Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Konferenz

Artgemäße Kälberaufzucht bietet Vorteile

Muttergebundenen Kälberaufzucht
Eberhard Westhauser
am Montag, 21.06.2021 - 13:47

Das Trennen und Absetzen bei der muttergebundenen Kälberhaltung ist nicht einfach. Milchviehhalter tauschten nun Erfahrungen aus.

Der Verband Demeter propagiert seit längerer Zeit die muttergebundene Kälberhaltung, lässt die Entscheidung jedoch seinen Mitgliedern frei. Eine wichtige Frage ist, wie sich Kälber nach einer 3-4-monatigen Dauerbeziehung zur Mutter stressfrei von ihr trennen lassen. Dazu fand ein Online-Seminar mit Praxisberichten und mit Referentin Silvia Ivemeyer von der Uni Kassel Witzenhausen, Fachgebiet Nutztierethologie und Tierhaltung, statt.

In der Landwirtschaft hat sich über Jahrzehnte die Praxis durchgesetzt, das Kalb unmittelbar nach der Geburt von der Mutter zu trennen. Die Milch soll verkauft und nicht für die Aufzucht der Kälber „vergeudet“ werden. Wirtschaftliche Belange sind jedoch erfahrungsgemäß nicht immer deckungsgleich mit denen der Tiere. So haben einige Betriebe in Deutschland umgedacht und praktizieren ein System der artgemäßen Kälberaufzucht, die mutter- und ammengebundene Kälberhaltung. In Studien wird auf folgende Vorteile verwiesen:

  • artgemäßes, natürliches Verhalten von Kuh und Kalb, intensives Spiel- und Sozialverhalten
  • weniger Krankheiten als bei der Eimertränke
  • höhere Tageszunahmen während der Saugphase, > 50 % der Kälber > 1000 g/Tag
  • bessere Entwicklung, bessere Kälbergesundheit, früheres Erstkalbealter und höhere erste Laktation
  • kein Besaugen von Artgenossen und Gegenständen
  • keine Tierarztkosten.

Zu bedenken ist aber auch, dass der Verkaufserlös der Kälber wesentlich höher sein muss, um den monetären Verkaufsmilchverlust zu kompensieren. Außerdem ist diese Haltung arbeitsintensiver und beim Absetzen entsteht Stress: Kuh und Milch sind weg. Deshalb erfolgt kein abruptes Absetzen.

Es gibt hier drei grundsätzliche Methoden der Kälberaufzucht:

  • langzeitiges (3-4 Monate), aber eingeschränktes Saugen mit zusätzlichem Melken: Die Kälber kommen zweimal täglich zum Säugen zu ihren Müttern.
  • längere Säugeperiode mit unbefristetem Saugen und mit zusätzlichem Melken: Die Kühe werden neben dem ganztägigen oder mehrstündigen Kälberkontakt ein- bis zweimal am Tag gemolken.
  • langzeitige Säugeperiode ohne zusätzliches Melken: Zwei bis vier Kälber teilen sich jeweils eine Ammenkuh. Nach dem Absetzen der Kälber können die Ammen ebenfalls wieder gemolken werden.

21 Betriebe befragt

Für eine Studie wurden in Deutschland zwischen August 2018 und Januar 2019 21 Betriebe befragt. Dabei ging es neben Haltungsfragen im Wesentlichen um das Absetzen (von der Milch) und das Trennen (von der Kuh/Amme). Bei allen Betrieben liegt der Absetzzeitpunkt von der Milch im Durchschnitt bei 19 Wochen (12 – 31 Wochen). Recht unterschiedlich wird das Trennen praktiziert: Bei etwa der Hälfte der 21 Betriebe erfolgt die Trennung des Kalbes von der Kuh und das Absetzen von der Milch zeitgleich. Die anderen Betriebe haben sich für ein abgestuftes Trennen und Absetzen entschieden, z. B. zuerst Trennen von der Kuh und später Absetzen von der Milch. Oder umgekehrt. Kälber bleiben in diesem Fall mit „Nose-Flaps“ in der Herde. In Einzelfällen wird auch ein allmähliches Verkürzen des Kuh-Kalb-Kontaktes praktiziert. Die Fütterung der Kälber erfolgt separat im Großraumiglu. Der Kontakt wird von 2 mal täglich auf 1 mal täglich reduziert.

Wie sieht das System in der Praxis aus?

