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Probleme beim Pflanzenschutz

Wer baut noch Kartoffeln an?

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Max Riesberg
Max Riesberg
am Dienstag, 15.03.2022 - 09:19

Im Kartoffelanbau macht sich immer mehr der Mangel an zugelassenen Pflanzenschutzwirkstoffen bemerkbar. Wie ist damit umzugehen?

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Augsburg - Wie können Kartoffelanbauern gesunde Pflanzen und gute Erträge erzielen? Darum ging es bei der Fachtagung des Erzeugerrings für Pflanzenbau Südbayern und des AELF Augsburg. Mehr als 210 Teilnehmer hatten sich zugeschaltet. Die Forderung von Politik und Gesellschaft nach einer Reduzierung des chemischen Pflanzenschutzes sei besonders im Kartoffelanbau schwierig umzusetzen, sagte Albert Höcherl vom Sachgebiet Landnutzung zur Eröffnung der Veranstaltung. Auch durch die stark gestiegenen Kosten für Energie und Betriebsmittel hätten sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert.

Nach dem Wegfall von Reglone hatten die Kartoffelbauern im vergangenen Jahr noch stärker mit Krautfäuledruck zu kämpfen. Verboten wurde zudem Teppeki gegen Blattläuse in einer Tankmischung mit ölbasierten Zusatzstoffen. Für Famoxadone, Proxanil und Mancozeb wurde die Zulassung nicht verlängert.

Glyphosat, das zum Abtöten von Zwischenfrüchten vor dem Kartoffelanbau eingesetzt wurde, darf nur noch zur Bekämpfung ausdauernder Unkräuter sowie zur Unkrautbekämpfung und Beseitigung von Ausfall- und Mischkulturen auf Ackerflächen in der Erosionsgefährdungsklasse CC Wasser 1 – 2 und CC Wind angewandt werden. Außerdem lässt sich Glyphosat noch auf Flächen einsetzen, die im Mulch- oder Direktsaatverfahren nach Zwischenfrüchten bestellt werden. Im Simphyt-Modell, das mit Hilfe von Wetterdaten das Erstauftreten der Krautfäule berechnet, sind Spritzungen mit Ridomil, Zorvec, Revus Top, Valis M und Shirlan angesagt.

Bei der Krautfäulebekämpfung sind etliche Fungizide weggefallen

Bei der Krautfäulebekämpfung sind etliche Fungizide weggefallen, zudem könnten aufgrund des hohen Befallsdrucks im vergangenen Jahr auch Pflanzkartoffeln vermehrt verseucht sein. Für die Alternaria-Bekämpfung sind nurmehr Difenoconazol und Prothioconazol/Fluopyram geblieben, begrenzt auch Metiram. Andere Wirkstoffe hätten inzwischen zu hohen Resistenzen geführt.

Im vergangenen Jahr hat die Krautfäule-Infektion Ende Juni bis Mitte Juli innerhalb von nur drei bis sieben Tagen massiv eingesetzt. In Versuchen wurden acht Behandlungen durchgeführt, mit dem Simphyt-Modell ergaben sich Erträge von 470 bis 650 dt/ha, ohne Behandlung dagegen von nur 323 dt/ha.

Gegen Krautfäule: mechanisch, thermisch, elektrisch

Für die Zukunft der Krautregulierung sah Höcherl neben der chemischen Abtötung als Varianten die thermische, mechanische und – neu – auch die elektrische Abtötung. Chemisch kommen Quickdown und Shark infrage. Am wirksamsten hat sich jedoch die Kombination aus Krautschlagen und anschließendem Chemieeinsatz erwiesen, wobei sich allerdings ein erhöhter Wiederaustrieb zeigte. Gut funktioniert habe die Kombination von Abflammen und Chemie, doch kommt es auch hier teils zu einem starken Wiederaustrieb. Dieser ist bei einer rein chemischen Krautabtötung noch am geringsten. Als vorteilhaft erwiesen sich früh abreifende Kartoffelsorten mit geringem Krautwachstum. Die beste Möglichkeit zur Drahtwurm-Bekämpfung sei immer noch eine Bodenbearbeitung, die zum Austrocknen der Larven führt, sagte Höcherl.

