Soziale Medien

Bauer Franz, der Blogger

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Anja Worschech
am Donnerstag, 29.04.2021 - 17:50

Marke, Mengenregulierung und Medien. Mit diesen drei M‘s sieht Franz Kinker aus dem Ostallgäu eine Chance für die Landwirtschaft. Vor allem die Öffentlichkeitsarbeit liegt ihm am Herzen. Er bespielt regelmäßig Facebook, Instagram & Co.

Ussenburg/Lks. Ostallgäu Die Kühe galoppieren, hüpfen und springen und schlagen die Hinterbeine aufgeregt in die Luft. Es ist ein herrlicher Anblick, wenn die Wiederkäuer nach der langen Winterzeit im Stall das erste Mal wieder frisches Gras unter den Hufen spüren. Ihre Freude ist unbändig. Und der Ausblick von Ussenburg auf den Forggensee und das Alpenpanorama im Hintergrund macht den Anblick fast schon zu perfekt.

Franz Kinker, bekannt als Bauer Franz, betreibt seinen Bio-Hof mit 30 Milchkühen, 40 ha Grünland und zehn Hektar Wald im Ostallgäu. Seine Rasselbande hat er am Ostersonntag das erste Mal auf die Weide getrieben und dieses freudige Szenario in einem kleinen Video auf Instagram festgehalten – mit mehr als 400 Aufrufen. Ähnlich groß war der Spaß der Kühe, als sie im Winter zum Schnee-Kneipen auf die Weide durften. Die Reaktionen der Betrachter waren überwiegend herzlich und sehr positiv. Insgesamt wurden die Filmbeiträge über 1,1 Mio. Mal aufgerufen.

Hier sehen Sie ein Video, das Franz Kinker auf Instagram veröffentlicht hat:

Bauer Franz nutzt viele Kanäle wie Instagram, Facebook und Youtube für seine Öffentlichkeitsarbeit. Damit lässt er Einheimische, Touristen und Urlaubsgäste am Hofgeschehen teilhaben, hält in Pandemie-Zeiten Kontakt und informiert Interessierte über die Landwirtschaft. Er hat ein ausgezeichnetes Gespür für unterhaltsame (landwirtschaftliche) Themen und packt immer auch eine Prise Selbstironie dazu. Schon früher hat er gern fotografiert, den Rest hat sich der gelernte Landwirt selbst beigebracht.

Ideen kommen im Melkstand

Die besten Ideen für seine Geschichten kommen dem 56-Jährigen im Melkstand, sagt er. Dann notiert er sich seine Gedanken geschwind auf Zetteln, die dann später als lose Sammlung neben seinem PC im Büro landen. Daraus sei schon so mancher Post entstanden. Abends nimmt er sich dann die Zeit zu schreiben. „Ich kämpfe schon damit. Es geht mir nicht immer leicht von der Hand“, sagt er. Häufig verwerfe er auch wieder Gedanken, doch immer beißt er sich durch. Denn die Öffentlichkeitsarbeit ist ihm wichtig. „Immer weniger Konsumenten wissen, was wir tun. Sie sehen oft nur das Produkt im Laden.“ Bei seiner Medien-Arbeit setzt er darauf, ehrlich und authentisch zu sein, typisch „Bauer Franz“ eben - und der darf auch mal frech sein.

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Die Leute sollen durch Informationen mehr Verständnis für die Landwirtschaft entwickeln können. Zugleich hofft Bauer Franz, dass damit auch die Wertschätzung für die Lebensmittel steigt. Daher hat er sich auch bereit erklärt, eine Webcam auf seinem Hof anzubringen, die rund um die Uhr das Geschehen auf dem Hof ins Netz überträgt. Eine Idee seines Milchabnehmers, der Andechser Molkerei. Anfangs sei das Gefühl komisch gewesen, ständig „die Kamera im Nacken“ zu wissen. Doch mittlerweile habe sich Bauer Franz daran gewöhnt. „Ich möchte ja nix verheimlichen.“ Urlaubsgäste schreiben ihm seither sogar spontan per WhatsApp, wenn sie über die Live-Webcam sehen, dass er die Kühe austreibt oder mit dem Traktor über den Hof fährt und Futter für die Kühe holt.

Aber das Hofgeschehen ist nicht immer nur heiter Sonnenschein. In seinem eigenen Blog macht sich der Bio-Bauer auch gern mal Luft über die gegenwärtige Agrarpolitik. Zurzeit hält ihn die Regelung zur Gülleausbringtechnik in Atem. Dieses Gesetz ist für ihn ein „Ungetüm, das über alle Betriebe gestülpt wird“, aber mit dem vor allem die kleinen Betriebe zu kämpfen hätten. Er präferiert eine Bewertung nach Besatz pro Hektar und Bodengüte.

