Waldpflege

Aufforstung: (K)ein Buch mit sieben Siegeln

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Toni Ledermann
am Mittwoch, 16.09.2020 - 09:17

AELF und FBG Mindelheim zeigen alternative Lösungen zur Wiederaufforstung und wie Baumbestände dem Klimawandel angepasst werden können.

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Gleich nördlich des Kneippstädter Gewerbegebiets und der Segelfliegerhalle befinden sich sehr abwechslungsreiche Waldflächen, die auch mit nicht alltäglichen Arten wieder aufgeforstet wurden, wie der Leiter des AELF Mindelheim Rainer Nützel vor vielen interessierten Waldbesitzern auf einer Abendveranstaltung vor Ort erklärte. Nach deren Begrüßung ging FBG-Repräsentant Raymund Ball kurz auf die derzeit schlechten Preise am Holzmarkt ein. Er wies darauf hin, dass es an diesem Abend mit dem zuständigen Revierförster Marcel Lyschik um den Komplex „Wiederaufforstung von schwierigen Schadflächen und alternative Baumarten“ geht. In dem kleinräumigen Gebiet bei Kirchdorf sei es seit gut 20 Jahren zu Waldschäden gekommen.

Mit Blick auf den „erbärmlichen Holzmarkt“ griff Ball nur die wichtigsten Fakten heraus: „Wir befinden uns nicht nur deutschland-, sondern auch mitteleuropaweit in einer Ausnahmesituation, zum einen wegen Corona, zum anderen wegen des Holzmarkts.“ Schon seit fast zwei Jahren seien in weiten Teilen Deutschlands Waldschäden durch Trockenheit zu beklagen, die Käfer setzen den Bäumen zu.

Holzpreise katastrophal wie lange nicht mehr

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„Wir im sonnigen Süden haben Glück, wir hatten immer wieder Regen,“ machte Ball deutlich. Dennoch seien die Holzpreise so katastrophal wie lange nicht mehr und vergleichbar mit dem Überangebot nach dem Orkan „Wiebke“.

Um den Markt zu entlasten, habe die FBG ihren Holzeinschlag stark zurückgefahren. Ball zufolge ist die FBG Mindelheim jedoch aus dem Gröbsten heraus. Der Borkenkäfer habe nur maßvoll zugeschlagen, was aber vor Ort noch keine Auswirkungen auf die aktuellen Holzpreise zeigt. Sie liegen bei nur 15 bis 35 €/fm, bei krankem Holz sind es noch 13 bis 18 €. Dies bedeutet für Waldbauern, die Lohnunternehmer beauftragen, dass die Aufarbeitungskosten mit rund 20 € über den Holzpreisen liegen. Trotzdem zeigte sich Ball optimistisch. „Wir vermuten, dass ab Herbst vielleicht der ein oder andere Langholzsäger wieder Holz nachfragen und dazu bereit sein wird, 65 bis 80 Euro pro Festmeter zu bezahlen.“ Wer also gefährdete Teilbestände hat, könnte nachdenken, ob er das Risikoholz zu diesem Preis einschlagen und verkaufen würde.

Lyschik wies darauf hin, dass die Waldbauern nach Stürmen oder bei Käferlöchern immer wieder vor der Frage stehen, welche Holzart sie zur Aufforstung heranziehen wollen. Deshalb wurden auf der Veranstaltung beispielhafte Flächen mit ganz unterschiedlichen Baumarten besucht.
So ließ die Stadt Bad Wörishofen auf dem Standort bei Kirchdorf auf einer Fläche von rund 6 ha auch einige „Exoten“ in den Waldboden setzen. Allerdings gebe es auf die Frage nach der richtigen Baumart keine pauschale Antwort. Den Wunderbaum gebe es nun einmal nicht. Bei der Auswahl stehen dem Waldbesitzer die Revierförster und FBG-Mitarbeiter gerne zur Seite. Wichtig seien dabei die Standortkarte, die es für jede Forstfläche gibt, aber auch Faktoren wie Lichteinfluss, Verunkrautung, Mäuse oder Wind.
Vor Ort beispielsweise sei ein mäßig trockener bis mäßig frischer und sandig-kiesiger Lehmboden vorhanden. Gleich darunter steht Wertach-Kies an. Das heißt für die Forstleute, dass der Kalkgehalt im Boden sehr hoch ist – für ein paar Baumarten ein Ausschlusskriterium. Bei der vorhandenen Humusschicht von rund 30 cm hängt das Wachstum eng mit den Niederschlagsmengen zusammen.
Der Referent ging auch auf die erste Regel bei der Wiederaufforstung von Kahlflächen ein. Sie lautet: Kahlflächen vermeiden! Das mag auf den ersten Blick zwar seltsam klingen, doch gebe es Möglichkeiten, kahle Stellen im Forst zu vermeiden, beispielsweise durch Voranbau und Unterpflanzung von Baumarten wie Buche, Tanne und Eibe. Günstig sei hier auch eine Naturverjüngung, wenn der Bestand immer wieder gepflegt wird. „Alles was schon da ist, wenn der Altbestand weg ist, hilft Ihnen und vermeidet enorme Probleme wie Kosten und Pflegeaufwand.“

Elsbeere erzielt hohe Preise bei Submissionen

Lyschik zeigte den Waldbauern eine Buchengruppe, die gepflanzt wurde, als noch ein geschlossener rund 60-jähriger Fichtenbestand vorhanden war.
Heimische Baumarten, die zur Wiederaufforstung zur Verfügung stehen, sind laut Lyschik Buche, Traubeneiche, Berg- und Spitzahorn, Winterlinde, Sandbirke, Waldkiefer und Lärche. Seltene heimische Baumarten sind Elsbeere, Kirsche, Edelkastanie und Eibe. Heuer wurden versuchsweise Atlaszeder und Küstentanne gepflanzt.
Über die Elsbeere informierte die Referendarin im Forstamt Mindelheim, Sabrina Wunderl. Neben der Wärme liebt die Elsbeere nährstoffreiche, basische und trockene Standorte. Auch Trockenjahre übersteht sie meist unbeschadet. Sie ist frosthart und selbst Spätfröste nach dem Blattaustrieb verkraftet sie gut. Der Preis für einen Setzling beträgt 3 bis 4 €. Die Elsbeere liefert laut Wunderl sehr wertvolles Holz und erzielt auf Submissionen hohe Preise.
Lyschik erklärte, dass als alternative Baumarten Robinie, Roteiche, Douglasie und Küstentanne, Baumhasel, Lindenblättrige Birke, Atlas- und Libanonzeder in Frage kommen. Der Klimawandel laufe für manche Baumarten so schnell ab, dass sie sich kaum anpassen können. Deshalb werden sie durch Zukunftsbäume wie die Douglasie ergänzt.