Klimawandel kommt hinzu

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Auch Ralf Becker, Fachberater Ackerbau bei Syngenta Agro, befasste sich mit der Zukunft des Pflanzenschutzes und dem reduzierten Wirkstoffangebot für den Kartoffelanbau. Beim Spritzstart sei Carial Flex ein gutes Produkt gegen Stängelphytophtora, gegen Alternaria zeigten Ortiva und Revus Top eine gute Wirkung. Als Profiteur des Klimawandels entwickle sich die Alternaria umso besser, je höher die Temperaturen sind. Bei Hitze könne ein Kartoffelstand dann zügig dahingerafft werden.

Zum Spritzstart empfahl Becker Carial Flex und später, wenn das Kraut zu 70 % ausgewachsen ist, einen Wirkstoffwechsel zu OXTP. Sieben Wochen nach dem Auflaufen könnte Revus Top zum Einsatz kommen, bevor ein erneuter Wirkstoffwechsel, beispielsweise zu Cyazofamid, angesagt ist. Einige Tage später könnten dann erneut Revus Top oder Ortiva eingesetzt werden, um anschließend den Alternariaschutz für spätabreifende Sorten wiederum mit Revus Top durchzuführen. Am Ende steht der Braunfäuleschutz gegen abwandernde Pilzsporen durch Cyazofamid, Amisulbron und Fluazinam.

Bei der Drahtwurm-Bekämpfung riet Becker zu Force Evo mit dem Wirkstoff Tefluthrin zum Ausstreuen der Saat. Das Mittel ist vom 1. Februar bis zum 31. Mai 2022 für den Kartoffelanbau zugelassen. Versuche haben laut Becker ergeben, dass sich dadurch die Zahl der unbefallenen Kartoffeln deutlich erhöht hat.

Erfolgreicher Einsatz von Quantis

Abschließend stellte Becker mit Quantis ein Biostimulanzprodukt für den Kartoffelanbau vor. Die sehr empfindliche Reaktion der Kartoffelpflanze auf zu hohe Temperaturen lasse sich mit dem Extrakt aus Zuckerrohr mit Hefe und Nährstoffen abfedern. Versuche ergaben, dass der Einsatz von Quantis zu höheren Knollenerträgen, einer geringeren Kindelbildung und einer besseren Sortierung führte. Im Übrigen habe Quantis keine fungizide Wirkung.

Trotz der Ausdünnung des Wirkstoffangebots gebe es im Fungizidbereich noch ausreichend funktionierende Lösungen am Markt, weniger jedoch weniger im Insektizidbereich..

Chancen und Risiken des Zwischenfruchtanbaus

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Maximilian Müller, Berater für Süddeutschland bei der Europlant Pflanzenzucht GmbH, beleuchtete die Chancen und Risiken des Zwischenfruchtanbaus in der Kartoffelfruchtfolge. Dieser wirke sich zwar ertragsfördernd aus und die Zwischenfrüchte selbst nähmen keinen Schaden durch Nematodenbefall, allerdings könnten die Zwischenfrüchte die Gefahr eines Rhizoctoniabefalls erhöhen, es komme zu Ernterückständen und einer unkalkulierbaren Stickstoffnachlieferung. Schneckenfraß kann sich ebenso wie eine Vermehrung der Nematoden und des Unkrauts einstellen. Problematisch sei die Wechselbeziehung zwischen Nematoden und Pilz- oder Viruskrankheiten. So können Nematoden beispielsweise die virusbedingte Eisenfleckigkeit übertragen.

Die Zwischenfrüchte sollten einen dichten Bestand aufweisen und vor dem Pflanzen der Kartoffeln flach eingearbeitet werden. In schwach gedüngten Zwischenfruchtbeständen steigt der Nematodendruck. Als nematodenreduzierend haben sich Müller zufolge auch Rau- und Sandhafer erwiesen. Am wichtigsten sei jedoch die Bekämpfung von Durchwuchskartoffeln.