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Volksbegehren

Artenschutz - nur unterschreiben reicht nicht

Toni Ledermann
am Dienstag, 05.03.2019 - 14:10

Immer mehr Landwirte stellen Flächen für Blühwiesen zur Verfügung.

Blühpatenschaft

Westernach/Lks. Unterallgäu Das Volksbegehren „Rettet die Bienen!“ hat bei vielen Landwirten Frust hervorgerufen. Sie sollen nun dafür sorgen, dass es wieder mehr Insekten gibt. Davon dass auch Kommunen, Industrie, Verkehr und auch Kleingärten zum Insektenschwund beigetragen haben, ist nichts zu hören. Landwirt Stephan Sontheimer und die Bauernfamilie Häfele (beide Westernach) reagieren. Sie wollen jetzt mithelfen, dass sich Nichtlandwirte an Blühflächen beteiligen können.

Sontheimer bewirtschaftet mit seiner Familie einen Milchviehbetrieb mit 50 Kühen auf 30 ha LN. „Wir bieten eine ökologisch bewirtschaftete Blumen- und Kräuterwiese an, die trotzdem als landwirtschaftlich genutzte Kulturfläche erhalten beiben soll“, erklärt Sontheimer Dies will er durch Veränderungen der Bewirtschaftung vorantreiben. So soll dort nur noch drei Mal gemäht werden, statt wie bisher doppelt so oft, frühestens aber nach der Blüte der meisten Wiesenblumen. Es soll auch kein mineralischer Dünger ausgebracht und auf chemischen Pflanzenschutz verzichtet werden.

Spezielles Saatgut

Damit sich der Bestand schneller umstellt, will er spezielles Wiesenblumen- und Wiesenkräuter-Saatgut in die bestehende Grasnarbe nachsäen, und zwar per Schlitztechnik. „Es soll so nach und nach eine landwirtschaftliche Kulturwiese entstehen, auf der heimische Wiesenblumen, Gräser aber auch Kräuter wachsen. Sontheimer weiter: „Natürlich wäre es schön, wenn meine gesamten Wiesen und Felder so umgestellt werden könnten, aber davon gehe ich nicht aus“.

Per Wurfzettel und einem Bericht in der Tageszeitung hat er inzwischen 18 Interessenten gefunden, denen der Landwirt eine 1,25 ha große Wiese anbietet, um daraus „die erste Kultur-Blumen und Kräuterwiese Westernachs“ zu machen. Steigt das Interesse, so könnten weitere Flächen hinzu kommen.

Wie will Sontheimer den Minder­erlös ausgleichen? Als Fachmann weiß er natürlich, dass das Futter dieser Wiesen wenig Eiweiß hat und damit auch die Milchleistung sinken werde. Sein Herdenschnitt liegt aktuell bei 7700 kg Milch. Vor vielen Jahrzehnten, als die Wiesen  gleichermaßen arm an Inhaltsstoffen waren, lag die Milchleistung der Kühe bei durchschnittlich nur etwa 3000 kg.

Durch eine  Blühwiesen-Patenschaft für je 300 € will er diese Lücke schließen. So könne der Hof weiter auskömmlich wirtschaften. Die Vereinbarung soll neun Jahre laufen. Je mehr Interessenten mitmachen, um so mehr Flächen könnten zu Blühwiesen umfunktioniert werden. Um dieses Projekt nach außen zu dokumentieren, werden an den Blühwiesen entsprechende Schilder angebracht. Auf Wunsch auch mit den Namen der Beteiligten. 

Nur Lippenbekenntnisse?

Sontheimer

Gleichwohl weiß Sontheimer, dass ein gewaltiger Unterschied zwischen Lippenbekenntnissen „pro Natur“ und echtem, umweltbewusstem Handeln liegt. Doch mit seinem Modell könnte durchaus etwas Abhilfe geschaffen werden: Der Pate trägt über seine Beteiligung, die er als Zertifikat bekommt, für mehr Artenvielfalt und eine ökologischere, naturverträglichere Landwirtschaft bei. Und dies bei konventioneller Landwirtschaft.

Bio nicht um jeden Preis

Apropos konventionelle Landwirtschaft: Der Sontheimer Hof wäre generell interessiert, auf Bio umzustellen, doch da am jetzigen Standort keine Möglichkeit für Freilauf besteht, müsste ein Aussiedlerhof gebaut werden. „Wieder würde ein Stück Natur in der Größe von zwei Hektar zubetoniert und da wir ja schon seit 1990 einen Laufstall haben, sehen wir für uns keinen Sinn darin, auf einer Wiese nochmal einen Stall zu bauen. Nur damit gewisse Kriterien für Bio erfüllt werden können, wollen wir uns nicht derart verschulden“, sagt Sontheimer . „Das wäre für uns das Ende als bäuerlicher Familienbetrieb“. Also, wer sich hier engagieren will, kann sich unter stephan.sontheimer@web.de melden.

Bienen und Hummeln

Häfele

Unweit vom Sontheimer-Hof befindet sich der Betrieb Häfele, der einen Teil seiner Milch im Direktvertrieb an etwa 1000 Haushalte im Unterallgäu liefert. Die beiden Brüder, Stefan und Albert Häfele und ihre Ehefrauen sowie die Altenteiler, teilen sich die Aufgaben am Betrieb. Stefan ist für die Landwirtschaft zuständig, sein Bruder für die Hausmolkerei und den Vertrieb der Milch und weitere eigenerzeugte Milchprodukte.

Häfeles bewirtschaften insgesamt 46 ha, 20 ha Grünland und 26 ha Mais. Gerade um den Mais herum sollen Blühstriefen entstehen, was die Familie seit 2003 auch schon macht. Ihr Konzept sieht vor, Patenschaften für 30 m² Blühfläche zu je 30 € für diesen Sommer 2019 zu vergeben. „Zu Beginn hatten wir nur Sonnenblumen, sagt Häfele. Und das Insektensterben sei anfangs nicht der Grund für die Blühstreifen gewesen. Im vergangenen Jahr konnten wir dort den ganzen Sommer über viele Bienen, Hummeln und Schmetterlinge und allerlei Kleinlebewesen beobachten,“ berichtet der Bauer.

Wie kann man bei Häfeles „Blühpate“ werden? Einfach auf der Homepage
www.haefeles.de den entsprechenden Coupon ausfüllen, und schon bekommt man nähere Einzelheiten mitgeteilt. Bei den Häfeles erfolgte die Erstwerbung dafür über Handzettel, die bei den Hauslieferungen mit abgegeben wurden. Auch bei Facebook wird auf die Aktion hingewiesen. Hier stellt die Familie auch die moderne Stallhaltung und Landwirtschaft vor.