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Wolfsmanagement

Beim Wolf nicht zuwarten

Es muss gehandelt werden: Wenn der Wolf im Allgäu Fuß fasst, könnte die Population in kurzer Zeit geradezu „explodieren“.
Josef Gutsmiedl
am Donnerstag, 27.10.2022 - 10:01

Der Diplom-Biologe und Naturschützer Marcel Züger aus der Schweiz sieht akute Bedrohung auch für das Allgäu durch den Wolf.

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Fischen/Lks. Oberallgäu Es ist offenbar nur eine Frage der Zeit: Er wird (wieder) kommen. Vom „großen Beutegreifer“ sprechen die einen, vom „Raubtier“ die anderen. Gemeint ist der Wolf. Er ist auf dem Vormarsch – europaweit – und sorgt für emotionsgeladene Diskussionen. Die Politik scheine sich nicht mit dem heißen Eisen „Rückkehr des Wolfes“ zu befassen, meinen viele Bergbauern, Älpler und Landwirte entlang des Alpenbogens. Bei einer Informationsveranstaltung in Fischen berichtete der Diplom-Biologe und Naturschützer Marcel Züger aus der Schweiz von den Erfahrungen mit „explodierenden Wolfspopulationen“ und dem Umgang mit dem Raubtier. Rund 300 Interessierte verfolgten die Ausführungen und sahen sich in ihren Sorgen um die Zukunft der Weidehaltung bestätigt.

Womöglich ist er schon da: Bei Balderschwang, an der Grenze zu Vorarlberg, scheint sich ein einzelner Wolf aufzuhalten. Offenbar hat das männliche Tier gelernt, mit wild lebenden Beutetieren in seinem Streifgebiet über die Runden zu kommen und wurde bislang nicht übergriffig.

„Anscheinend ist das Thema nicht so unwichtig“, meinte der Oberallgäuer Landtagsabgeordnete Dr. Leopold Herz aus Wertach, selbst Landwirt im Austrag. Und der BBV-Kreisobmann Andreas Hummel betonte: „Das wichtige Thema Wolf wird aktuell nur am Rande behandelt. Es wäre an der Zeit für intensive Information.“ Er sei, wie alle im Saal, gespannt auf die Erfahrungen eines ausgewiesenen Experten aus dem Nachbarland Schweiz.

Es kommt einiges auf Sie zu

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Tatsächlich zog Marcel Züger schon beim ersten Satz seines gut anderthalbstündigen Vortrages die Aufmerksamkeit auf sich: „Es kommt einiges auf Sie zu.“ Man sollte lieber jetzt darüber sprechen. Er sei „kein Wolfsgegner, der sich grün anmalt“, betonte Züger. Vielmehr habe er sowohl als Naturschützer als auch als Verantwortlicher für Naturschutzprojekte viele praktische Erfahrungen gemacht. Aber auch unabhängig von der Szene.

Das Allgäu sei im wesentlichen mit dem Kanton Graubünden von der Landschaftskulisse vergleichbar. Und dort verzeichne man bislang gut 500 Wolfsrisse auf einer Fläche von 7000 Quadratkilometern. Los ging es mit dem Wolf dort Mitte der 1990er Jahre. „Dann ist 20 Jahre nicht viel passiert.“ Einzelne Wölfe kamen und gingen. Doch 2012 gab es den ersten Wurf im Gebiet der Calanda nahe der Stadt Chur. Und schnell folgte dieser Initialzündung ein exponentieller Anstieg auf 150 Tiere. Bei einer Zuwachsrate von 30 bis 40 Prozent verdoppele sich die Anzahl alle zwei Jahre, rechnet der Biologe vor. „Das ist überall ähnlich: Schnell geht es steil nach oben“, betonte Züger und warnte: „Irgendwann wird das auch bei Ihnen im Allgäu so kommen, wenn sich die Wolfspolitik nicht ändert.“

Allein in Graubünden leben Untersuchungen zufolge rund 250 Wölfe in elf Rudeln und zwei Paare. Entscheidend ob ein Wolf „sesshaft“ wird, ist ein geeigneter Lebensraum mit Rückzugsmöglichkeit und natürlich das Futterangebot, eine mögliche Beute. Wenn alles passt, bilden sich Rudel. Und dann sei es oft schon zu spät, um sinnvoll einzugreifen.

