Tradition

Bauernhofmuseum: Muss man gesehen haben

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Patrizia Schallert
am Dienstag, 22.12.2020 - 08:28

Unzählige Exponate hat Georg Grandel in seinem Museum zusammengetragen

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Seit vierzig Jahren sammelt Georg Grandel Maschinen, Geräte und Haushaltsgegenstände aus dem bäuerlichen Leben. Der 79-jährige Landwirtschaftsmeister hat für seine vielen hundert Ausstellungsstücke in Binswangen (Lks. Dillingen) ein eigenes, privates Museum eingerichtet, um das Leben und Arbeiten der Landbevölkerung in den vergangenen drei Jahrhunderten vor dem Vergessen zu bewahren. In einem großen, ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebäude taucht der staunende Besucher auf drei Stockwerken in eine Welt ein, die ihm vielfach nur noch vom Hörensagen bekannt ist. Zu jedem einzelnen Gegenstand weiß Grandel eine Geschichte zu erzählen.

Ein Reich von Schätzen und Kostbarkeiten

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Wer Grandel über die Stiegen in die Etagen seines Privatmuseums folgt, wandert durch ein Reich von Schätzen und Kostbarkeiten, an denen sich die Entwicklung vom händischen Arbeiten zum mechanisierten Bauernhof nachvollziehen lässt. Die rund 1000 m² große Ausstellungsfläche ist in verschiedene Themenbereiche unterteilt. So fällt der Blick im Erdgeschoss auf 30 sorgsam restaurierte und funktionstüchtige Schlepper.

Nur der älteste, ein „Fordson Model F“, Baujahr 1917, lässt sich nicht mehr fahren. Zum Starten der benzinbetriebenen Zugmaschine wurde Petroleum benötigt. „Solche Schlepper sind auch heute noch in Mexiko im Einsatz“, erklärt Grandel. Aber die anderen sind fahrbereit: Allgaier, Fendt, Stihl, Fahr, Holder, Röhr, Kramer, Hanomag, Bautz, Porsche, Güldner, Sulzer oder Farmall. Besonders freut sich der leidenschaftliche Sammler über einen Weber-Schlepper mit einem 2,2 Liter-Motor. Der Rosenheimer Schmied Weber hatte 1949 nämlich nur elf Stück dieses Modells produziert. Eine Plakette auf Grandels Exemplar zeigt die Fahrgestellnummer 7.

Harte, schweißtreibende Knochenarbeit

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Noch bevor Zugmaschinen die Arbeit auf dem Feld erleichterten, waren die Bearbeitung der Böden, das Aussäen und Ernten für die Bäuerinnen und Bauern harte, schweißtreibende Knochenarbeit. Grandel hat jeden Zentimeter seiner Räumlichkeiten genutzt und bildet mit den Geräten die Entwicklung der Agrartechnik von der Saat bis zur Ernte ab. Dabei kommt Erstaunliches zutage. So wurde beispielsweise ein aus dem Jahr 1700 stammender Pflug mit einer Holzachse von vier Frauen gezogen.

Mit einem Gerät zur mechanischen Unkrautregulierung im Getreideacker aus dem Jahr 1940, hergestellt von der Landmaschinenfabrik Rudolf Sack in Leipzig-Plagwitz, hat Grandel selbst noch während seiner landwirtschaftlichen Lehre vor 60 Jahren gearbeitet. „Der Unkrautpflug wurde von zwei Pferden gezogen und musste hinten geführt werden.“

Das erste fahrbare Pflanzenschutzgerät

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Das erste fahrbare Pflanzenschutzgerät brachte das Metzinger Unternehmen Holder 1950 auf den Markt. Natürlich darf auch diese Maschine in Grandels Sammlung nicht fehlen. Mit einem ausklappbaren Rohr belief sich ihre Arbeitsbreite auf 6 m. Ein am Rad befestigtes Gestänge trieb die Pumpe für das Spritzen des Pflanzenschutzmittels an. Zu sehen sind auch der erste Bindemäher, den die Firma Fahr 1950 präsentierte, oder der weltweit erste selbstfahrende Mähdrescher von Massey Ferguson. „Gezogene Mähdrescher gab es bereits um 1935“, erklärt Grandel. Die erste Maschine für Feinsämereien wie Grassamen wurde um 1900 von Studenten der Landwirtschaftlichen Schule Stuttgart-Hohenheim entwickelt. Auch diese kann der Sammler seinen Besuchern neben vielen verschiedenen Gründlandbearbeitungstechniken erläutern.

Getreide noch in Scheffeln abgemessen

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Noch im 19. Jahrhundert wurden schüttbare feste Körper wie Getreide noch in Scheffeln abgemessen. Revolutionär war die Quintenz-Dezimalwaage, die der deutsche Benediktinermönch Friedrich Alois Quintenz 1821 patentieren ließ. Grandel hat zahlreiche alte Waagen-Gewichte aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Russland und Asien zusammentragen. Neben den landwirtschaftlichen Geräten finden sich in der Sammlung des Landwirtschaftsmeisters auch mehr als 600 Exponate aus dem Bereich der bäuerlichen Küche. „Viele davon habe ich auf Flohmärkten im Umkreis von 100 Kilometern gefunden.“

Von jedem einzelnen Stück seiner Sammlung weiß der Binswanger, wo und von wem er es erstanden und was er dafür bezahlt hat, wobei „ich viele, viele Teile auch geschenkt bekommen habe“. Grandel weiß, dass er all seine Schätzen eigentlich dokumentieren sollte. „Wenn ich einmal nicht mehr bin, geht viel Wissen um diese alten kleinen und großen Hinterlassenschaften verloren und das wäre schade.“

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