Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Staatsanwaltschaft ermittelt

Ausgebaggerter Wildbach: "Fehler nicht nur bei den Alpbauern suchen"

Rappenalpbach-Baggeraktion
Michael Nagel Portrait
Michael Nagel
am Montag, 28.11.2022 - 13:09

Ein mit der Materie vertrauter Landwirt spricht von „Verkettung unglücklicher Umstände“.

Oberstdorf / Lks. Oberallgäu Groß ist die Aufregung über die durchaus deutlichen baulichen Eingriffe auf einem Teilstück des Rappenalpbachs unweit von Oberstdorf. Auf einer Länge von etwa 1,6 Kilometern sei das Ökosystem mit schwerem Gerät „massiv geschädigt“ worden, „ist alles tot“, beschreiben Umweltschützer das Ergebnis der Arbeiten mit drastischen Worten. Die Bachsohle sei in weiten Teilen zerstört worden, seltene Kleinstlebewesen verschwunden. Und das, obwohl vom Landratsamt Oberallgäu bei einer Vor-Ort Begehung infolge eines Schlagwetters Ende August lediglich eine Gewässerpflegemaßnahme an vier Stellen genehmigt worden war, aber keine „Gewässerumbaumaßnahme“, wie Sprecherin Franziska Springer dem Wochenblatt sagte. In der Folge seien die Maßnahmen auch nicht weiter beaufsichtigt worden. Das Wasserwirtschaftschaftsamt war im Vorfeld gar nicht eingebunden, bestätigt dessen Leiter Karl Schindele auf Anfrage.

Es wurden grobe Fehler gemacht

Unter Verdacht und am Pranger stehen indes Alpbauern, Mitglieder einer Weidegenossenschaft, die sich hier seit mehreren hundert Jahren darum kümmern, dass die Flächen in einem guten Zustand sind und bleiben. „Wenn die nicht hier wären, dann gäbe es gar nichts zu schützen, sagt dem Wochenblatt ein Landwirt, der nicht namentlich genannt werden will. Er ist nicht Mitglied der Weidegenossenschaft, aber als Unternehmer selbst mit der Materie vertraut. „Hier wird ein ganzer Berufsstand diffamiert“, sagt er, und hält die Vorverurteilung der Landwirte für nicht gerechtfertigt. „Es sind sicher grobe Fehler gemacht worden“, räumt er ein, sieht diese allerdings weniger bei den Alpbauern als vielmehr in einer „Verkettung unglücklicher Umstände“. Nach einer Razzia bei einem Mitglied der Weidegenossenschaft fragt er sich, wie so ein „völlig unverhältnismäßiges“ Vorgehen wohl bei anderen Genossenschaftsvorständen ankommt.

Der Reihe nach: Die Weidegenossenschaften sind verpflichtet, ihre Flächen zu pflegen und in einem Zustand zu erhalten, u. a. dass sie zuschussfähig bleiben. Das sei schon lange so. Das sei auch wichtig für einen funktionierenden Tourismus und gleichermaßen „extrem wichtig“ für den Naturschutz. Und das habe über Jahrhunderte funktioniert. „Die Zusammenarbeit mit der Weidegenossenschaft war bislang stets unkompliziert“, bestätigt auch die LRA-Sprecherin.

Starkregen zwang zum Handeln

Im Zuge des Klimawandels kommt es nun aber immer mehr zu Starkregenereignissen. So auch Ende August: Kies und Geröll wurde mit dem reißenden Wasser nach unten verfrachtet und hat sich an mehreren Stellen in den angrenzenden Weideflächen angesammelt. Die Weidegenossenschaft sah sich also zum Handeln gezwungen. Bei einem Termin mit dem Landratsamt vor Ort seien „vereinzelte, punktuelle Gewässerunterhaltungsmaßnahmen“ abgesprochen worden. Die Landwirte hatten daraufhin eine Firma beauftragt, Abhilfe zu schaffen.

Dann seien erste Fehler passiert. Dass hier gleich drei Bagger gleichzeitig angefahren wurden, lasse den Schluss zu, dass hier nicht mit Augenmaß, sondern eher im „Hau-Ruck-Verfahren“ geplant und gearbeitet wurde. Entscheidend in der Folge seien wohl fehlende Absprachen des Unternehmers mit seinen Baggerführern gewesen. In so einem sensiblen Bereich hätte es entsprechend erfahrene Leute gebraucht, die gewusst hätten, dass man nicht so tief baggern dürfe, weil sonst die Bachsohle zerstört würde. In einer zerstörten Bachsohle versickere das Wasser, anstatt das Geschiebe durchzutransportieren.
 

Kiestransport rechnet sich nicht

Weiteres Problem: Der Bach sei zu sehr begradigt worden, das Kies an Wänden aufgetürmt worden. Früher habe man solchen Kies zum Wegebau genutzt, heute brauche man das Material meist nicht mehr vor Ort. Die enormen Mengen müssten weg gefahren werden, was sich aufgrund der hohen Transportkosten aber nicht mehr lohne.

Natürlich könne man fragen, ob sich die Verantwortlichen der Weidegenossenschaft laufend ein Bild vom Fortgang der Arbeiten gemacht haben und ob sie hätten einschreiten können. Dies wird wohl tatsächlich zu klären sein im Rahmen der strafrechtlichen Aufarbeitung, denn der ganze Vorgang liegt inzwischen bei der Staatsanwaltschaft Kempten.

Die Schäden könne man wieder in den Griff bekommen

Gleichwohl sei davon auszugehen, dass das Ganze „wieder in den Griff zu bekommen“ ist, wie der Fachmann erklärt. Ein solcher Eingriff sei eigentlich eine schöne Arbeit, man könnte vereinzelt Biotope oder Kiesdepots anlegen. Wichtig sei, mit Bedacht vorzugehen, mit zeitlichem Verzug. Was freilich bedeutete hätte, dass die Bagger mehrfach hätten hin- und weggebracht werden müssen - und das kostet.

Was den Landwirt aber am meisten stört, ist die sofortige Empörung und Anklage der Weidegenossen in der Öffentlichkeit. „So geht man nicht mit den Leuten um“, sagt er. Wenn die Vorstandschaft der Weidegenossenschaft, die das Erbe ihrer Vorgänger stets mit Bedacht fortgeführt haben, nun hinschmeiße, sei niemandem geholfen. Denn auch da seien Fachleute gefragt.

Ihr Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
blw digital iphone blw digital macbook
Hefttitelbild Printausgabe Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt