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Soziale Landwirtschaft

Bauernhofkindergarten: Leerstehende Gebäude nutzen

Martin Dörflinger ist der pädagogische Leiter des Kindergartens. Er führte die Besucher durch die Anlage.
AELF Kempten
am Freitag, 07.10.2022 - 09:22

Eine Gruppe interessierter Oberallgäuer Landwirte, Pädagogen und Erzieher besichtigten den Bauernhofkindergarten in Achberg im Landkreis Ravensburg.

Viel geboten: Der Tagesablauf im Bauernhofkindergarten richtet sich nach Jahreszeit und Wetterlage. Es gibt viel Natur, Pflanzen, unterschiedliche Tiere. Ziel ist, dass die Kinder lernen, Lebensmittel wertzuschätzen.

Kempten - Martin Dörflinger, Pädagogischer Leiter des Kindergartens als auch Geschäftsführer und Vorstand des Vereins Naturkinder Achberg, führte die Gruppe durch den Kindergarten, der auf dem Bauernhof von Anja und Franz Strodel seit fast zehn Jahren angesiedelt ist.

Alexandra Dorn vom AELF Kempten erklärte, was das Besondere an einem Bauernhofkindergarten ist: Ziel eines Bauernhofkindergartens sei es, den Kindern „Natur-, Tier- und Selbsterfahrung“ zu bieten. Die pädagogischen Schwerpunkte im Kindergartenalltag liegen in der Tier- und Naturpädagogik. Der Tagesablauf in einem Bauernhofkindergarten richte sich nach den Jahreszeiten und Wetterlagen. Im Frühling werden zum Beispiel Pflanzen in den Garten gesetzt, im Sommer und Herbst werden sie geerntet.

Kinder dürfen im Stall und auf dem Hof helfen

Wie sieht der Alltag im Bauernhof-Kindergarten aus? Die Kinder werden von 7.15 Uhr bis 13.15 Uhr betreut. Die Gruppe besteht aus etwa 20 Kindern zwischen drei und sechs Jahren. Nach der Spielzeit und dem Ankommen im Gruppenraum gehen die Erzieher mit den Kindern von etwa 8 bis 9.15 Uhr raus auf den Hof und in den Stall, um mit ihnen die verschiedensten Arbeiten zu erledigen. Die Kinder dürfen sich beim Füttern, Versorgen und Ausmisten der Kühe, Hasen und Meerschweinchen oder beim Kehren des Hofes einbringen.

„Als Erzieher sind wir hier in unserer Beaufsichtigungspflicht besonders gefordert“, berichtet Martin Dörflinger. „Wir müssen den Kindern die Gefahrenquellen, aber auch das Selbstvertrauen vermitteln, mit den Gefahren im und um den Stall herum richtig umzugehen. Insgesamt ereignen sich bei uns aber weniger Unfälle als im Regelkindergarten.“

Einmal wöchentlich verbringen die Kinder den Vormittag im angrenzenden Wald. Martin Dörflinger muss nicht extra Bewegungsstunden einplanen: Diese sind automatisch bei den alltäglichen Arbeiten dabei. Und im Garten haben die Kinder zudem ausreichend Platz und Zeit zum Spielen, Toben und um sich selbst zu erfahren.

Gemüsegarten und ein Kräuterbeet für die Kinder

Für den Kindergarten wurde ein eigener Gemüsegarten und ein Kräuterbeet angelegt. Auch hier erleben die Kinder die Produktion von Lebensmitteln hautnah, vom Anbau bis zur Ernte. Die Kräuter werden gemeinsam geerntet und als Tee getrocknet. „Die Kinder lernen so, Lebensmittel entsprechend wertzuschätzen“ ist Dörflinger überzeugt.

Der Garten ist mit den Jahren gewachsen. Hier leben auch Hühner, Hasen, Hängebauchschweine und Ziegen, die jederzeit von den Kindern „besucht“ werden können. Es gibt zudem ausreichend Platz für die Rutschen, die Tretfahrzeuge und den Fuhrpark. Der Grillplatz wird das ganze Jahr über genutzt. Viele Spiele und Beschäftigungen im Kindergartenalltag sind denen in den Regelkindergärten gleich.

Der Kindergarten ist als „Regelkindergarten mit integrierter Waldgruppe“ angemeldet. Trägerverein des Kindergartens ist der Verein „Naturkinder Achberg e.V.“. Martin Dörflinger ist angestellt. Der Kindergarten ist im Bedarfsplan der Gemeinde Achberg aufgenommen und somit werden die Kosten zu hundert Prozent durch die Gemeinde übernommen. Gelände und Gebäude sind vom Verein gepachtet. Der Kindergartenbeitrag pro Kind und Monat beträgt 200 €.

Leer stehende Gebäude verpachten?

Familie Strodel verpachtet das Gelände und das Haus mit Aufenthaltsraum an den Kindergarten. Das hieße für Landwirte, die mit dem Gedanken spielen, einen Bauernhofkindergarten zu ermöglichen: Auch leer stehende Gebäude könnten eventuell verpachtet werden. Außerhalb der Öffnungszeiten kümmern sich die Landwirte um die „Streicheltiere“ und den Garten.

Und wo ist der Nutzen für die Kinder?

  • Sie lernen verstärkt, Gefahren bewusst wahrzunehmen.
  • Die Kinder lernen durch den Umgang mit den Tieren zudem Verantwortung zu übernehmen, aber auch Respekt und ein gemeinsames Miteinander.
  • Sie lassen sie sich schneller auf Neues ein.
  • Die Kinder werden ausgeglichener.
  • Die Motorik der Kinder verbessert sich deutlich.

Gibt es auch einen Nutzen für die Gemeinde? Ja – Insgesamt sind die Kosten in der Regel für einen Kindergarten auf dem Bauernhof günstiger, als wenn z. B. ein Grundstück erworben und ein neues Haus gebaut werden muss. Die Personalkosten bleiben gleich.

An den Landwirtschaftsämtern ist je eine Ansprechpartnerin für Soziale Landwirtschaft. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof e. V. (www.baglob.de) bietet u. a. Einzelberatungstermine an und führt am Sonntag/Montag, 30./31. Oktober 2022, eine Tagung in Bad Waldsee durch.