und pflegten.

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Man hatte fast ausschließlich Original Allgäuer Braunvieh und später Brown Swiss-Einkreuzungen. Die Originalen hatten zwar eine schlechtere Milchleistung, waren aber erheblich widerstandsfähiger als heute und wurden älter, 15 bis 16 Jahre alt. Und sie trugen Hörner. Bei diesem Thema ereifert sich der Nori und ist sicher: „Übers Horn geht die Hitze weg. Es ist nicht umsonst da. Das darf man nicht entfernen!“

Vier Jahre später übernahm der „Nori“ die Wenger Alpe. „In einem schlechten Sommer ist das keine gute Alpe. 1972 hat‘s sieben oder achtmal geschneit und da hast du in die DAV-Hütte Edmund Probsthaus rüber rennen müssen und telefonieren, dass man uns hilft. Ich hatte nur einen Stall für drei Kühe damals. Bis zu 200 Stück Jungvieh standen im Schnee und hatten kein Futter.“

Ab 1968 habe es dann erstmals Zuschüsse für die Alpwirtschaft gegeben. Vorher mussten die Bauern Weidegeld bezahlen. Bis zu 100 Mark pro Schumpen zahlten die Bauern, erinnert sich Nori.

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1986, als 44-Jähriger, übernahm Karg dann die Alpe Plättele, die mit 400 Jahren eine der ältesten im Allgäu ist. Dort ist Norbert Karg heute noch. Auch diesen Sommer wieder. Mit der Hilfe der ganzen Familie bewirtschaftet er die Alpe. „Man verdient sich ein schönes Zubrot mit der Bewirtung“, freut sich Norbert Karg. Er stellt noch immer selbst Käse auf der Alpe her, aus 60 bis 65 l Milch von vier Kühen. Tag für Tag, denn das ist seine Leidenschaft, wie er zugibt.

Warmwasser kommt vom Gas betriebenen Durchlauferhitzer, und es gibt „richtige“ Betten. Seine Frau Traudl (73) und Enkelin Maria (20), Sohn Flori mit Frau und Kindern sind auch jeden Sommer mit oben auf dem Plättele. Die Tochter Bernadette bewirtschaftet heute die Zipfelsalpe.

Ein Teil der Genossenschaftsalpe gehört der Familie Karg selbst. 120 ha Lichtweide für 120 Stück Jungvieh, ein Haflinger, ein Muli und zwei Steinesel sind oben. Die Beschläger kommen aus Oberdorf aber auch aus dem Ost- und Westallgäu. Das Vieh wird bis zum Giebelhaus gefahren und den restlichen Weg hochgetrieben.

Denkt der Nori zurück an die gute alte Zeit, denkt er zurück an ein Hirtenleben, das viel härter war als heute. „Es war intensiver, aber man hatte mehr Ruhe“, meint er. Ans Aufhören denkt der vitale 77-jährige Mann nicht. „Der Berg ist wie ein Virus. Und wenn du mal infiziert bist, musst du jeden Sommer wieder hinauf.“ Oder in Noris Dialekt: „Do müesch allat wieder nüf“, meint der Oberdorfer.