Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Artenschutz

Artenvielfalt braucht nicht viel

Lehrkraft Claudia Schatz (r.) erklärte ihren Studierenden, dass auch kleine Maßnahmen wie Totholzhaufen oder Nistkästen zum Artenschutz beitragen.
Anja Kersten
am Freitag, 09.12.2022 - 08:27

Landwirtschaftsschüler lernen vor Ort, wie Artenschutz mit wenig Geld und Aufwand gelingt.

Unteregg/Lks. Unterallgäu Viele Landwirte leisten einen wichtigen Beitrag zur Artenvielfalt, oft, ohne sich dessen richtig bewusst zu sein. Denn auch Hecken, Totholzhaufen, Bäume oder Nistkästen sind Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Um mehr Artenvielfalt sorgt man sich auch auf dem Biolandbetrieb Bauschmid in Rappen bei Unteregg. 20 Studierende des 1. Semesters der Landwirtschaftsschule Kaufbeuren konnten sich dort mit Claudia Schatz, Lehrkraft Naturschutz und Landschaftspflege an der LWS Kaufbeuren, und Bioland-Fachberaterin Ruth Schuhwerk umsehen.

Bewusstsein schärfen

Ziel war, bei den Schülern das Bewusstsein für Artenvielfalt in der Landwirtschaft zu schärfen. Denn neben gesetzlichen Vorgaben zum Erhalt der Artenvielfalt hat Bioland seit 1. Januar 2021 eine Biodiversitäts-Richtlinie geschaffen, um einen Mindeststandard für Leistungen zum Erhalt der Biodiversität zu setzen. Dieser geht über das hinaus, was die Betriebe durch die ökologische Wirtschaftsweise ohnehin leisten.

Ruth Schuhwerk: Gewässer und Uferstreifen sind ein wichtiger, schützenswerter Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

„Eine verantwortungsvolle Landnutzung ist für viele heimische Arten der Schlüssel zu ihrem Überleben“, erklärte Schuhwerk. Ein System für eine zukunftsfähige Landwirtschaft, wie Bioland sie entwickeln möchte, müsse deshalb auch eine Lösung für den Erhalt der Biodiversität in agrarisch genutzten Landschaften bieten. Der ökologische Landbau habe zwar viele Vorteile für den Erhalt und die Förderung der Artenvielfalt, allerdings sei in Studien nachgewiesen worden, dass diese Wirtschaftsweise alleine nicht ausreicht und weitere Maßnahmen durchgeführt werden müssten, um die Biodiversität zu fördern, nannte Schuhwerk die Hintergründe.

Dabei gehe Bioland bei der Umsetzung neue Wege, erklärte sie die Vorgehensweise. Statt auf Gebote und Verbote beruhe die Richtlinie auf einem Punktesystem. Jeder Betrieb sammelt mit Maßnahmen aus unterschiedlichen Katalogen individuelle Punkte. So werde verschiedenen Betriebssystemen, Landschaften und Fördersituationen bestmöglich Rechnung getragen, erläuterte sie das System.

Punktesystem eingeführt

Die Einführungsphase der Biodiversitäts-Richtlinie dauere bis einschließlich 2023. In den Jahren 2021 und 2022 seien alle Bioland-Betriebe zur Eingabe ihrer Biodiversitäts-Daten in den Biodiversitätsdaten verpflichtet. Allerdings müsse in diesen Jahren noch keine Mindestpunktzahl erreicht werden, wie Schuhwerk betonte. 2023 läge die Mindestanforderung bei 80 Punkten, 2024 erstmalig bei 100 Punkten. Zur Dokumentation der betriebsindividuellen Maßnahmen und der Sammlung der Punkte werde ein digitaler Biodiversitäts-Rechner genutzt, in den jeder Betrieb seine Angaben einträgt.

Das müssen nicht unbedingt neue Maßnahmen sein, wie die Studierenden selbst bei einem Rundgang über den landwirtschaftlichen Betrieb und seine Felder feststellten. „Garantiert findet man auf jedem Betrieb einen Beitrag zur Artenvielfalt“, ermunterte die Bioland-Beraterin die Studierenden dazu den eigenen Betrieb, egal ob Biobetrieb oder konventioneller Betrieb, mal genauer auf diese Kriterien zu prüfen. Ein fester Zaun oder ein Zaun, der höchstens einmal im Jahr abgebaut wird und an dessen Rand deshalb nicht gemäht wird, schaffe Lebensraum für Tiere genauso wie Hecken, Bäume oder unbefestigte Feldwege, die nicht aufgekiest werden. Eine Hecke diene darüber hinaus als Wind-, Regen und Sonnenschutz, auch für Tiere auf der Weide.

Kleine Beiträge zur Artenvielfalt

Viele Maßnahmen wie Nisthilfen, ein abgestorbener Baum oder ein Totholzhaufen würden fast nichts kosten, seien kein großer Aufwand, aber jeder für sich sei ein Beitrag zur Artenvielfalt. Dabei dürfe es ruhig mal „ordentlich g‘schlampert“ sein, setzte Claudia Schatz am Beispiel eines Totholzhaufens oder eines Humushaufens hinzu. Offene Erdflächen würden zum Beispiel Erdhummeln oder Erdbienen einen Lebensraum bieten. Auch Gewässer mit Schutzstreifen an Gewässern, oder Einzelbäume trügen zur Artenvielfalt bei, zeigten Claudia Schatz und Ruth Schuhwerk bei einem Gang durch die Felder.

Die Landwirtschaft und jeder einzelne Betrieb tue ganz viel für die Umwelt, auch wenn das in den Medien oft anders dargestellt werde, erklärte die Bioberaterin. Mit der Checkliste zur Biodiversitätsaufwertung in landwirtschaftlichen Betrieben sollen sich die Betriebe dessen bewusst werden und damit auch besser gegenüber Verbraucher und Verbraucherinnen argumentieren können, verdeutlichte Schuhwerk. Das gemeinsame Fazit lautete an diesem Tag: „Biodiversität ist mit moderner Landwirtschaft kombinierbar.“