Auch über traurige Geschehnisse informiert Kinker seine Follower:

Außerdem sei das Schleppschlauchsystem auf stark geneigten Hangflächen wie bei Kinkers Wiesen auf 920 m nicht immer möglich. Hinzu kommt, ein solches Gerät zur bodennahen Ausbringung ist für ihn schlichtweg finanziell nicht zu stemmen. Normalerweise vermietet Familie Kinker fünf Ferienwohnungen. „Uns fehlen zurzeit die Einnahmen aus dem Tourismus komplett. Es ist kein Geld für neue Ausbringungstechnik da“, sagt Kinker.

Anekdoten vom Hof beschrieben

Aus seinen Blogeinträgen ist 2017 ein eigenes Buch mit dem Titel „Glücksgefühl to roll on“ entstanden. Ein Projekt, auf das Franz Kinker sehr stolz ist. „Ich möchte die Leute zum Nachdenken anregen.“ In seinem Buch beschreibt er nette Anekdoten vom Hof und der Familiengeschichte und äußert seine Gedanken unter anderem zur Zukunft der Landwirtschaft.

Auch im Netzwerk Facebook ist Franz Kinker sehr aktiv und teilt regelmäßig Eindrücke vom Geschehen am Hof:

Der 56-Jährige nennt in diesem Zusammenhang die drei M´s: Marke, Mengenregulierung und Media. Bauer Franz plädiert dafür, dass hochwertige Produkte vom Hof nicht als No-Name Ware im Supermarktregal enden dürfen, sondern als Produkte mit hoher Qualität vermarktet werden sollten. „Wer als Landwirt die Billigschiene beliefert, braucht sich nicht wundern, wenn er nichts verdient.“ Damit die Milch wieder etwas wert ist und die Molkereien und der Handel anständige Preise zahlen, würde Bauer Franz sich wünschen, die Milchmengen auf dem Markt wieder zu regulieren. Milch aus Bulgarien hält er für großen Unsinn.

Das dritte „M“ steht für Medien und beschreibt das, was Bauer Franz so vorbildlich betreibt: die Öffentlichkeitsarbeit. „Wir müssen uns bekannter machen und über verschiedene Kanäle mit euch, den Konsumenten, kommunizieren. Denn nur wenn ihr wisst, wie wertvoll, langwierig und mühevoll der Herstellungsprozess der Lebensmittel ist, die ihr verspeist, könnt ihr nachempfinden, warum die Preise auf Dauer nicht so niedrig bleiben dürfen, wie sie aktuell sind“, schreibt er in seinem Buch. Dabei spricht Bauer Franz ganz klar die Macht der Verbraucher an: „Mit dem Griff ins Regal entscheidet ihr, ob ihr dem Bauern in der Nachbarschaft die Existenz sichert oder nicht.“

Einen kleinen Rundflug über den Berghof Kinker zur Abendstunde gibt es auf YouTube zu sehen:

Aber auch kreative Ideen können zum Überleben beitragen: Bauer Franz bietet beispielsweise für seine Gäste Kuh- und Kälberkuscheln an. Dabei dürfen Kinder und Erwachsene diese ausgiebig streicheln und schmusen. Er bezeichnet seine Kühe daher gern mal mit einem Augenzwinkern als „Psychiater, die keine Rechnung stellen“. Ein ausrangiertes Sofa steht im Stall bereit, das zum Verweilen, Zuhören und Beobachten einlädt.

Da die Tiere von Bauer Franz so ruhig und gelassen sind, hat er sie in der Vergangenheit auch schon öfter an Filmproduktionen entliehen. Dabei betreut Bauer Franz die Tiere rund um die Uhr. Eine willkommene Abwechslung auch für Franz Kinker, der die Gelegenheit gern nutzt, um mal hinter die Kulissen eines Filmdrehs zu schauen. Um Tourismus und Landwirtschaft näher zusammenzubringen, sieht er eine attraktive Chance im Camping auf dem Bauernhof. Dazu seien allerdings genehmigungsfreie Stellplätze nötig. Auch der Verein „Urlaub auf dem Bauernhof“ setzt sich dafür ein.

Ideen hat Franz Kinker jedenfalls genügend. Was sich in Zukunft auf seinem Hof alles tut, erfährt man in seinen Social-Media-Kanälen.