Das Allgäu mit grob gerechnet 3300 Quadratkilometern Größe vertrage etwa 13 Rudel, Bayern vielleicht 280, und Europa 400 000 Wölfe. „Dann ist das Boot voll.“ Und darauf laufe es aktuell zu, ergänzte Züger. Andererseits: Erst das Fehlen der Wölfe ermöglichte die Alpwirtschaft in Mitteleuropa, wie wir sie kennen, folgerte Züger. „Ein Luxus, den es sonst nirgends gibt.“ Diese Form der Landwirtschaft sei der Inbegriff von Tierwohl, die Berglandwirtschaft ein Glücksfall. „Das ist menschengemachte Artenvielfalt, die es ohne Weidetiere nicht gibt.“

Eine Koexistenz funktioniert nicht

Eine Koexistenz von Weidetieren und Wölfen könne laut Züger nicht funktionieren. Das setze eine Art Arrangement voraus. Doch das gebe es beim Wolf nicht. Er dominiere seinen Lebensraum. Die gewünschte Koexistenz lasse sich nicht erzwingen, weder durch Herdenschutzhunde noch durch Maßnahmen wie Zäunungen. „Das mag 364 Tage funktionieren – am 365. Tag sind die Tiere tot“, so Zügers Erfahrungen. „Die Wölfe sind da und greifen zu.“

Egal wie man es anstelle, Herdenschutzhunde, Zäune oder beides, folgert der Experte: „Jeder Herdenschutz ist so gut wie der des Nachbarn schlecht ist.“ Nicht funktioniert habe jeder Herdenschutz auch in den schweizerischen Bergregionen mit Älpung. Wolfsattacken hielten das Alppersonal quasi rund um die Uhr in Atem, erzwangen zum Teil vorzeitige Abtriebe, weil die Hirten erschöpft und schließlich nervlich kaputt resignierten.

Für Züger ist klar: „Wölfe sind die potentesten, erfolgreichsten Raubtiere, die wir haben. Sie sind auf Erfolgskurs. Und was wir heute versäumen, verzögert nur die Entwicklung, verhindert sie aber nicht.“ Entgegen der offiziellen Lesart sei der „günstige Erhaltungszustand“ der Tierart Wolf in Europa gegeben. Mehr als 1000 fortpflanzungsfähige Exemplare brauche es nicht zur Arterhaltung. Mit 17 000 Tieren in Europa sei das Kriterium „Erhaltungszustand“ erfüllt.

„Beim Wolf tut man so als müsse er überall Lebensraum finden“, kritisierte Züger die aktuelle Diskussion. Vielmehr genügten explizite Wolfsgebiete mit Verbindungen untereinander. Andere Räume seien wolfsfrei zu halten. Ganz ohne Herdenschutz werde es aber nicht gehen. Allerdings müsse der Staat eine Entschädigungsregelung finden, die den Marktwert eines gerissenen Tieres berücksichtigt, dessen Ertragswert und auch den Arbeitsaufwand. Letztendlich stelle sich die – gesellschaftliche – Frage: Wie viele Wölfe wollen wir uns leisten? Züger mahnt, das Erbe der Vorfahren, die diese Kulturlandschaft geschaffen und über Jahrhunderte erhalten hätten, zu respektieren und zu achten und „nicht in kurzer Zeit den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen“.

Ehrlichkeit in der Diskussion vermisst

AVA-Vorsitzender Franz Hage sieht die Situation ähnlich: Er vermisst die Ehrlichkeit in der Diskussion. „Das belastet uns Bauern, wir müssen jetzt etwas tun, eine Explosion der Population darf man keinesfalls in Kauf nehmen.“ Zehn Jahre habe man „rumgetan“, passiert sei nichts. Zügers Erkenntnisse seien eine wichtige Unterstützung in der weiteren Debatte. Zügers Rat: „Wenn wir ans Ziel kommen wollen, brauchen wir die breite Bevölkerung!“ Die Problematik müsse an die Öffentlichkeit. Illegale Aktionen würden der Sache aber nicht dienen: „Lieber 200 Flugblätter verteilen als ein Schnellschuss.“

Der Weg sei weit, aber auch ein Umweg könne ans Ziel führen. Auch in der Schweiz wachse der Unmut gegen gezielte Ansiedlungen von Wolfsrudeln. Die Transparente im voll besetzen Saal im Kurhaus in Fischen brachten deutlich zum Ausdruck: Von „Wolfsrevier statt Weidetier“ wollen die Bauern im Allgäu nichts wissen.

Unbeantwortet blieb in der Diskussion die Frage von Heinrich Schwarz, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Oberallgäu, wer sich der vom Wolf verursachten Schäden bei der Jagd annehme. Die Beunruhigung durch Wölfe könne zu Wildschäden wie Verbiss führen, ganz zu schweigen von gerissenem Wild, argumentierte Schwarz.

Anpassung der FFH-Richtlinie gefordert

Seit 30 Jahren ist der Umgang mit dem Wolf in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie FFH geregelt. Der „große Beutegreifer“ genießt demzufolge als bedrohte, streng geschützte Tierart höchsten Schutzstatus und darf nicht gejagt werden.

Mehrere EU-Staaten fordern indes eine Anpassung der FFH-Richtlinie und Flexibilität bei der Anwendung. Im Deutschen Bundestag sorgte „der Wolf“ Ende September ebenfalls für eine kontroverse Debatte über das weitere Verfahren. Grünen-Abgeordnete warfen der CDU/CSU-Fraktion vor, den Wolf „wieder ausrotten“ zu wollen, während letztere betonte, Weidetierhaltern könne nicht länger zugemutet werden, „von hinten angefressene Tiere“ noch auf der Weide liegend aufzufinden. Klar ist: Es braucht eine zügige Lösung.