Mechthild Knösel, Hofgut Rengoldshausen: Mechthild Knösel leitet seit 16 Jahren den Rinderbereich des Demeterbetriebes Hofgut Rengoldshausen am Bodensee. Von 70 ha Grünland und ca. 35 ha Luzerne und Kleegras wird ausschließlich Heu gewonnen. Das ist die Futtergrundlage für 50 Schweizer Original Braunviehkühe mit einer Milchleistung von etwa 5000 kg/Jahr. Im Betrieb wird kein Kraftfutter gefüttert. „Für mich war eigentlich immer schon klar, dass die Aufzucht der Kälber an den Müttern die beste Option darstellt. Meine Kälber sind 24 Stunden bei den Kühen, egal ob im Stall oder auf der Weide“, sagt sie. Der Boxenlaufstall wurde so geplant, dass er alle Voraussetzungen erfüllt. Vier Wochen sind Kühe und Kälber in der Abkalbebox mit uneingeschränkten Kontaktmöglichkeiten. Dem Kalb steht über viele kleine Mahlzeiten Milch ad libitum zur Verfügung. Die Kühe werden ab dem 1. Tag im Melkstand gemolken.

Hörbarer Stress

Nach den ersten vier Wochen unmittelbarer Kuh-Kalb-Beziehung folgt auf dem Betrieb eine 8-wöchige Zeit, wo es nur noch zwei Trinkzeiten gibt. „Das bedeutet hörbaren Stress für beide Seiten, denn ,Mama‘ ist nicht mehr da.“ Deshalb nehmen wir uns auch fünf Tage Zeit zur Umgewöhnung.“ Danach ist der Prozess abgeschlossen. Die Kühe sind wieder Teil der Herde und die Kälber im Tiefstreu-Kälberstall mit ihren Artgenossen. Die Entwöhnung von der Mutter heißt aber nicht absetzen der Milch. Nach einer weiteren 5-tägigen Umgewöhnung kommt das Kalb zu einer Ammenkuh. Es gebe keine Probleme, wenn ihr eigenes Kalb auch trinkt. Übrigens würden sich Kälber schnell umorientieren und „schon einen Strich finden“, sagt Knösel. Die Absetzphase wird zusätzlich attraktiv über das Angebot von Futtermöhren. Die Absetzer haben mit 16 Wochen ein Durchschnittsgewicht von rd. 200 kg. Wichtig sei, dass die Kälber im Durchschnitt über die gesamte Tränkezeit täglich rd. 10,5 l Milch trinken. „Das ist für mich kein Milchverlust, sondern ein Gewinn, denn ich habe gesunde Kälber, die wir mit optimalem Wachstum und hoher Fleischqualität alle direkt vermarkten“, stellte Mechthild Knösel fest.

Familie Aumund, Grashornhof, Gmd. Ostercappeln, Osnabrücker Land: Der Betrieb hat im Durchschnitt 90 Holstein-Kühe (British-Friesian-Verdrängung und Jersey) mit einer Milchleistung von rd. 7800 kg/Jahr. Seit 2017 wird kuhgebundene Kälberhaltung praktiziert. Es sei eine relativ teure Aufzucht, deshalb sei ein angemessener Vermarktungspreis notwendig, der über Direktvermarktung realisiert wird. Eine kurze Mutter-Kalb-Phase in der Abkalbebucht werde durch eine Ammenhaltung mit bis zu vier Kälbern je Amme abgelöst. Damit sei die Biestmilchversorgung gesichert. Nach vier Monaten wird abgesetzt. Die Kälber seien da relativ entspannt und hervorragend entwickelt. Die Kühe brauchten etwas länger, um den Trennungsschmerz zu überwinden. Durch den Kontakt mit dem Kot der Kühe komme es öfter zum gefürchteten Kälberdurchfall.
Familie Teschemacher, Hof Berg GbR, bei Eutin: Das Betriebsleiterehepaar hält rd. 70 Milchkühe. Es sind Kreuzungstiere der Rassen Schwarzbunt Holstein und Deutsches Schwarzbuntes Niederungsvieh (DSN) mit einem Stalldurchschnitt von rd. 7800 kg Milch/Jahr. Im Betrieb wird auch Käse produziert und im Hofladen verkauft. Seit fünf Jahren wird dort muttergebundene Kälberhaltung praktiziert, jedoch werden 90 % der Bullenkälber nach zwei Wochen verkauft. Man sei immer noch am Dazulernen und sei interessiert an Tipps von anderen Praktikern. In der Abkalbebucht seien Kälber und Mütter beisammen. Danach seien es 8 bis 12 Kühe, an denen die Kälber saugen. Diese seien markiert, damit beim Melken das Euter nicht komplett entleert wird. Nach drei Monaten wiegen die Kälber im Schnitt 150 kg. Nach dem Absetzen stagniere die Gewichtszunahme für rd. 2 Wochen. Der Trennvorgang werde abgemildert, indem der Zeitraum des Beisammenseins immer mehr reduziert wird. „Unser Betrieb liegt mitten im Dorf und wir legen Wert auf eine gute Nachbarschaft, das heißt, wir praktizieren einen Trennungsvorgang, der uns nicht nächtlich den Schlaf raubt, vor lauter Brüllen“, sagten die Betriebsleiter.