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Attraktion

Bärengarten: Ein Kleinod im Allgäu

Krautgarten
Endraß Markus
am Freitag, 16.09.2022 - 07:46

Der Bärengarten in Zell wächst ständig weiter – und ist eine Attraktion.

Wer in der Ostallgäuer Ortschaft Zell, unweit der beiden Burgruinen Hohenfreyberg und Eisenberg, in den Garten des Burghotel „Bären“ eintritt, traut seinen Augen kaum. In der hier doch sehr kargen Voralpenlandschaft gedeihen Pflanzen aus ganz Europa und darüber hinaus in Hülle und Fülle und lassen die Herzen eines jeden Natur- und Gartenliebhabers höher schlagen. Man spürt, hier in diesem Kleinod hat ein Mensch, durch die Arbeit in und mit der Natur, seine Erfüllung gefunden: Der Bärengarten von Georg „Schorsch“ Kössel ist im Allgäu wohl einzigartig.

Die Tradition bewahrt

Das traditionsreiche Gasthaus und Hotel der Familie Kössel, direkt am südlichen Ortsrand von Zell, befindet sich seit mehreren Generationen in Familienbesitz und wurde im Jahre 1680 erstmals erwähnt, erzählt Besitzer „Schorsch“ Kössel. Wie früher oft üblich gehörte zum Betrieb natürlich auch eine Landwirtschaft mit mehreren Hektar Boden und vielfältigem Tierbestand. Bis zum Jahr 1972 wurde beim „Bären“ auch noch Milchvieh gehalten und sogar eine beträchtliche Anzahl Schweine fand im Untergeschoß des Gasthauses damals seinen Platz, diese hatten aber „öfters Probleme mit den komischen Touristen“, sagt Schorsch mit einem verschmitzten Lächeln.

In der Blütezeit des Fremdenverkehrs, Mitte der 70er, Jahre investierte die Familie intensiv in den Hotel- und Restaurantbereich und der „Bären in Zell“ erwarb sich einen Namen weit über die Region hinaus, gleichzeitig verlor die Landwirtschaft in dieser Zeit an Bedeutung. Als Ende der neunziger Jahre der Betrieb an Georg Kössel übergeben wurde, folgte für den gelernten Küchenmeister eine Phase der Neuorientierung. Die von seiner im Jahre 2003 plötzlich verstorbenen Mutter geerbte Leidenschaft für das „Garteln“ wurde für ihn wechselweise zur Therapie, Mission und Leidenschaft. Aus dem damals kleinen Tomatengewächshaus auf der Hotelgarage entwickelte sich im Laufe der Jahre eine mehrere tausend Quadratmeter große Kräuter- und Gemüselandschaft. Wo früher neben dem Hotelparkplatz noch Jungvieh weidete, befindet sich heute eine Pflanzenpracht die in keiner Weise auf eine Höhenlage von 900 Meter hindeutet.

Gewusst wie

„Es wächst alles hier. Man muss nur wissen, wie“, erzählt Schorsch Kössel. Und wenn der Besucher über die Gemüsebeete mit der prächtigen „Salattorte Hildegard“ bis zur 270 (!) Meter langen Kräuterspirale (erstellt im Jahr 2012) blickt, bleiben keine Zweifel: Er und sein Team – sie wissen es. Bis zu vier Arbeitskräfte sind während der Saison hier im Bärengarten beschäftigt und ernten von Frühjahr bis Herbst tonnenweise Frischware, die direkt vor Ort verwendet wird. Allein 6000 Salatköpfe finden neben über 200 verschiedenen Tomatensorten, heimischen und exotischen Kräutern, bekannten und unbekannten Gemüsearten, in der Hotelküche ihre Verwendung. Egal ob Einzelgericht, Beilage oder spritzige Limonade – fast alles kommt in irgendeiner Komposition aus dem Bärengarten.

Kräuterwerkstatt im Hotelanbau

Kräeuterspirale

Im Frühjahr 2021 wurde die sogenannte Kräuterwerkstatt im Hotelanbau in Betrieb genommen. Hier werden die Kostbarkeiten aus dem Garten in verschiedenster Weise veredelt. Zu jedem Produkt und zu jeder Pflanze kennt Georg Kössel eine Geschichte und als Gast nimmt man staunend zur Kenntnis wie aus diversen Zutaten Kräutertees, Gewürzmischungen aber auch Aufstriche und Essigvarianten entstehen. Mittlerweile ist daraus ein umfangreiches Sortiment geworden, das vor Ort, aber auch in seinem Onlineshop, erhältlich ist.

Hört man Schorsch bei einer der kostenlosen, wöchentlichen Kräuterwanderungen zu, erkennt man einen Menschen, der „Bodenhaftung“ lebt. Man möchte fast sagen, seine Füße sind wie Wurzeln. Er sagt, sein Wissen um die Natur hat er sich durch lesen und ausprobieren selbst beigebracht, dabei ließ er sich inspirieren durch die Lehren von Pfarrer Kneipp, Hildegard von Bingen, Maria Thun und nicht zuletzt auch persönlich durch das Allgäuer Urgestein Pius Lotter. „Das wichtigste Gut ist die Freiheit“ und „Hab Demut vor der Natur“: Das sind Leitmotive für ihn bei der Arbeit im Garten und auch beim Umgang mit den Tieren, die im wenige Hundert Meter entfernten Gebäude untergebracht sind.

Seltene Schweine- und Hühnerrassen sind hier mit weitläufigem Auslauf vorzufinden und liefern zusätzlich zu den Fischen aus den drei eigenen Teichen weitere Bereicherungen für die Restaurantspeisekarte. Wenig Demut und Gnade lässt Schorsch jedoch, wie so viele Gartenfreunde, bei der Schneckenbekämpfung walten: Wenn alle Methoden versagen, hilft auch bei ihm nur noch Absammeln – wenigstens dient das Getier den Fischen als Nahrung.

Die Küche bereichert

Der Bärengarten in Zell wächst weiter und ist die letzten Jahre um eine „Lebende Laube“ und eine kleinen Weingarten erweitert worden, aus dem im Jahre 2019 der erste Wein hervorgegangen ist. Auch Mehl vom Schorschs Dinkelacker bereichert seit einem Jahr das Hotel und die Restaurantküche. Hier übernimmt die nächste Generation allmählich die Verantwortung: Tocher Pauline, Sohn Joschua und Schwiegertochter Sophie sind vom Fach und werden diesen Bereich in die Zukunft führen.

Georg Kössels Schaffenskraft ist so vielfältig, wie die Anzahl der Pflanzen in seinem Garten (z. B. 70 verschiedene Minzen und 60 Bohnenarten), und zeigt sich nicht zuletzt an den selbstgestalteten Namensschildern für jede Gattung. Darüber hinaus hat er mittlerweile im Eigenverlag ein Koch- und Kräuterbücher veröffentlicht, zuletzt auch einen Gartenroman mit dem Titel „Schneckenjagd“. Während den Sommermonaten bietet Schorsch im Bärengarten auch kulturelle Leckerbissen an und lädt Musikgruppen aus der Region zu sich ein. Die Einnahmen aus diesen Veranstaltungen werden überwiegend für soziale Projekte im Allgäu verwendet.